Illustration der Erdkugel an einem Beatmungsgerät



Ungesunde Erde


Wir Deutschen trennen gerne Dinge. Gesundheit und Krankheit, Innen und Außen, den Müll und die Welten. Ich wurde gefragt, wie die Klinik-Arbeitswelt nach Corona aussehen könnte. Ich frage mich, ob es dieses „nach Corona“ so bald überhaupt gibt. Wir sind mitten in der Pandemie, und nach einer ersten Welle Begeisterung für die Pflegekräfte ist wenig Zukunftsweisendes geschehen. Im November entdeckten wir erneut voller Schrecken, dass nicht die Anzahl von Betten und Geräten das Entscheidende ist, sondern die Anzahl kompetenter Mitarbeiter.

Ich weiß nicht, wie schlimm es noch kommt, keiner weiß das. Auch kein Experte. Wie kann man überhaupt Experte sein für eine Situation, die es so noch nie gab?

Hinter uns liegt ein intensives Jahr. Die Republik ist gespalten. Ich bin es auch. Die Welt zerfällt in Paralleluniversen. In diejenigen, die mit Patienten zu tun haben, und diejenigen, die auf der Straße und im Netz die Geduld verlieren. Die zwei Welten existieren zwischen der Theorie der Testung, Nachverfolgung und Verlautbarungen und der Praxis in den Arztpraxen und den völlig überforderten Gesundheitsämtern vor Ort.

Ich habe versucht, meinen Beitrag zu leisten, mit dem was ich besser kann: vermitteln. Lange bevor sich die offiziellen Stellen dazu durchrangen, eine Empfehlung für Masken auszusprechen, hatte die private Initiative #maskeauf viele öffentliche Menschen aktiviert, Stellung zu beziehen. Das Video wurde eine Million Mal geschaut, was zeigt: die Zukunft der Medizin liegt in einer anderen Art der Kommunikation, wissenschaftsbasiert, aber nicht langweilig.
 

Harte Klinikrealität

Wie ernst muss man das Virus überhaupt nehmen? Um das herauszufinden ging ich für den Dokumentarfilm „Hirschhausen auf Intensiv“ im Mai 2020 ins Universitätsklinikum in Bonn (UKB). Eine Familie hat mich mit ihrem Schicksal persönlich sehr berührt. Der Vater hatte im prallen Leben gestanden, als Geschäftsmann und Karnevalsprinz. Dann verschlechterte sich sein Zustand stundenweise, er musste auf die Intensivstation und kam über Wochen an die höchste Stufe der Beatmung. Weil die Lunge selber bei schwerem Verlauf von Covid19 voller Entzündung und Sekret ist, muss der Sauerstoff in einem künstlichen Kreislauf außerhalb des Körpers ins Blut gebracht werden. Dabei ist man in einer Art Narkose. Die Frau und die beiden Kinder durften wegen des Besuchsverbotes nicht zu ihm, standen aber jeden Abend im Hof vor der Station, hatten Kerzen dabei, hielten inne und hatten mit Freunden verabredet, Hunderte von Lichtern für ihn anzuzünden. Ich erlebte mit, wie er sich ganz langsam zurück ins Leben kämpfte. Jetzt, ein halbes Jahr später, geht es im wieder gut, aber es war echt knapp.

Keiner der Klinikmitarbeiter hat die Infektion verharmlost, alle betonten, wie nahe es ihnen geht, wenn die Krankheit auch bei Menschen ohne Vorerkrankungen schwere Verläufe nimmt oder sie sogar sterben. Oder auch Angehörige der Gesundheitsberufe selber erkranken.

Haben diese Menschen eine Lobby? Nicht wirklich. Deshalb bin ich ein großer Fan einer Bundespflegekammer, so wie die Ärzte auch seit über 100 Jahren eine starke politische Vertretung haben.
 

Humor hilft Heilen

Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Viren und Krankheit. Seelische Gesundheit beruht vor allem auf sozialem Austausch mit anderen, auf geistiger und körperlicher Nähe und gemeinsamen positiven Erlebnissen. Was ich mir nicht als Zukunft vorstellen mag: lauter isolierte Menschen, die alleine auf einen Bildschirm starren. Menschen wollen zusammen staunen, lachen und ergriffen sein von Musik, Literatur, Kabarett, der ganzen Artenvielfalt der Künstler und Künstlerinnen. Dafür habe ich ja auch meine erste Stiftung „Humor hilft Heilen“ gegründet, damit mehr Humanität in der Humanmedizin wieder ernst genommen wird. Mich freut, dass die Klinikclowns kreative Wege gefunden haben, unter Einhaltung aller Hygiene Freude und Leichtigkeit auf die Stationen zu bringen. Auch die Workshops für die Pflegekräfte, die wir nach den neuesten Erkenntnissen der Resilienzforschung und der positiven Psychologie seit fünf Jahren geben, haben ihren Wert in der Krise bewiesen und werden hoffentlich in Zukunft ein fester Bestandteil der Ausbildung.

Langsam dämmert uns, dass es nicht mehr so wird wie „früher“. Corona erinnert uns, wie viel wir nicht im Griff haben. Ein kleines Virus legt die ganze Welt lahm. Wir entdecken den Wert „öffentlicher Gesundheit“ wieder: Leben und Tod sind viel stärker Gemeinschaftswerk als Einzelleistung. Corona zeigt nicht nur bei Pflege wie unter einem Brennglas, welche Schieflagen es schon vorher in der Gesellschaft gab. Die „Infodemie“ besser anzugehen, heißt, die Plattformen wie YouTube, Facebook und Twitter in die Verantwortung für die Verbreitung von gesundheitsgefährdendem Unsinn zu nehmen. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Und lieber informiert und desinfiziert, als desinformiert und infiziert.
 

Wir sind Teil der Natur

In Zukunft werden wir weniger trennen können. Viren halten sich so wenig an Ländergrenzen wie Schadstoffe in der Luft. Was ich noch im Studium als „Tropenkrankheit“ und exotische Ausnahme gelernt habe, kommt zu uns. West-Nil-Virus in Thüringen, asiatische Tigermücken in Baden-Württemberg, global heißt, wenn es wärmer wird: auch hier. Was für mich viel zu selten in den Nachrichten auftaucht: Die schweren Verläufe einer Infektion häufen sich dort, wo die Luft am dreckigsten ist. Vorgeschädigte Lungen sind besonders empfindlich für neue Erreger. Unser ungesunder Umgang mit der Erde fällt uns früher oder später immer wieder auf die eigenen Füße. Corona kam nicht überraschend, es ist eine Katastrophe mit Ansagen, die eng mit der Zerstörung von Lebensräumen und unserem Umgang mit der Natur zusammenhängt. Die Wildnis bedroht nicht uns – wir bedrohen die Wildnis. Wir sind Teil der Natur, und unsere Gesundheit ist kein Produkt der Hochleistungsmedizin oder eine „Kassenleistung“, sondern beruht auf sehr grundlegenden Dingen, die wir bislang für lau von der Natur bezogen haben. Ihren Preis und Wert erkennen wir erst, wenn sie weg sind: Saubere Luft, genug Wasser, etwas zu essen und die gewohnten Temperaturen. Wir können Sauerstoff in Flaschen zur Beatmung bereitstellen, aber nicht für die Atmung von uns allen. So betrachtet ist das geniale Ökosystem am Amazonas eben nicht „die Lunge der Erde“ – es ist unser Beatmungsgerät!

Waren wir vom Weltraum aus betrachtet nicht immer schon im „Homeoffice“, weil wir gar kein anderes Zuhause haben als diese eine Erde, die wir uns mit bald 10 Milliarden Menschen teilen?

Und wenn wir aus der Zukunft auf die Welt heute schauen, welche Krise wird die entscheidende sein für unser Überleben? Wogegen es nie einen Impfstoff geben kann, ist die Überhitzung der Erde. Da gibt es keine erste und zweite Welle, sondern nur Anstiege. Die Klimakrise ist die größte Gesundheitsgefahr im 21. Jahrhundert. Und wir sind die letzte Generation, die etwas daran ändern kann, wie heftig es noch wird. Das sagt die Wissenschaft sehr klar. Und wenn sie mich nach der Zukunft der Gesundheit fragen, haben wir die nur, wenn wir uns jetzt daran erinnern: gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde.
 

Hirschhausens 8 Lektionen aus Pandemie und Klimakrise:

1. Wir sind verletzlicher als wir denken. Die Gruppen, die es am heftigsten trifft, sind immer die gleichen, ob bei Covid 19 oder Klima: die Armen, die Alten, die Schwächsten.

2. Wenn wir Natur und Lebensräume zerstören, kommt irgendwann dafür die Rechnung.

3. Die Schäden und die Gegenmaßnahmen sind viel teurer als die Prävention. Aber an der Verhinderung von Krankheiten oder Umweltkatastrophen verdient keiner was.

4. Auf die Wissenschaft zu hören lohnt sich. Corona und Klima sind beides Katastrophen mit Ansage.

5. Politik und Wissenschaft unterschätzen den Wert kluger Kommunikation.

6. Erst wenn einem die Diagnose klargeworden ist, folgt man auch den Therapievorschlägen.

7. Wir können die Dinge schneller ändern, als wir denken.

8. Wir wissen immer erst hinterher, wie gut wir es hatten. Und was Gesundheit wert ist.
 

Dr. Eckart von Hirschhausen ist Mediziner,
Komiker, Autor und Gründer der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“. Sein Buch „Mensch, Erde!“ erscheint im Mai (dtv, 2021).

Die Stiftung online: www.stiftung-gegm.de