Im Dienst für die Deutsche Rentenversicherung
Berlin-Brandenburg: Jonas Latza an seinem
Arbeitsplatz.
Im Dienst für die Deutsche Rentenversicherung Berlin-Brandenburg: Jonas Latza an seinem Arbeitsplatz.



Von der Sehnsucht nach Normalität


Die Corona-Pandemie hat die Welt verändert und wird sie wahrscheinlich weiter verändern. Die sogenannte „Sehnsucht nach Normalität“ in Zeiten von SARSCoV2 prägt die Gegenwart. Doch auch wenn noch niemand weiß, wie sie aussehen wird: Eine bessere Zeit wird kommen.

Eine bessere Zeit wird kommen. Diese Hoffnung haben Menschen mit einer oder mehreren Behinderungen meist nicht. Doch ihre Sehnsucht nach Normalität geht viel weiter und tiefer. Sie wollen so weit wie möglich an einem „normalen Alltag“ teilnehmen. Als denkende, fühlende und handelnde Menschen wollen sie nicht nur und meist noch nicht einmal vor allem als Menschen mit Behinderung wahrgenommen werden. Wie alle anderen Menschen auch wollen sie beispielsweise so berufstätig sein können, wie es ihren Neigungen, Wünschen und Fähigkeiten entspricht. Nur eben mit der Einschränkung, die ihre Behinderung setzt.
 

Noch ist Improvisation alles. Derzeit dient eine Schnur als Türöffner.


Jonas Latza, 32, ist Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung. Bei der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Berlin-Brandenburg ist er seit Oktober 2019 Administrator für das IT-Service-Management und zuständig für das sogenannte Ticketing-System. Darüber werden Verwaltungsprozesse aufgenommen, vom Melden eines Computerproblems über die Parkplatzbuchung bis hin zu Türschild-Änderungswünschen. Latza hat das System zur Reisekostenabwicklung und zum Dienstreisemanagement mit entwickelt. „Es macht mir Freude, mit meiner Arbeit an sehr vielen Stellen zur Problemlösung und reibungslosen Integration digitaler Prozesse in die analoge Arbeitswelt beizutragen.“

Räumlich ist Latzas Arbeitsbereich daran zu erkennen, dass an den Türklinken Schnüre hängen. Er wurde drei Monate zu früh geboren, dabei wurde sein Gehirn zeitweise nicht mit Sauerstoff versorgt. Seitdem setzt eine Zerebralparese seine Muskeln ständig unter zu viel Spannung. Dadurch ist er auch für kürzeste Distanzen auf einen elektrischen Rollstuhl angewiesen. Die Schnüre braucht er, um Türen eigenständig öffnen und schließen zu können. Sie sind eine Behelfslösung; elektrische Türöffner sind ihm bereits in Aussicht gestellt. Auch der höhenverstellbare Schreibtisch ist für ihn eine große Hilfe. Der körperlich schwerste Teil seines Tages ist der Toilettengang: Dafür braucht er einen besenstielartigen Stock.

Nach der gesetzlichen Definition sind Menschen schwerbehindert, wenn ein von den zuständigen Behörden festzustellender Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 50 vorliegt. Das betraf laut Statistischem Bundesamt 2017 gut neun Prozent der Bevölkerung. Auf Antrag können auch Menschen mit einem GdB von mindestens 30 von der Agentur für Arbeit Schwerbehinderten gleichgestellt werden. Arbeitgeber mit mehr als 20 Arbeitsplätzen müssen wenigstens fünf Prozent davon für Schwerbehinderte bereitstellen.
 

Gesetzliche Quote übererfüllt

Für die DRV Berlin-Brandenburg ist diese Quote kein Problem. Ende Juni 2020 waren knapp zehn Prozent ihrer Mitarbeitenden schwerbehindert. Alle Träger der Deutschen Rentenversicherung sind Vorreiter auf dem Gebiet der Beschäftigung und der Förderung von Menschen mit Schwerbehinderung. „Das Thema Barrierefreiheit wird beispielsweise sehr ernst genommen“, meint David Peters, Schwerbehindertenbeauftragter der DRV Berlin-Brandenburg.Peters ist besonders stolz auf die bei diesem Träger geltende Inklusionsvereinbarung. Sie gilt im Kreis der Rentenversicherungsträger als beispielgebend und wurde oft kopiert. Peters und seine Kollegin Ute Kemmer aus Frankfurt (Oder) loben auch, dass die Ausstattung der Arbeitsplätze mit Hilfsmitteln sowie das betriebliche Gesundheits- und Eingliederungsmanagement gut funktionieren. Nachholbedarf gebe es noch bei nicht barrierefreier Software.
 

Die Schwerbehindertenbeauftragten der DRV
Berlin-­Brandenburg, David Peters und Ute Kemmer, im Gespräch.

»Das Thema Barrierefreiheit wird sehr ernst genommen.«

David Peters, Schwerbehindertenbeauftragter der DRV Berlin-Brandenburg
 

Die Inklusionsvereinbarung sieht auch vor, dass beim Anwerben von Nachwuchskräften, also überwiegend von Auszubildenden, eine Quote von zehn Prozent Menschen mit Schwerbehinderung angestrebt werden soll. Diese Quote wird noch nicht erreicht, was allerdings auch daran liegt, dass etwa 75 Prozent der Menschen mit Schwerbehinderung über 55 Jahre alt sind.

Selbst fürsorgliche Arbeitgeber wie die DRV Berlin-Brandenburg können Normalität nur im Arbeitsleben anbieten. Latza beispielsweise braucht Hilfe beim An- und Auskleiden. Weil der Pflegedienst, der ihm dabei hilft, zu festen Zeiten kommt, ist es ihm unmöglich, spontan mit Freunden ausoder ins Kino zu gehen. Da ist sie wieder, die Sehnsucht nach Normalität. 
 

Info: Was ist Schwerbehinderung?

Schwerbehindert nach dem Gesetz ist ein Mensch, dessen Grad der Behinderung (GdB) mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate wenigstens 50 Prozent beträgt. Das trifft derzeit auf rund 7,9 Millionen Menschen in Deutschland zu.