Der News-Chef: Wulf Schmiese, 53, ist der direkte Vorgesetzte der Moderatoren Marietta Slomka und Claus Kleber. Er war Korrespondent für die „Welt“ und die „FAZ“, bevor er 2010 das ZDF-Morgenmagazin übernahm. Seit 2017 leitet er das tägliche „heute journal“.
Der News-Chef: Wulf Schmiese, 53, ist der direkte Vorgesetzte der Moderatoren Marietta Slomka und Claus Kleber. Er war Korrespondent für die „Welt“ und die „FAZ“, bevor er 2010 das ZDF-Morgenmagazin übernahm. Seit 2017 leitet er das tägliche „heute journal“.



"Uns steuert niemand, auch die Kanzlerin nicht"

 

 

Herr Schmiese, böse Zungen kritisieren das ZDF als „Seniorenfernsehen“. Sie selbst leiten das tägliche „heute journal“ – wer schaut Ihnen zu?
So viele, dass wir schon eine Art Lagerfeuer der Nation sind. Das Bedürfnis nach verlässlicher Information ist enorm, das zeigen unsere Quoten. Das gilt vor allem dann, wenn die Menschen verunsichert sind. Als Anfang März in Deutschland die ersten Corona-Fälle gemeldet wurden, hatten wir 5,5 Millionen Zuschauer. Das sind fast 20 Prozent Marktanteil, sehr hoch also – auch unter den jüngeren Leuten.

Sobald es ernst wird, kommen die Menschen zu den Öffentlich-Rechtlichen?
Mir fiel das zum ersten Mal auf, als ich frisch beim ZDF angefangen hatte. Nach Fukushima 2011 schnellten unsere Quoten hoch. In solchen Momenten kommen die Leute aus ihrer Facebook-Blase heraus und schauen ARD und ZDF.

Man hört oft, die Menschen verkröchen sich in diesen „Filterblasen“, wissenschaftlich belegt ist das nicht. Spüren Sie etwas davon?
An den Zahlen bislang noch nicht. Allerdings ist unser Publikum vermutlich dem Durchschnitt nach älter als das in den Filterblasen. Allerdings steigen auch im Netz unsere Livestream-Quoten, und das sogar zur gelernten Zeit um exakt 21.45 Uhr, also parallel zur analogen Sendung im TV.

Was zieht die Zuschauer zu den vermeintlich biederen öffentlich-rechtlichen Nachrichten?
Wir strahlen Vertrauen aus, sind so eine Art Nachrichtennotariat. Unsere Zuschauer wissen, wir müssen nicht krakeelen, um zu verkaufen. Zu unserem Erfolgsrezept gehört sicher auch, die Nachrichtenlage so zu präsentieren, dass jeder sie versteht. Das ist unser Auftrag, alle erreichen zu sollen. Mal im Klischee gesprochen: Wir dürfen die Professorin nicht langweilen, und ihren Putzmann nicht abhängen.

Wie entscheiden Sie, was abends im heute journal gesendet wird?
Die Nachrichtenlage des Tages ist entscheidend. Wir haben ja nur Platz für etwa sechs Stücke, beziehungsweise vier und ein Interview, sowie zwei Nachrichtenblöcke. Wir gucken also, was sind die Termine des Tages. Darüber hinaus ist noch Raum für ein zeitloseres Thema, dass uns wichtig erscheint, das kann so etwas sein wie das Phänomen der Flaschensammler oder die Knappheit gewisser Medikamente. Solche Themen finden wir gemeinsam in der Redaktion, einem Kreis von lauter Journalisten, die spüren, was die Leute zurzeit bewegt.

Ist es noch zeitgemäß, dass die Redaktion Themen einordnet und kommentiert?
Wir sind mit den Kommentaren recht zurückhaltend. Aber das Genre schätze ich und kommentiere ja selbst. Doch auch ohne ausgewiesenen Meinungsteil kann sich im „heute journal“ eine gewisse Haltung zeigen. Als Magazin sind wir kein nachrichtliches Neutrum, wir leisten uns eine gewisse Subjektivität. Wir sind manchmal parteiisch in einer Sache, eher beim Freiheitskämpfer als beim Diktator, aber nie parteilich. Wir sind nie irgendeiner Partei verpflichtet, einer Haltung aber schon. Wir stehen zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und sagen: Alles extrem rechts und extrem links davon lehnen wir ab, das ist unser Auftrag. Wir wollen so berichten, dass unser freiheitliches Land erhalten bleiben kann als demokratische Bundesrepublik. Das sind die Grundsätze, unter denen das ZDF gegründet wurde. Das klang jahrelang phrasenhaft und selbstverständlich, und ich glaube wir erleben Zeiten, in denen es das nicht mehr ist. Daran in Kommentaren zu erinnern, finde ich richtig.

Das erinnert mich an einen Satz, den Sie einmal gesagt haben: „Ich glaube, der Journalismus meint es gut mit diesem Land.“
Damit meinte ich den klassischen, seriösen Journalismus im Gegensatz zu teils windigem Influencertum. Möglich, dass etliche junge Menschen den Unterschied zwischen beidem oft nicht mehr richtig verstehen. Wir versuchen hier, das klassische Handwerk des Journalismus hochzuhalten: Das Zwei-Quellen-Prinzip, als Journalist nicht die hundertprozentige Wahrheit für sich zu beanspruchen, auch andere Meinungen gelten zu lassen. Influencer müssen das nicht, weil sie - wie das Wort ja sagt - Einfluss nehmen wollen mit ihren Nachrichten, um ein Produkt zu verkaufen oder für irgendwas und irgendwen zu werben. Kann man ja machen in einem freien Land - ist aber kein Journalismus.

Wie gehen Sie mit Nachrichten um, von denen Sie nicht wissen, ob sie wahr oder falsch sind?
Manchmal sind sich selbst die Wissenschaftler uneins, so wie beim Ausbruch des Corona-Virus. Deswegen halten wir uns immer an das Zwei-Quellen-Prinzip, wägen Pro und Contra ab oder zeigen mehrere verschiedene Stimmen. Wir selbst haben keine Agenda als der Wahrheit oder dem Stand der Forschung möglichst nahe zu kommen, wir wollen weder Panik machen noch etwas verniedlichen.

Sind Sie schon einmal auf absichtliche Falschmeldungen hereingefallen?
Im Morgenmagazin haben wir einmal Folterszenen gesendet, in einem Bericht mit Filmmaterial, das angeblich aus Syrien stammte. Unser Korrespondent hatte die Bilder für glaubhaft gehalten. Aber als sie veröffentlicht waren, hat die Schwarmintelligenz des Netzes ganz schnell herausgefunden, dass genau diese Aufnahmen schon bekannt waren und aus dem Irak stammten. Und hier kommt das Entscheidende: Als das am nächsten Tag herauskam, sind wir zu Kreuze gekrochen, und haben aufgeklärt. Das gehört auch seriösem Nachrichtenjournalismus: Fehler einzugestehen und für Klarheit zu sorgen.

Wie schützen Sie sich heute vor solchen Fehlern?
Wir sind inzwischen viel besser geworden, wenn es darum geht, Fremdmaterial einzuschätzen. Zum Beispiel Aufnahmen eines Flugzeugabsturzes, bei man nur Himmel sieht und eine Maschine, die niedergeht. Da setzen wir dann blitzschnell Verifikationsteams unserer Online-Redaktion dran, die prüfen, ob das authentisch ist oder nicht. Die können dann herausfinden: Ja, der Abschuss ist real - aber er fand vor zehn Jahren statt.

Berichten Sie heute kritischer als früher?
Wir achten stärker auf Skeptiker und Kritiker, laufen aber nicht jedem hinterher. Beispiel Pegida: Als diese Demonstrationen begannen, haben wir auch diese besonders lauten und aggressiven Kritiker gezeigt, auch mit ihrem Protest gegen uns Öffentlich-Rechtliche. Wir wollten zeigen, dass wir nichts zu verstecken haben. Allerdings kam irgendwann der Punkt, an dem wir uns fragten: Sind wir jetzt selber in einer Blase? Was sind 4.000 Hasser gegen vier Millionen Zuschauer? Die Hater sind zwar lauter und aktivistisch vernetzt; aber man sollte den Maßstab wahren.
 

» Das System der Rente ist aus unserer Sicht überlebens­wichtig für ein friedliches Gemeinwesen. «

Wulf Schmiese, Redaktionsleiter des ZDF-„heute journals“
 

Die Kritik an öffentlichen Institutionen wird lauter, das merkt auch die Rentenversicherung. Immer wieder kursieren falsche Informationen. Wie kritisch geht Ihre Redaktion mit dem Thema Rente um?
Die Rente ist ein Thema, das fast jeden betrifft. Deswegen ist das für uns ein sensibles Thema. Wir haben hier in der Redaktion einen Rentenexperten. Oliver Heuchert hat sehr detaillierte Kenntnisse. Das System der gesetzlichen Rente ist aus unserer Sicht überlebenswichtig für ein friedliches Gemeinwesen. Die Rente gehört buchstäblich zur Daseinsvorsorge. Deshalb behandeln wir häufig Themen wie die Altersvorsorge und Generationengerechtigkeit. Immer kritisch, aber mit einer Grundhaltung: Wir wollen, dass das System der gesetzlichen Rente auch in der nächsten und übernächsten Generation frei und stabil bleibt.

Die Gebührenfinanzierung des öffentlichen Rundfunks steht ebenfalls in der Kritik. Wie gehen Sie damit redaktionell um?
Als in der Schweiz darüber abgestimmt wurde, haben wir berichtet. Am Ende stimmten 71 Prozent für die Gebührenfinanzierung. Auch über Boris Johnsons Pläne, die BBC zu beschneiden, berichten wir – und wir berichten auch über die Beitragsdebatte hier in Deutschland. Da sind wir tatsächlich Partei, aber wir versuchen, das möglichst nüchtern und objektiv darzustellen. Wir aasen übrigens nicht, kalkulieren die Kosten jeder 30 Minuten Nachrichten kontrolliert, die wir Abend für Abend senden aus der ganzen Welt, an jedem Tag im Jahr.

Der Rundfunk-Beitrag steht im Internet am Pranger, gleichzeitig wird den Öffentlich-Rechtlichen zu viel Nähe zur Politik vorgeworfen – wie geht das zusammen?
Gar nicht, denn es macht keinen Sinn. Die Beitragsfinanzierung ist es ja, die uns unabhängig von der Politik macht. Wären wir steuerfinanziert, könnte eine Regierung, die sich sehr ärgert über uns, jederzeit per Gesetz das Geld kürzen. Der Rundfunk-Beitrag macht so etwas unmöglich. Keine Regierung, egal wie sehr sie uns fürchten oder feiern würde, könnte uns den Geldhahn zu- oder aufdrehen.

Dennoch zahlen viele Menschen den Beitrag nicht gern...
Das mag sein, der verfassungsrechtliche Rahmen ist aber klar gezogen, der Rundfunk-Beitrag ist prinzipiell gesichert. Darüber hinaus versuchen wir aber, klarzumachen, dass es hier auch um ein Stück Daseinsvorsorge geht, und zwar für Information. So, wie wir auch Steuern für Krankenhäuser, Bürgersteige und Kindergärten ausgeben, die wir nicht immer alle selbst benutzen, so sollen auch diese derzeit 4,36 Euro, die ein Haushalt im Monat fürs ZDF ausgibt, garantieren, dass in einer Lage wie Fukushima oder Corona Informationen geliefert werden.

Das ZDF würde auch in einem Notstand weitersenden?
Wären wir hier beim ZDF von einer Pandemie betroffen, würden wir trotzdem versuchen, ein Notprogramm mit stündlichen Nachrichten aufrechtzuerhalten. Im äußersten Ernstfall würden die Kollegen die Hardware mit nach Hause nehmen, wir würden alles versuchen, unserer Pflicht nachzukommen, das Land weiter zu informieren. Aber wie informationsstark ist das ZDF überhaupt noch, überwiegt nicht oft die Unterhaltung? Erst, als ich von der FAZ zum ZDF kam, habe ich erkannt, wie wichtig die Mischung eines Programms ist, das erst Rosamunde Pilcher bietet und dann das heute-journal, danach Maybrit Illner, Lesch oder Lanz und dann noch einen Krimi. Diese Mischung bringt Leute, die sich sonst abmelden würden von der Welt da draußen, zu wichtigen Themen, über die wir alle in etwa Bescheid wissen sollten. Das schafft nur ein gemischtes Programm mit Sport, Unterhaltung, Information und immer wieder Nachrichten. Wenn man uns abschöbe in eine reine Informationsecke, wäre man schnell bei Quoten von zwei Prozent. Das wäre dann die sogenannte Info-Elite, die auch die FAZ liest. Der Rest ist dann bei Brot und Spielen allein gelassen. Genau das nicht zuzulassen, ist eine Idee, die ich im Nachhinein sehr modern finde.

Man spürt, wie wichtig Ihnen dies ist. Trifft die wachsende Kritik Sie persönlich?
Als die öffentlich-rechtlichen Medien vor einigen Jahren unter Beschuss gerieten, waren wir anfangs sicher noch etwas erschrocken und verunsichert. Aber ich kann diese gezielte Kritik heute besser einordnen. Jede Kritik ist zulässig, denn jeder ist ja auch Beitragszahler – aber je weniger pauschal sie ist, desto konstruktiver kann sie wirken. Fehler passieren jedem, auf unsere werden wir heute stärker hingewiesen als früher, was grundsätzlich ja auch gut ist. Aber Fehler sind eben keine Fake News – wir sagen niemals vorsätzlich etwas Falsches.

Sind Sie dabei frei von politischem Einfluss?
Die Politik hat weniger Einfluss als früher. Seit 2014 dürfen nur noch ein Drittel „staatsnahe“ Vertreter in unseren Fernseh- und Verwaltungsrat entsandt werden, die Parteien entsenden direkt niemanden mehr. Früher waren diese Räte in Relation zu dem parlamentarischen Parteienproporz besetzt, um so möglichst gerecht die Bevölkerung zu repräsentieren. Heute spiegelt ein Großteil des Fernsehrates die Zivilgesellschaft wider, von den Kirchen über Gewerkschaften und Verbänden, von Vertriebenen bis hin zum Verbraucherschutz. Stellvertretend für die Bevölkerung in Deutschland werden wir so kontrolliert – allerdings nur rückwirkend. Uns steuert niemand, auch die Bundeskanzlerin nicht.
 

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Wann fiel Wulf Schmiese auf eine Falschmeldung herein? Warum hält er es für legitim, im TV zu kommentieren? Und wie geht er selbst mit der Kritik an ZDF und ARD um? Lesen Sie eine längere Version des Interviews online auf:
www.zukunft-jetzt.deutsche-rentenversicherung.de

Außerdem finden Sie die 60 Mitglieder des ZDF-Fernsehrates unter:
t1p.de/zdf-fernsehrat