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Öko im Bambustanga

 

Nein, wir haben keine Wasserstoffaktien, mein Sohn. Ich besitze überhaupt keine Aktien, weil mich die Nachbeben des neuen Marktes – die Älteren erinnern sich – bis heute schütteln. Damals erwarb ich Wertpapiere einer Firma namens „Biodata“, weil ich den Namen sehr zukunftsträchtig fand, fürs Alter vorsorgen wollte und auch ein bisschen gierig war. Aus dem Dokumentarfilm „Weltmarktführer“ erfuhr ich später, dass dieses Start-up aus nicht mehr als eben diesem Namen bestand, was aber eine Menge Leute nicht davon abgehalten hatte, hier zu investieren.
Seither quält mich eine Aktienallergie, worunter der Wasserstoff jetzt zu leiden hat. Ich stelle mir Wasserstoff so ähnlich vor wie ein ewig uneingelöstes Versprechen. Während ich hingebungsvoll meine Anlagetraumata erkläre, ernte ich ebenso mitleidige wie traurige Blicke. Alle seine Klassenkameradeneltern besäßen Wasserstoffaktien, eigentlich alle Menschen auf der Welt, erklärte mein Spross, nur wir wieder nicht. „Du bist nicht nachhaltig“, urteilte mein Sohn. Ich erschrak. Nicht nachhaltig. Das klingt wie „Trump“ – ein vernichtendes Urteil.

Das leere N-Wort

„Nachhaltig“ ist das neue „innovativ“. Steht praktisch auf jedem Produkt. Niemand weiß genau, was es bedeutet, aber alle wollen es sein. „Nachhaltig“ ist eines dieser Worte, das durch häufiges Nutzen immer leerer und weiter und labbriger wird, wie eine weiße Plane im Wind. Darauf dürfen dann alle ihre halbherzigen Versuche umweltgerechten Lebens projizieren. Am Ende ist alles nachhaltig, vom E-Auto bis zum Eisbärensteak. Nachhaltig ist ein Gefühl, das oft als Komparativ daher kommt: Ich bin nachhaltiger als du.

Stimmt übrigens. Bei mir jedenfalls. Ich lobe mich ungern, aber…: Rad- und Bahnfahrer, Jutebeutelmehrfachverwender, Wasserhahnbeimzähneputzenzudreher. Generation Supernachhaltig. Und die Kinder? Hinterlassen bergeweise Einwegbecher bei der „Fridays for Future“-Demo und quengelten die ganze Pandemie durch, dass sie ihr Essen „bestellen“ wollen. Was bitte ist nachhaltig daran, wenn lauwarme Matsche in Tüten und Einweggeschirr von modernen Sklaven durch die Gegend gekarrt wird? „Die Lieferdienste testen Mopeds mit Wasserstoffantrieb“, sagt mein Sohn. Und das Geschirr sei bald aus Bambus. Ich überlege, wie man wohl die Splitter aus dem Rachen entfernt.
Neulich sah ich eine Anzeige für Bambusunterwäsche. Sehr nachhaltig, auch im Anbau, hieß es, klimaneutral und bequem. Von der Gabel bis zum Tanga, alles Bambus. Ein Nachhaltigkeitswunder. – Kennt sich jemand zufällig mit Bambusaktien aus? 

Hajo Schumacher, 57, ist Journalist und Buchautor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. In seinem Buch „Kein Netz“ sucht er das gute
Leben in digitalen Zeiten (Eichborn, 2020). Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.