Strandspaziergänge helfen Patienten in
Heiligendamm, ihre Lungenfunktion wieder zu stärken.
Strandspaziergänge helfen Patienten in Heiligendamm, ihre Lungenfunktion wieder zu stärken.



Langer Weg zur Genesung


Genesen, aber noch nicht gesund: Als Susanne Herpold Mitte April 2020 in der Rehaklinik ankam, geriet sie schon nach wenigen Metern außer Atem, an Treppensteigen war nicht zu denken. Im März noch hatte sie zusammen mit ihrer Familie unbeschwerte Urlaubstage im österreichischen Skiort Ischgl verbracht. Dort hatte sie sich mit dem heimtückischen Coronavirus angesteckt und wurde krank.

Trockener Husten, Fieber, Atemnot, lang anhaltende Erschöpfung und der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns sind die häufigsten Symptome der Erkrankung. Es können aber auch schwere Lungenentzündungen mit Lungenversagen auftreten. Für Patientinnen wie Susanne Herpold, die auch nach überstandener Krankheit unter den Folgen leiden, ist eine Reha in einer Klinik ein erfolgversprechender Weg hin zur vollständigen Genesung. Ein Jahr nach Ausbruch der ersten Pandemiewelle schauen drei Rehakliniken zurück auf viele Monate voller außergewöhnlicher Herausforderungen.
 

Die Median-Klinik Heiligendamm

Susanne Herpold war unmittelbar nach ihrer Rückreise aus Österreich am 7. März 2020 erkrankt. Rasch bekam die 55-jährige Niedersächsin hohes Fieber und Husten. Sie lag acht Tage zu Hause, bevor sie mit Atemnot in eine Hannoveraner Klinik eingewiesen wurde. Weil ihre Lunge zu kollabieren drohte, wurde sie ins künstliche Koma versetzt. Tagelang schwebte sie in Lebensgefahr. „Die Ärzte hatten mich schon abgeschrieben“, erzählt Herpold. Nach fünf Wochen war sie über den Berg. In der auf Lungenkrankheiten spezialisierten Median-Klinik Heiligendamm begann Susanne Herpold eine Reha. Dort an der Ostsee kämpfte sie sich in ihr altes Leben zurück.

„Ich habe viele Patienten erlebt, die auch nach überstandener Krankheit gesundheitlich stark angeschlagen waren, darunter auffallend viele jüngere Patienten zwischen 30 und 60 Jahren“, sagt Jördis Frommhold, Chefärztin in der Median-Klinik. „Viele der Patienten mit Post-Covid-Syndrom waren vor ihrer Erkrankung topfit und hatten keinerlei Vorerkrankungen.“ Das Virus beeinträchtigt die Sauerstoffaufnahme von der Lunge ins Blut, deshalb leiden die meisten Patienten unter Atemnot, fühlen sich müde und abgeschlagen. Covid-19 kann sich aber auch in anderen Organen manifestieren.
 

»Viele Patienten waren vorher topfit und hatten keine Vorerkrankungen.«

Dr. Jördis Frommhold, Chefärztin in der MedianKlinik Heiligendamm
 

Als häufigste neurologische Symptome werden Kopfschmerzen, Schwindel und der Verlust von Geruchs- und Geschmacksinn beklagt, aber auch Konzentrations- und Wortfindungsstörungen sowie Gleichgewichtsprobleme kommen vor. Sehr häufig berichten die Patienten von lang anhaltender Erschöpfung, auch Fatigue genannt. Neuerdings werden diese Beschwerden auch Long-Covid-Symptom genannt. Zudem seien auch Symptome einer Demenz festzustellen, berichtet Dr. Frommhold. Viele bringen zusätzlich eine Angststörung mit, leiden unter Albträumen und depressiver Verstimmung. Ob die Schäden außerhalb der Lunge direkt vom Virus verursacht oder der allgemeinen Erschöpfung des Körpers zuzuschreiben sind, ist bisher noch unklar.
 

Das Team um Dr. Jördis Frommhold (r.) betreute Susanne Herpold in der Reha.


Neben körperlichen Aktivitäten wie Walken und Wassergymnastik gehören vielfältige Methoden der Atmungstherapie zur Therapie. In Heiligendamm lernen die Patienten, wieder richtig zu atmen. Auch Massagen zur Lockerung des Zwerchfells fördern den Genesungsprozess.

Als Susanne Herpold nach fünf Wochen aus der Rehaklinik entlassen wurde, ging es ihr deutlich besser. Sie war aber noch immer geschwächt und benötigte Angebote der RehaNachsorge. Zusätzlich machte sie Yoga und Elektrostimulationstraining und unternahm lange Spaziergänge mit dem Hund. Nach drei Monaten hatte sie es geschafft: „Ich war wieder auf 100 Prozent.“
 

Die Rheumaklinik Bad Aibling

Vollkommen anders wirkte sich die Pandemie auf den Betrieb der Rheumaklinik Bad Aibling in Oberbayern aus. Zunächst wurde die Klinik bei Rosenheim Mitte März geräumt, um Betten für die Behandlung von Covid19-Patienten freizuhalten. Dann infizierten sich mehrere Bewohner eines nahe gelegenen Senioren- und Pflegeheims mit dem Coronavirus. Am 1. April 2020 bekam die Leitung die Mitteilung, dass elf betagte Covid-19-Patienten noch am gleichen Tag nach Bad Aibling verlegt werden sollen. Nach der Zusage der Klinik ging alles ganz schnell: Bereits am Nachmittag wurden die pfle - gebedürftigen Senioren aus ihrem Zuhause in Bad Feilnbach evakuiert und einzeln im Krankenwagen zur Rheumaklinik gefahren.

„Uns blieben nur wenige Stunden, um uns auf den unerwarteten Besuch vorzubereiten und das Notwendigste zu beschaffen“, erzählt die Leitende Oberärztin Evelyn Burghardt. Das waren zum einen Masken, Schutzbrillen und Ganzkörperanzüge für die Ärzte, Pflegerinnen und Therapeuten, zum anderen Medikamente, Kleidung und Hygieneartikel für die Senioren. Einige Zimmer wurden in Windeseile noch mit Pflegebetten ausgestattet. In den Zugangsbereichen der Station wurden Desinfektionsschleusen für das Personal eingerichtet.
 

In vielen deutschen Kliniken mussten sich Patienten und Mitarbeiter an Schutzanzüge gewöhnen.


„Es war ein organisatorischer Kraftakt und für alle eine Ausnahmesituation“, erzählt Burghardt. „Wir haben trotzdem nichts unterlassen, um den Aufenthalt für die Senioren so angenehm wie möglich zu gestalten.“ Damit der Kontakt zu den Angehörigen nicht abbrach, ermöglichten die Mitarbeiter den Patienten Telefonate. Auch sonst waren kleine, menschliche Gesten wichtig. So gab es zu Ostern für alle Bewohner ein Nest voller Süßigkeiten.

„Das Arbeiten in Schutzausrüstung war zu Beginn ungewohnt und belastend. Auf die Patienten wirkten die Ganzkörperanzüge sicher auch verstörend. Trotzdem kam man sich rasch näher, denn die Senioren haben uns viel Persönliches von sich und ihren Familien erzählt“, sagt Evelyn Burghardt. 

 

»Die schwierige Situation hat die Gemeinschaft zusammengeschweißt. Der Zusammenhalt war groß.«

Evelyn Burghardt, Leitende Oberärztin der Rheumaklinik Bad Aibling
 


Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein gehbehinderter Mann, dessen rechtes Bein seit einem Schlaganfall gelähmt war. Um den 88-Jährigen kümmerte sich der Leiter der Physiotherapie besonders intensiv. Nach fleißigem Üben gelang die kleine Sensation: Mit Gehwagen konnte der Mann im Garten spazieren gehen. Zuvor war dies undenkbar.

Nach mehr als sechs Wochen intensiver Betreuung war der Abschiedsschmerz auf beiden Seiten groß. „Wir hatten die Senioren schon sehr ins Herz geschlossen“, erinnert sich Burghardt. „Trotzdem waren die Senioren auch glücklich darüber, wieder in ihre gewohnte Umgebung zu kommen.“
 

Die Klinik Ostseeblick auf Usedom

Zurück an die Ostsee, wo sich auf der Insel Usedom Ähnliches abspielte. Wegen eines Covid-Ausbruchs in einem Altenpflegeheim in Seebad Ahlbeck hatten 21 Senioren ihr Zuhause am 27. März 2020 Hals über Kopf verlassen müssen. Noch am selben Tag erreichte die Klinik Ostseeblick im nahen Ückeritz ein Hilferuf der Behörden. Und nur wenige Stunden später kamen bereits die ersten neuen Bewohner im Krankentransportwagen an. „Wir mussten viel improvisieren“, erzählt die Ärztliche Direktorin Silvie Kohlmann, „alle haben mit angepackt, vom Pflegepersonal bis zur Klinikleitung.“ Das Technische Hilfswerk baute die Pflegebetten im Heim ab, um sie in der Klinik wieder aufzubauen. Bis in die späten Abendstunden kümmerten sich Helfer und Personal um Wäsche, Medikamente und Material.

 

»Wir mussten alle sehr viel improvisieren.«

Dr. Silvie Kohlmann, Ärztliche Direktorin der Klinik Ostseeblick
 

 

Für das hundertköpfige Team war die Hilfsaktion „eine extreme Belastung“, weiß die Ärztliche Direktorin. „Die meisten Mitarbeiter haben sich dieser Herausforderung mit Herzblut und viel Engagement gestellt. Sie sind mit den Senioren im Hof spazieren gegangen oder haben ihnen Texte vorgelesen.“

Trotz dieser Fürsorge setzte die Verlegung den alten Menschen schwer zu. Anfangs waren sie verwirrt. Es flossen sogar Tränen. Im Verlauf jedoch blühten einige regelrecht auf: Eine hochbetagte Heimbewohnerin, die bei ihrer Ankunft bettlägerig war, saß zwei Wochen später am Esstisch und nahm selbstständig das Essen ein. Die Frau löste sogar Kreuzworträtsel.
 

Rund 30% weniger Rehas wurden laut Deutscher Rentenversicherung aufgrund der ersten Welle der Pandemie absolviert.

Die Klinik Ostseeblick auf Usedom. Hier fand
Alexander Karin Zuflucht vor dem Coronavirus.

Zu den evakuierten Senioren gehörte Alexander Karin. An den Aufenthalt in der Klinik Ostseeblick hat der 95-Jährige nur gute Erinnerungen, vor allem an die Spaziergänge im Park. Dort stehen Sportgeräte, die er auf seinen Runden ab und zu auch nutzte. Was er am meisten vermisste, war das Skatspielen; die Abstandsregeln ließen es nicht zu. Im Nachhinein betrachtet der alte Herr die Evakuierung nach Ückeritz als „notwendigen Schritt“. Die drastische Maßnahme trug er sogar mit Humor: „Was man im Alter noch so alles erleben kann!“
 

...Reha-Bescheide ein Jahr gültig

Auch in der Pandemie finden Rehas statt. Wer seine Reha wegen Corona nicht antritt, behält seinen Anspruch. Die Bewilligung gilt zwölf Monate.

Alle Infos zum Thema Corona und Reha online bei der Rentenversicherung: t1p.de/covid-reha.de