Prof. Dr. Matthias Bethge, Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität zu Lübeck, ist einer der beiden Leiter des Projekts
„MiMi-Reha-Kids“.
Prof. Dr. Matthias Bethge, Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität zu Lübeck, ist einer der beiden Leiter des Projekts „MiMi-Reha-Kids“.



"Mehr Kinder sollen die Chancen einer Reha nutzen"

 

 

Warum ist Kinder-Reha wichtig?

Typische Erkrankungen, die in der KinderReha behandelt werden, sind Asthma, Neurodermitis, schweres Übergewicht oder Krebs. Solche Leiden verändern das Leben der betroffenen Familien massiv. Die Zukunftsträume der Kinder und ihrer Angehörigen sind bedroht. Dabei kann Kinderund Jugendrehabilitation langfristig helfen, die Krankheit, aber vor allem die damit zwangsläufig verbundenen Alltagsschwierigkeiten besser zu meistern. Seien es Probleme in der Schule oder im sozialen Umfeld.

Warum schicken manche Familien ihre chronisch kranken Kinder dennoch nicht in Reha?

Nicht jeder kennt das Angebot der Deutschen Rentenversicherung. Und zudem machen sich viele Eltern Sorgen. Über diese Sorgen muss man gemeinsam reden. Vieles lässt sich leicht klären, manches braucht mehr gemeinsames Nachdenken. Wer sein krankes Kind monate- oder gar jahrelang täglich umsorgt, pflegt und unterstützt, der denkt über viele Alltäglichkeiten viel intensiver nach.

Was sind denn die Hauptsorgen der Eltern?

Wer selbst Kinder hat, kommt schnell auf die wesentlichen Fragen, die sich Eltern vor einer Reha stellen: Muss mein Kind allein in die Klinik? Wird es dort gut versorgt? Was ist mit der Schulpflicht? Wer kümmert sich während der Reha um die Geschwister? Muss ich als Elternteil – womöglich unbezahlten – Urlaub nehmen?

Dabei wurde in den letzten Jahren schon einiges verändert.

Das stimmt. Eltern dürfen ihr Kind bis zum Alter von zwölf Jahren begleiten. Es werden derzeit ambulante Angebote entwickelt. Es gibt zudem hervorragende schulische Begleitangebote in den Kliniken. Doch vieles davon ist noch nicht ausreichend bekannt.

Ihr aktuelles Projekt untersucht speziell die Probleme von Kindern mit Migrationshintergrund. Ist hier das Unwissen noch höher?

Der Antragsrückgang in der Kinder- und Jugendrehabilitation ist deutlich höher als bei den Erwachsenen. Und ein Blick in die Statistiken zeigt, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund seltener Reha-Maßnahmen in Anspruch nehmen als solche ohne Migrationshintergrund. Und leider liegt es nicht daran, dass diese Kinder vergleichsweise gesünder sind – das wäre ja auch eine mögliche Erklärung.

Wer muss angesprochen werden, damit diese Kinder Reha-Angebote wahrnehmen?

Neben Kinderärzten, Schulen oder Jugendhilfe-Einrichtungen sind dies vor allem Multiplikatoren, die aus dem kulturellen Umfeld der Familien mit chronisch kranken Kindern kommen.

Was ist Ihr Ansatz?

MiMi bedeutet „Migranten für Migranten“. Wir gehen in die Räume, wo Menschen mit Migrationshintergrund leben. Wir sprechen zunächst Personen an, die in ihrem sozialen Raum gut vernetzt sind und sich mit unserem Gesundheits- und Sozialversicherungssystem auskennen. Diese Mediatoren sollen unser Angebot breiter streuen.

Warum brauchen wir diese kulturelle Kompetenz als Multiplikator?

Wenn wir Ängste und Informationsdefizite abbauen wollen, dann müssen wir diese zunächst einmal kennen. Dieses Wissen über die Besonderheiten fehlt in der Rentenversicherung, aber auch bei den Ärzten. Seien wir ehrlich, so eine Behörde oder gar die Ärzteschaft spiegelt nicht den Bevölkerungsquerschnitt wider. Da fehlt manchmal der richtige Blickwinkel auf Alltagsprobleme.

»Der Antragsrückgang in der Kinderund Jugendrehabilitation ist deutlich höher als bei den Erwachsenen.«

Prof. Matthias Bethge

Das bedeutet, es geht um ein gegenseitiges Lernen?

Wir wollen verstehen, warum manche Dinge nicht so laufen wie gewünscht. Da ist man als Arzt überzeugt von seinem tollen Angebot für die chronisch kranken Kinder und sieht gar nicht, mit welchen Sorgen sich die Eltern und Kinder herumplagen. Diese Sorgen müssen zunächst ermittelt werden, um anschließend damit umzugehen.

Was sind migrationsspezifische Barrieren?

Gerade Sprache und kultureller Hintergrund spielen eine wichtige Rolle. Ein Problem ist zum Beispiel, dass nicht der Arzt eine Rehabilitation verordnet, sondern erst ein Antrag gestellt werden muss. Dafür müssen Formulare ausgefüllt werden. Alleine dieser Schritt stellt für viele Menschen eine hohe Hürde dar. Erst recht, wenn Deutsch nicht die Muttersprache ist.

Was haben Sie vor?

Wir werden einen mehrsprachigen Wegweiser durch die Kinder-Reha entwickeln. Dieses Informationsmaterial wird die Grundlage dafür sein, dass wir sogenannte Mediatoren schulen können. Insgesamt werden es mehr als 100 Personen in den beiden Modellregionen Berlin und Hamburg sein. Diese von uns geschulten Mediatoren werden ihrerseits kleine Informationsveranstaltungen durchführen, um das Wissen bis zu den betroffenen Familien zu tragen.

Wie lautet Ihr Forschungsziel?

Wir wollen verstehen, was an der Situation von Familien mit Migrationshintergrund anders ist als bei Familien, in denen die Eltern nicht zugewandert sind. Dies soll uns helfen, unsere Kampagne zu schärfen. Wir wollen Familien dazu befähigen, dass sie die RehaAngebote, die sie brauchen, auch wahrnehmen können. Und als Wissenschaftler will ich schließlich eine klare Aussage darüber treffen können, ob diese Maßnahmen tatsächlich erfolgreich sind. Am Ende geht es darum, dass mehr chronisch kranke Kinder die Chance einer Reha nutzen.

Info: MiMi-Reha-Kids

Mit dem Projekt fördert die Deutsche Rentenversicherung (DRV) Nord das Projekt des Ethno-Medizinischen Zentrums e.V. und der Universität zu Lübeck gemeinsam mit der DRV Berlin-Brandenburg. Ziele sind die Erforschung der speziellen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Hinblick auf Reha und die Erleichterung des Zugangs zur Kinder-Reha für Familien mit Migrationshintergrund. „MiMi-RehaKids“ will den Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Reha messbar steigern.