Mehr Roggen wagen: Hans-Herbert Dörfner lehrt Backkunst in Indonesien.
Mehr Roggen wagen: Hans-Herbert Dörfner lehrt Backkunst in Indonesien.



Die Voll-Profis

 

Wer jahrzehntelang erfolgreich in seinem Beruf gearbeitet hat, will oft nicht von heute auf morgen aufhören. Wie gut, dass die Erfahrung der Unruheständler mehr denn je gefragt ist. Sie unterstützen andere im In- und Ausland, ihre Projekte umzusetzen. Die Erfahrung zeigt: Wer einmal als „Senior-Experte“ im Ausland war, wird gerne zum Wiederholungstäter.

Hans-Herbert Dörfner, 74, Bäcker und Getreideexperte. Will nach 15 Einsätzen noch weitere Jahre ins Ausland gehen.

Sie bringen deutsches Brot in die Welt. Kann es da Überraschungen geben?
Oh ja. Was wir als Brot verstehen, ist woanders in puncto Geschmack, Textur oder Hygiene nicht akzeptiert. In Indonesien isst man nur das Weiche von süßem, gefärbtem Toastbrot. In Usbekistan werden Teigfladen gestanzt und gegen eine Mauer geworfen. Das schmeckte hervorragend!

Wissen Sie vorher, was auf Sie zukommt?
Ein Einsatz ist immer ein Wagnis. Aber wenn man gut vorbereitet ist, kann man einigermaßen sicher in die Arena treten. Ich sammle Informationen wie Fotos von Maschinen und berate mich mit Kollegen. Vor Ort muss ich dann sehen, was machbar ist. In China sollte Käsekuchen hergestellt werden. Es gab aber keinen Speisequark. Wir fanden letztlich australischen Green Cheese, der noch nicht gereift ist, und verlängerten ihn mit Vanillecreme.

Was treibt Sie dabei an?
Ich habe drei Ausbildungswege erfolgreich absolviert und die Lehrer hatten es nicht immer leicht mit mir. Aber sie haben alles aus mir herausgeholt. Dafür fühle ich heute noch Dankbarkeit.

Christa Naujack, Berufsschullehrerin mit den Schwerpunkten Textildesign und Gastronomie. Seit 2007 Senior-Expertin.

Neue Handtaschenkollektion: Christa Naujack (r.) mit Näherinnen in Kenia.

Sie arbeiten vor allem in Afrika ...
Ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal dorthin komme! Jetzt lese ich die Zeitung viel intensiver, verfolge die Nachrichten, erkenne Zusammenhänge. Das bereichert mein Leben. Ehe ich reise, lese ich ein paar Bücher zum Land. Auf den Alltag kann ich mich erst vor Ort einstellen.

Wie sieht Ihre Arbeit aus?
Ich arbeite mit vielen Fotos, die richtige und falsche Beispiele zeigen. Die Frauen fabrizieren Taschen in Heimarbeit, dadurch können sie bei ihren Kindern sein. Sie nähen meist gut, es fehlt aber an Kleinigkeiten, damit die Produkte hochwertig werden. Ohne Strom ist Bügeln so gut wie unmöglich. Ich habe einen Kantenformer mitgebracht und jetzt werden die Nähte nicht gebügelt, sondern glatt gestrichen.

Wie ist es, alleine als Frau zu reisen?
Eigenverantwortung muss man schon mitbringen. Ich würde nie in ein Land gehen, in dem ein Entführungsrisiko besteht. Ansonsten ist mir nur wichtig, dass ich Strom und Licht habe.

Stefan Linz, arbeitete jahrzehntelang in Managementpositionen im Ausland. Seit sieben Jahren ist er Senior-Experte.

Materialprüfung für die Schuhfabrik: Stefan Linz (r.) in Simbabwe.

Im Ausland zu arbeiten, sind Sie gewohnt ...
Ja, ich kann mich einstellen. In einem muslimischen Land sitze ich mit den Kollegen bei Tee oder Cola zusammen, Rotwein gibt es dort keinen. Kritische Themen muss ich bei solchen Gesprächen manchmal ausklammern, denn ich bin nur zu Gast.

Wie funktioniert die Hilfe zur Selbsthilfe?
Einfühlungsvermögen ist enorm wichtig. Zumal es meist auch Sprachprobleme gibt. Meine eigenen Vorstellungen sind unwichtig, wir erarbeiten das Konzept gemeinsam. In Kasachstan etwa habe ich mich um eine Fabrik gekümmert, die 400 Familien ernährt. Diese Menschen brauchen vor Ort gute Jobs, damit sie bleiben können.

Was bleibt nach einem Projekt?
Eine menschliche Beziehung. Jeden Morgen durfte ich Hunderte von Händen schütteln. Es war den Mitarbeitern wichtig, dass ich da war. Zuletzt erhielt ich eine Whatsapp vom Direktor: „We miss you.“ Das hat mich sehr berührt.

»Der Direktor überließ mir sein Büro und sagte: You are the Boss!«

Stefan Linz, Senior-Experte mit langjähriger Managementerfahrung im Import und Export

 

Info: Auslandssemester für Ältere

Wissen weitergeben und damit Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Von der Herstellung hitzebeständiger Marmelade in Kirgisistan bis zur Optimierung einer Holzpellet-Fabrik in Brasilien – der „Senior Experten Service“ (SES) der Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit vermittelt Fachkräfte, die in Rente sind und ihr Know-how weitergeben wollen. Die Auslandseinsätze dauern in der Regel vier bis sechs Wochen und werden vom SES organisiert. Auch Einsätze in Deutschland sind möglich.
Kontakt zum SES:
Tel.: 0228 26090-0
ses@ses-bonn.de
www.ses-bonn.de