Sie lieben und sie streiten sich: Vivian, Adrian, Vater Bernhard, Mutter Eliana und Lili (von links nach rechts).
Sie lieben und sie streiten sich: Vivian, Adrian, Vater Bernhard, Mutter Eliana und Lili (von links nach rechts).



„Roncalli ist unser Zuhause“

 

Frau Paul, erinnern Sie sich noch, was Sie früher werden wollten?

Vivian Paul: Mir war immer klar, dass ich einen kreativen Beruf ergreifen will. Lange habe ich zwischen Background-Tänzerin bei ­Britney Spears und Make-up-Artistin beim Theater geschwankt (lacht). Aber irgendwie war natürlich immer klar: Der Zirkus ist mein Leben und da will ich mich einbringen.

Es stand also von vornherein fest, dass Sie eines Tages nicht mehr ´nur´ Vater und Tochter, sondern auch Kollegen sein werden?

Vivian: Wenn man im Zirkus aufwächst, dann denkt man nicht daran ´Kollegen´ zu sein. Es ist eine andere Art von Lebensstil. Wir haben ein besonderes Verhältnis zueinander und wissen, dass wir alle für dieselbe Sache kämpfen, irgendwann alle Teil dieses Betriebs sind und das Beste dafür geben. Dieses Gefühl ist von Anfang an da.

Der Zirkus ist das Zentrum Ihrer beider Leben, Sie sind gemeinsam auf Tournee und leben in engen Wohnwagen. Können Sie Berufliches und Privates überhaupt trennen?

Bernhard Paul: Der Zirkus ist bei uns allgegenwärtig. Ob wir über Politik, Mode oder Musik reden, am Ende kommt das Gespräch immer auf Roncalli. Das liegt auch daran, dass fast alle Themen auf unsere Arbeit abfärben, wie beispielsweise die aktuellen Modetrends auf die Auswahl und Gestaltung unserer Kostüme.

Vivian Paul: Mein Vater hat recht. Der Zirkus schwebt über allem. Das liegt natürlich auch daran, dass er für uns kein Arbeitsplatz ist, sondern zuhause. Meine persönliche Lösung, um zu gewährleisten, dass ich auch mal über etwas andere spreche: Ich habe mir Freunde außerhalb von Roncalli gesucht (lacht)

Nicht nur innerhalb der Familie, auch mit Mitarbeitern verbringen Sie viel Zeit auf engem Raum. Sie bezeichnen sie sogar als Teil Ihrer Großfamilie. Wie lebt es sich in so einem Familienverband zusammen?

Bernhard: Ich kenne nur Vorteile. Man fühlt sich nie allein, man findet immer jemanden, den man gerade braucht. Man kann Arbeit aufteilen. Es vermehrt Gefühle. So eine Familienwelt ist viel gefühlvoller als Alleinsein.

Vivian: Meine Mama ist Italienerin, da setzt sich das Familien-Feeling natürlich durch. Die Menschen, die mit uns jahrelang unterwegs sind, sind für mich wie Onkel und Tanten. Ich verbringe mehr Zeit mit ihnen als manch anderer mit seiner echten Familie. Ich finde es super, eine Großfamilie zu haben – auch mit nicht-biologischen Mitgliedern.

Haben Sie beide im Zirkus einen eigenen, klar abgegrenzten Aufgabenbereich?

Vivian Paul: Den Zirkus muss man sich wie Zahnräder vorstellen: Alles greift ineinander, also kann man die Aufgaben nicht wirklich voneinander trennen. Mein Vater ist sowieso in jeden Bereich involviert. Er ist sozusagen der Papa von allem.

Als Vater und Tochter zusammenzuarbeiten, läuft sicher nicht ohne Konflikte ab. Sprechen Sie die offen an?

Bernhard: Von Sprechen kann keine Rede sein. Dann schreien wir uns an.

Vivian: Ich glaube, in jeder Familie gibt es Konflikte. Was man zu einem Familienmitglied sagt, würde man jemandem außerhalb der Familie vielleicht nicht so direkt sagen. Wir sprechen offen miteinander und sagen unsere Meinung. Natürlich kann es dann mal krachen. Aber am nächsten Tag sind wir wieder versöhnt. Sonst würde das ja nicht gut gehen, so aufeinanderzusitzen.

In der Pandemie musste der Zirkus zwei Jahre pausieren. Sie, Herr Paul, haben diese Zeit als ´Folter´ beschrieben. Wie haben Sie das als Familie durchgestanden?

Vivian Paul: Wir hatten mit Existenzängsten zu kämpfen. Aber wir waren uns sehr nah, vielleicht noch näher als sonst. Und wir haben einander zugehört. Manchmal, wenn einer von uns verzweifelt ist, ich zum Beispiel, dann konnte ich meinem Papa die Ohren zuheulen, dem armen Mann.

Bernhard Paul: Und tatsächlich konnte ich dieser Katastrophe am Ende auch etwas Gutes abgewinnen: Es war schön, mal wieder Zeit zu haben nachzudenken. Das löst auch kreative Prozesse aus.

Tatsächlich haben Sie, Herr Paul, in dieser Zeit eine Modefirma gegründet, Ihre Memoiren geschrieben, das neue Zirkus-Programm geplant und eine Doku-Serie über Roncalli vorbereitet. Klingt wirklich nicht nach Nichtstun..

Bernhard: Ich habe drei Monate lange in Spanien gelebt und dort nachgedacht. Das hat plötzlich eine viel sonnigere, kreativere Ideenwelt hervorgebracht…

Wenn Jung und Alt zusammenleben und -arbeiten, kann das sehr fruchtbar sein. Wie schauen Sie als Zirkus-Urgestein auf die jüngere Generation?

Bernhard: Das Alter ist ein Faktor, aber nicht entscheidend. Sind nicht viele Alte in ihren Vorstellungen jünger als manche Junge? Ich kenne Junge, die konservativ denken und Ältere, die in ihren Ideen jung und modern sind.

Und was kann sich die jüngere Roncalli-Generation von der älteren abschauen?

Vivian: Mein Vater hat den Zirkus aufgebaut, davor habe ich natürlich großen Respekt. Ich weiß, wie schwierig das war und wieviel er dafür gekämpft hat. Er kennt jede Kleinigkeit, hat so viel Erfahrung – ich kann viel von ihm lernen …

… denken Sie da an die Zukunft, wenn Sie und ihre Geschwister eines Tages an der Spitze von Roncalli stehen?

Vivian: Wie man Zirkusdirektor wird, kann man nicht an der Uni studieren. Deswegen will ich alles aufsaugen, bei allem dabei sein und mitrödeln, wo es nur geht.

Nervt Sie es eigentlich, die ´Tochter von´ zu sein?

Vivian: Ich bin sehr gern die Tochter meines Vaters, aber ich hänge es nicht an die große Glocke. Die Leute sollen nicht denken, sie müssten nett zu mir sein. Wenn‘s rauskommt, dann kommt‘s halt raus. Aber ich finde es angenehmer, wenn die Leute es nicht sofort wissen.

Ertappen Sie sich auch manchmal dabei, wie Ihr Vater zu sein?

Vivian: Sagen wir so, wir haben ein ähnliches Temperament. Ich persönlich sehe mehr Ähnlichkeiten mit meiner Mama. Aber mein Vater ist ein großes Vorbild und ich hoffe, ich werde ihm mit der Zeit noch ähnlicher.

Und Herr Paul, wo erkennen Sie sich in Ihrer Tochter wieder?

Bernhard: In ihrer Beharrlichkeit. Wenn Vivian etwas will, dann will sie es. Das gilt auch für die zweite Tochter Lili. Beide haben einen unglaublichen Durchsetzungswillen.

Und wer setzt sich am Ende durch?

Bernhard: Ich. Ich bin ja der Direktor.

Roncalli: Nostalgie und Moderne

Bernhard Paul (75) erfüllte sich 1976 zusammen mit André Heller einen Lebenstraum: Die beiden gründeten den Zirkus Roncalli. Paul stand selbst als Clown „Zippo“ unzählige Male in der Manege. Roncalli verbindet traditionelles Handwerk mit moderner Technik: Statt echter Elefanten und Pferde laufen seit 2018 Hologramme durch die Manege. Paul gilt als Erfinder der DinnerShows, betreibt historische Weihnachtsmärkte und das Düsseldorfer Apollo-Theater, in dem seine älteste Tochter Vivian (31) und sein Sohn Adrian (29) mitarbeiten. Pauls drei Kinder wuchsen mit dem Zirkus auf. Ihre Mutter, die Artistin Eliana Larible, stammt aus einer italienischen Zirkusdynastie. Vivian trat mit ihren Geschwistern Lili (24) und Adrian als Rollschuh-Trio „Les Paul“ auf, später hatte sie Solonummern als Luftakrobatin. 2019 tauschte sie die Manege gegen das CastingManagement im RoncalliHauptbüro in Köln.