Am Olivenbaum ablegen

 

 

Wir sind eine digitale Familie, die Kinder jedenfalls. Telefoniert wird da nicht mehr, nur noch getextet. Oder Sprachnachrichten hin und her geschossen. Auch beim Reisen merken wir’s. Während ich gern Landkarten öffne, würden die beiden Jungs noch dann auf ihren Bildschirm starren, wenn das Smartphone uns direkt in den Abgrund des Grand Canyon schicken würde. Vor Corona machten wir Urlaub in Israel und wollten dort eine Ökokooperative besuchen. Laut digitaler Landkarte sollte der Osten vor uns liegen – und die Sonne also mittags von rechts scheinen. Leider stand sie links. Selbstbewusstes Räuspern vom Beifahrersitz, wo der Heranwachsende den Co-Piloten spielt. „Alles super“, sagt er, während wir das Ortsschild der Stadt passieren, die wir vor einer halben Stunde verlassen hatten. Der Sohn dreht das Smartphone und stammelt: „Aber Google Maps…“ Die Chefin auf der Rückbank wechselt in die zweite von drei Quengelstufen. Wie haben wir es früher ganz allein geschafft, zehn Kilometer am Stück in die richtige Richtung zu fahren? Wir drehen. Dummerweise sind die jungen Israelis von der Ökokooperative genauso digitalverseucht wie unsere Kinder. Als ich vier Wochen zuvor nach dem Weg fragte, lautete die Antwort: „Meldet euch, wenn ihr losgefahren seid.“ (Statt uns einfach die Adresse zu schicken.) Also gut: Nun sind wir losgefahren, sogar mehrfach.
 

Telefonieren ist das neue Faxen

Widerwillig tippt mein Co-Pilot die Nummer der Ökos ein, um nachzufragen. Telefonieren ist das neue Faxen; mögen die jungen Leute nicht. Im Telefonat einigen sich Sohn und Jung-Landwirt auf WhatsApp zur Koordinatenübermittlung. Weil der Israeli nichts zum Schreiben findet, diktiert mein Navigator seine Mobilnummer. Das dauert, sodass die Kosten fürs Telefonat bereits den Gegenwert einer guten Flasche Wein übersteigen. Mein Sohn diktiert erneut, offenbar lag ein Zahlendreher vor. „Warum sagt er nicht einfach die Adresse?“, zische ich. Wir fahren. Und fahren. Und warten. Keine Koordinaten. Nächster Anruf, nächste Flasche Wein. „Ob wir auf Facebook sind…“, fragt das Kind, das nur Instagram kennt. „Dann müsste ich mein Smartphone rausholen“, sage ich. „Er beschreibt jetzt den Weg“, sagt mein Sohn: „Ersten Kreisverkehr im Ort am Olivenbaum verlassen und dann noch 50 Meter.“ Wie bitte? Das hätte er mit wenigen dürren Worten in die Mail schreiben oder während der halben Stunde Datenaustauschversuch mitteilen können. Während das Kind angestrengt auf den Bildschirm guckt, biege ich in den Kreisverkehr. „Da ist der Olivenbaum“, sage ich. Das Kind schaut auf: „Sieht so aus wie im Internet.“ Na, dann müssen wir ja richtig sein.

 

Dr. Hajo Schumacher,
56, ist Journalist und
Buchautor. In „Solange du
deine Füße auf meinen
Tisch legst“ beschreibt er
sein „schrecklich lustiges
Leben als Vater“. Sein
aktueller Titel „Männerspagat“
beleuchtet
moderne Geschlechterrollen
(Eichborn, 2018).
Schumacher lebt mit
seiner Familie in Berlin.