Nastaran Rahimi im PKW-Fahrsimulator.
Nastaran Rahimi im PKW-Fahrsimulator.



Seiltänzer mit Tunnelblick

 

 

Sie bewegen sich wie Seiltänzer. Fabian Stähler und Johannes Lampe versuchen, der Linie auf dem Boden zu folgen. Keine leichte Sache, denn die beiden Auszubildenden der Deutschen Rentenversicherung Hessen tragen sogenannte Rauschbrillen. Sie erleben ihre Umgebung, als hätten sie 0,8 Promille Alkohol im Blut. Tunnelblick und Gleichgewichtsstörungen lassen die beiden jungen Männer schwanken. Die Auszubildenden nehmen am Aktionstag Alkohol teil, mit dem sich der hessische Sozialversicherungsträger an der bundesweiten Aktionswoche „Alkohol? Weniger ist besser!“ der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) beteiligte. Lea Pollack sieht mit der 1,3-Promille-Rauschbrille zwei Linien statt einer am Boden. Welcher soll sie folgen? Als sie die Brille abnimmt, muss sie erkennen, dass sie völlig neben der Spur lag. „Ich hatte gar kein Gefühl für die Tiefe. So habe ich mich noch nie gefühlt, das ist schon ein großer Realitätsverlust“, sagt Pollack. Darauf gönnt sie sich erst einmal einen Cocktail – alkoholfrei, versteht sich.

Hochkonsumland Deutschland

Die Drinks mit Melone und Erdbeere haben ihre Kolleginnen gemixt. „Das geht wirklich relativ schnell“, findet Auszubildende Alysha Wernthal. Sie mag es nicht, wenn Getränke zu sehr nach Alkohol schmecken, und greift lieber zur fruchtig-frischen Alternative. Das ist nicht selbstverständlich: Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gilt Deutschland als Hochkonsumland, in dem deutlich mehr getrunken wird als der weltweite Mittelwert von 6,2 Litern reinen Alkohols pro Kopf und Jahr. Rund 9,5 Millionen Deutsche im Alter von 18 bis 64 Jahren trinken laut aktuellen Statistiken so viel Alkohol, dass sie ihre Gesundheit damit gefährden. Wer alkoholisiert Auto fährt, gefährdet sich und sein Umfeld. Bereits bei 0,2 bis 0,3 Promille, also nach etwa einem Glas Bier oder Wein, verlängert sich die Reaktionszeit und die Risikobereitschaft nimmt zu, warnt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen. Welche Risiken eine Fahrt unter Alkoholeinfluss birgt, können die Beschäftigten der Deutschen Rentenversicherung Hessen beim Aktionstag in einem PKW-Fahrsimulator erleben.

Außer Kontrolle

Auszubildende Nastaran Rahimi wagt sich hinters Steuer. Statt durch die Windschutzscheibe schaut sie in einen Monitor. Lenkrad, Kupplung und Bremse funktionieren wie bei einem echten Auto. Rahimi wählt die Optionen „1,1 Promille“ und „schönes Wetter“. Sie startet den Motor und gibt gleich einmal zu viel Gas. „Das Lenkrad reagiert ganz anders“, bemerkt sie. In den Außenspiegeln sieht sie verschwommen. Die Leute, die im Monitor am Rande des Gehsteigs auf den Bus warten, erkennt sie erst spät. Plötzlich hupt der Gegenverkehr. Fahrbahn verlassen, Unfall gebaut. „Es war alles außer Kontrolle“, sagt Rahimi und steigt aus dem Simulator zurück in die Realität.

 

Wider das Tabu

Irmgard Müller, Psychologin an der Klinik
Sonnenblick in Marburg, über Anzeichen von Sucht und heikle Fragen unter Kollegen

Frau Müller, was sind Ihre Aufgaben als Ansprechpartnerin für Suchtfragen bei der DRV Hessen?

Wir informieren und beraten Betroffene und Kollegen im Umgang mit Betroffenen. Außerdem schulen wir Führungskräfte zum Thema Sucht. Ein weiterer Schwerpunkt ist, dass wir schon für die Auszubildenden und die Studierenden dieses Thema enttabuisieren wollen.

Wann würden Sie jemanden als süchtig bezeichnen?

Wenn die Gewohnheit eine Eigendynamik kriegt, die die Abläufe des täglichen Lebens beeinflusst und stört. Dass man zum Beispiel Alkohol einkaufen gehen muss, wenn keiner mehr im Haus ist.

Woran erkennt man denn, dass zum Beispiel ein Kollege ein Suchtproblem hat?

Ein alkoholkranker Mensch arbeitet vielleicht unkonzentrierter als früher, wirkt unruhig oder reagiert launisch und reizbar. Eine Tabletten- oder Spielsucht ist auf der Arbeit eher schwer zu erkennen. Handysucht, also elektronische Abhängigkeit, führt oftmals zu sozialem Rückzug. Aber auch, wenn es nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist: Abhängige verändern sich häufig im Laufe der Zeit.

Verändertes Verhalten kann viele Gründe haben…

Natürlich, doch gerade deswegen möchten wir Mut machen, die betroffene Person anzusprechen und sie immer wieder mal zu fragen, ob es ihr nicht gut geht oder ob man etwas für sie tun kann.

Meinen Sie nicht, das könnte unter Kollegen als sehr private, vielleicht zu private Frage empfunden werden?

Wir sind sehr gut darin, uns gegenseitig zu schonen, aber das ist bei Sucht genau das Falsche. Klar, wir verlassen dabei unsere Komfortzone und die Neutralität, dringen dabei eventuell in die Intimsphäre des Kollegen ein. Doch wir haben auch eine Verantwortung, das Thema zu enttabuisieren. Trauen wir uns!

Weitere Informationen:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): www.kenn-dein-limit.de

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: www.dhs.de

Begegnungszentrum Hanau-Main-Kinzig: www.bzhanau-main-kinzig.de