Bild zeigt Wasserstoff Moleküle



Scheinriese Wasserstoff

 

Wie wird Ihre Wohnung beheizt und mit welchem Kraftstoff fährt Ihr Auto? Die Antwort lautet heute meist noch: mit fossilen Rohstoffen.
Der Klimawandel zwingt uns aber dazu, genau diese Rohstoffe nicht mehr zu verbrennen. Daher wird viel über Alternativen diskutiert. Manche schlagen vor, Wasserstoff statt fossiler Energie einzusetzen. Sogenannter grüner Wasserstoff kann aus erneuerbarem Strom hergestellt werden. In dieser Zukunftsvision wird Ihre Heizung statt mit Erdgas mit grünem Wasserstoff betrieben. In den Tank Ihres Autos kommen dann aus grünem Wasserstoff hergestellte synthetische Kraftstoffe. Elektromobilität, Gebäudesanierungen und Wärmepumpen spielen in dieser Zukunftsvision kaum eine Rolle – Wasserstoff gilt als universelle Lösung, denn er hinterlässt keine Klimagase.

Die Wärmepumpe ist billiger

Manch’ große Ideen halten einer genaueren Betrachtung jedoch nicht stand – und so stellt sich auch Wasserstoff als Scheinriese heraus. Das Problem ist: Wandelt man erneuerbaren Strom in grünen Wasserstoff um, geht sehr viel Energie verloren. Das gilt umso mehr, wenn man den Wasserstoff zu synthetischem Diesel oder Benzin weiterverarbeitet. Im Vergleich zu einem E-Auto brauchen sie am Ende fast sechsmal so viel Energie. Ähnlich beim Heizen: Eine elektrische Wärmepumpe wäre die Alternative und braucht rund fünfmal weniger erneuerbare Energie.
Diese Energieverluste spüren Sie im Geldbeutel. Würden Sie ein Auto kaufen, wenn der Sprit um ein Vielfaches teurer wäre als beim alternativen Modell? Natürlich nicht – Wasserstoff ist für Autos und Heizungen unter dem Strich teurer und würde vor allem Geringverdienende stark belasten.
Von Scheinriesen bleibt bei näherer Betrachtung jedoch durchaus etwas übrig. So auch beim Wasserstoff. Den brauchen wir nämlich dort, wo wir bisher keine Alternativen zu fossilen Rohstoffen kennen. Das sind etwa Stahl, Chemie, Flugzeuge und Schiffe.
Wenn wir das Klima wirklich schützen wollen, um den Planeten für unsere Kinder zu bewahren, bedarf es Mut zur Veränderung. Das bedeutet, dass wir erneuerbare Energien stark ausbauen müssen, auch Wind­räder. Das Ende des Verbrennungsmotors wird kommen. Aber auch mit Elektroauto, Fahrrad und Bahn bleiben wir mobil. Und wenn wir es geschickt anstellen, steht am Ende sogar mehr Gesundheit, Komfort und Lebensqualität für uns alle.

Prof. Claudia Kemfert: Die Wirtschaftswissenschaftlerin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrats für Umweltfragen.

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