Abasov in der Agentur.
Abasov in der Agentur.



Echte Arbeit, voller Lohn

 

 

Abasov mit seiner Rollstuhlsteuerung und der normalen Tastatur.


An einem ganz normalen Arbeitstag kommt Alexander Abasov wie immer mit seinem elektrischen Rollstuhl in die Werbeagentur gegenüber vom Berliner Zoo. Mit dem kleinen Hebel steuert er die Rampe hinauf, den Kopf leicht nach rechts gelehnt. Dort erwartet ihn schon sein Assistent, groß und schlank, mit Rastalocken und Basecap: „Na, Dickerchen, alles klar?“, sagt Jonas lässig. Abasov grinst, zwinkert, zuckt ein wenig unbestimmt mit dem Körper, und auf geht’s an den Arbeitsplatz.

In der Agentur Zitrusblau gibt es fast kein Blau und gar kein Gelb. Dennoch ist es farbenfroh unter der Sichtbetondecke. Abasovs knallroter Tisch steht direkt am Eingang, ein ganz normaler Arbeitsplatz. Jonas zieht Abasovs Laptop aus dessen Rucksack, schaltet ihm den Mac ein. Dann setzt er sich mit dem Rücken zu Abasov an einen anderen Tisch und schaut auf sein Handy. Der gelernte Grafiker kann seinen Tag beginnen.

Dieser Schritt gelingt den wenigsten Menschen mit starken Einschränkungen. Alexander Abasov hat als „Tetraspastiker“ hat einen Grad der Behinderung von 100, seit er bei der Geburt fast an seiner Nabelschnur erstickte: Pflegestufe 4. So wie rund 10.000 andere Menschen mit Behinderung in Berlin hatte der heute 35-Jährige zuerst in einer Behin - dertenwerkstatterkstatt gearbeitet. Obwohl deren Aufgabe die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt ist, schaffen es nur rund 40 Menschen pro Jahr, echte Arbeit zu finden. Auch in den meisten anderen Bundesländern liegt die Quote unter einem Prozent.

„Mich wundert das nicht“, sagt Abasov in einer Arbeitspause. Sein Assistent reicht ihm ein Saftglas mit einem Strohhalm, alleine trinken kann er nicht. Seine Arme und Beine sind krampfhaft gelähmt, nur die rechte Hand kann er kontrollieren. So sind auch seine Toilettengänge eine logistische Opera - tion von rund 45 Minuten. Sein Geist jedoch ist wach, weshalb die Werkstatt sein Alp - traum gewesen sei. Unter Zuckungen quetscht Abasov einen weiteren Satz heraus: „Man wird dort mit geistig Beschränkten gleichgesetzt, das war unerträglich für mich.“ Er habe viele erlebt, die darunter litten  – und dennoch blieben. Denn wer 20 Jahre dort arbeitet, erwirbt das Anrecht auf eine gesetzliche Rente von 800 bis 900 Euro.
 

In der Pause braucht er Hilfestellung.

Vollzeitkraft statt „Vollspast“

Alexander Abasov wollte anders sein. Echte Arbeit haben, echtes Geld verdienen. Er reist gern, hat Freunde in New York. Er zieht sich gern modisch an: Polo von Ralph Lauren, Tasche von Louis Vuitton, bunte Sneakers. Also schrieb er zwei Bewerbungen für ein Praktikum als Grafiker, eine davon an die Agentur in seiner Straße.

Der Mann, der ihm antwortete, erinnert sich: „Dieser Abasov sprach kein einziges Wort über uns, sondern nur von sich selbst und seinen Zielen und Absichten. Der Kerl war frappierend zielstrebig, und diese Ich - bezogenheit, dieses eine Spur zu Selbstbe - wusste, schien mir ein kurioser Kontrast zu seinen körperlichen Handicaps.“ Martin Keune, damals Chef von Zitrusblau, schrieb über ihre gemeinsame Geschichte ein provokantes Buch: „Vollspast“ erzählt plastisch, warum das Bundesteilhabegesetz und die UN-Behindertenrechtskonvention allein keinem Menschen zu einem Arbeitsplatz verhelfen. Eigentlich sollen diese Regelungen sicherstellen, dass Menschen mit Behinderungen „ohne Diskriminierung und gleichberechtigt mit anderen“ Zugang zum ersten Arbeitsmarkt haben. Abasovs Eingliederung jedoch war für Keune, der 2017 verstorben ist, bloß „die eine verrückte Ausnahme.“
 

Gute Stimmung bei Zitrusblau: der Grafiker
Dominic Artner, Chefin Martina Huchthausen
und Alexander Abasov (von links nach rechts).


Abasov ist die Ausnahme, die die kleine Agentur von innen aufgerüttelt hat. Gerade einmal ein gutes Dutzend Leute arbeiten hier. „Die haben sich meinem Tempo angepasst“, glaubt Abasov, alle seien näher zusammengerückt: „Sie sind achtsamer geworden, ich habe sie irgendwie entschleunigt.“

Wachrütteln will er in Zukunft auch andere. Hinter Abasovs Monitor steht ein Aufsteller mit Flyern. Der zeigt ihn selbst im Rollstuhl: „Barrierefreies Denken beginnt mit dem VOLLSPAST“, steht drauf. Er hat den spitzzüngigen Buchtitel zu seinem Markenzeichen gemacht. Im Angebot hat er Rollstuhlerfahrungs-Workshops, Barrierefreiheitschecks und Vorträge. Den anstrengenden Grafikerjob will er zwar nicht aufgeben, überlegt aber dennoch, ein Studium zu wagen. Sein dorniger Weg sei jedenfalls noch lange nicht zu Ende, versichert der spastisch gelähmte Machertyp: „Mein Leben ist weiterhin ein Kampf – aber mittlerweile habe ich die Gegner besser studiert und weiß, wie ich mit ihnen umgehen muss.“
 

Info: Behinderung und Rente

Versicherte mit Schwerbehinderung können zwei Jahre früher regulär in Rente gehen. Die Voraussetzungen:
• das Erreichen des maßgebenden Alters
• ein Behinderungsgrad von wenigstens 50 Prozent
• die Erfüllung der Mindestversicherungszeit („Wartezeit“) von 35 Jahren

Alle Infos dazu online unter: t1p.de/drvbehinderte
 

3 FRAGEN AN...

Martina Huchthausen leitet die Berliner
Werbeagentur Zitrusblau, in der Alexander Abasov arbeitet.

„Echte Arbeit? Das ist nicht vorgesehen“

Wie ist das, einen Menschen mit Schwerbehinderung anzustellen? Extrem schwierig. Einen Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen, ist gar nicht vorgesehen. Nachdem mein Mann entschieden hatte, mit Alexander zu arbeiten, mussten wir viele Hürden überwinden. Gleich drei Ämter stritten sich um die Zuständigkeit.

2Wie kompliziert war es denn, einen inklusiven Arbeitsplatz zu schaffen? Einen bezahlbaren Fahrdienst zur Berufsschule zu bekommen, erwies sich als fast unmöglich. Wir haben das dann am Ende selber geregelt. Die Genehmigungsprozesse sind oft entwürdigend: Die Prüfung von Alexanders Förderfähigkeit musste in nicht behindertengerechten Räumen stattfinden. Weil es dort keine passende Toilette gab, musste er den halben Tag in Windeln erdulden. Aber er hat es geschafft.

3Herr Abasov ist zu 100 Prozent behindert, wie ist da der Arbeitsalltag? Es ist nach wie vor sehr schwer. In einer Werbeagentur herrscht immer Zeitdruck und Alexander arbeitet sehr langsam. Wir finden da immer eine Lösung, er betreut zum Beispiel unser Fotoarchiv. Jeder Mensch hat eben bestimmte Talente, auch wenn er Einschränkungen hat.