Illustration: zwei humanoide Figuren, die sich gegenseitig an die Nase fassen



Meine Kultur, deine Kultur




Zu den Höhepunkten des Vaterseins gehören jene Momente, wenn der Nachwuchs Fragen stellt, die über finanzielle Soforthilfe hinausreichen. Neulich, es war am Monatsende, war der Große zum Essen ins heimische Nest gekommen. Ich bastelte an palästinensisch-georgischen Teigtaschen, im Radio kam Reggae, ins Glas italienischer Rotwein. Klar, es ist Liebe, wenn das Kind nach Hause kommt. Aber manchmal auch einfach nur Kohldampf, weil sich Lehrgeld schneller verflüchtigt als Aerosole.

„Du, Papa …“, begann er und ich suchte gedanklich nach der Geldbörse. Aber er wollte tatsächlich meine Weisheit. „Was hältst du eigentlich von kultureller Aneignung?“ Nun, wollte Emanuel Macron den einstigen französischen Kolonien nicht die geraubten Kunstschätze zurückgeben? Ich referierte ein wenig Halbwissen über die Werke im Louvre, bis dem Jungen der Geduldsfaden riss: „Ach Papa, ich meine cultural appropriation. Darüber streiten wir ständig unter Freunden.“ Verdammt. Kaum ist der Vater als Instanz gefragt, schon hat er keine Ahnung.
 

Die Moral endet beim Essen

Beim Phänomen der kulturellen Aneignung, so erklärte mein Junge, gehe es weniger um den Diebstahl von Kulturgütern als um das Aneignen kultureller oder religiöser Symbole: das Buddha-Bild im Yogastudio, Stammessymbole auf der Designertasche oder die rote Irokesen-Bürste des Digitalexperten Sascha Lobo. Erwischt. Würde ich Kleider- und Plattenschrank aussortieren, blieben am Ende nur die Krachlederne und Peter Maffay übrig, obwohl: Bayern, Siebenbürgen – darf ein Westfale das überhaupt? Gute Frage, denn: Die Kritiker der kulturellen Aneignung betrachten das Ironisieren, Verfälschen oder Kommerzialisieren anderer, womöglich heiliger Symbole als neue Form weißen, kapitalistischen Kolonialherrentums (was fairerweise gegendert werden müsste). Ist es also okay, wenn sich Pop-Oma Madonna eine Burka umhängt?

„Ich verstehe den Ansatz“, sage ich zu meinem Sohn, „aber guck dich mal um.“ Kochbücher aus aller Welt, arabischer Kaffee, ein ganzer Kühlschrank voller Aneignungen. „Nur Probleme“, sagt mein Sohn, womit er das Leben als solches präzise umrissen hat. „Und was tun wir jetzt?“ Bewährungsprobe für väterliche Autorität! „Eine liberale Gesellschaft fußt auf Respekt, aber auch auf Gelassenheit“, beginne ich ein genscherhaftes Solo: „Ich rede gern mit allen, deren Kultur ich mir angeeignet haben soll. Aber nur ungern mit Wohlstandskindern, die sich Diskriminierungserfahrungen aneignen, die sie nie selbst erlebt haben. Das wäre eine Opfer-Aneignung, die ich als bevormundend empfände.“ Der Sohn nickt zögerlich. Dann pikst er verträumt in eine der Teigtaschen auf seinem Teller. Sie dampft und duftet nach exotischen Gewürzen. 
 

Hajo Schumacher, 57, ist Journalist und
Buchautor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. In
seinem neuen Buch „Kein Netz“ sucht er das gute Leben in digitalen Zeiten (Eichborn, 2020). Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.