Die Isolation durch Quarantäne oder den CoronaLockdown kann ein starker Stressfaktor sein.
Die Isolation durch Quarantäne oder den CoronaLockdown kann ein starker Stressfaktor sein.



Belastungsfaktor Corona-Krise


Herr Dr. Specht, inwiefern belastet die Pandemie die psychische Gesundheit?
Die Corona-Pandemie belastet uns nicht nur durch akute COVID-19-Erkrankungen und durch die Angst vor Ansteckung. Uns belasten auch die Folgen der Maßnahmen, mit denen die Ausbreitung begrenzt und die Überforderung des Gesundheitssystems verhindert werden soll.

Welche Belastungen sind das im Einzelnen?
Es geht beispielsweise um Existenzbedrohung durch Insolvenz oder Jobverlust, Verzweiflung durch Isolation, familiäre Spannungen infolge der Ausgangsbeschränkungen, Trauer nach Verlust eines Angehörigen, fehlende Kinderbetreuung oder hohe Arbeitsbelastung in helfenden Berufen. Ob dies im Einzelfall zu einer depressiven oder Angst-Erkrankung führt, hängt natürlich von weiteren Faktoren ab. Es kann jedoch zu Einschränkungen der Gesundheit und der beruflichen Leistungsfähigkeit führen und weitere medizinische Behandlungen notwendig machen.

Welche Personengruppen sind gefährdet?
Menschen dekompensieren und erkranken, wenn ihre Bewältigung überfordert wird – es geht um das Gleichgewicht von äußerer Belastung und innerer Bewältigungsfähigkeit. Gefährdet sind also Personen, die weitere äußere Belastungen oder eine psychische Vorerkrankung zu schultern haben und deren Ressourcen geschwächt sind.
 

»Der Verstand und nicht die Angst sollten in unserem Leben handlungsleitend sein. «

Dr. Timo Specht, Chefarzt, Fachklinik Aukrug der DRV Nord

 

An wen richtet sich Ihr Therapiekonzept?
Wir haben vor allem zwei Personengruppen im Blick: Da sind zunächst die Patienten, die eine schwere Infektion mit dem neuen Coronavirus durchgemacht haben mit der Erfahrung von Lebensbedrohung oder mit bleibenden körperlichen Einschränkungen. Hier bieten wir eine Anschlussheilbehandlung unmittelbar nach der Akutphase im Krankenhaus an, bei der wir die Betroffenen körperlich wieder aufbauen und unser Augenmerk auch auf die psychische Situation richten können. Wenn dies erst im Verlauf deutlich wird, kommt aber auch eine medizinische Rehabilitation infrage – entweder in unserer pneumologischen oder unserer psychosomatischen Abteilung, je nachdem, welche Problematik im Vordergrund steht.

Und die zweite Gruppe?
Zum anderen geht es um Menschen, bei deren psychischer Dekompensation die besonderen Belastungen der Pandemie eine Rolle spielen. Gefährdet sind hier besonders solche, die zuvor schon durch weitere äußere Faktoren belastet waren, etwa familiäre oder berufliche Konflikte und Kränkungssituationen, sowie deren Bewältigungsmöglichkeiten eingeschränkt waren, zum Beispiel durch psychosomatische, aber auch körperliche Vorerkrankungen, chronische Stressbelastung und Erschöpfung oder wenig entwickelte Fähigkeiten der Selbstfürsorge. Kippt das Gleichgewicht, sind die Betroffenen nicht mehr oder nur eingeschränkt fähig, wieder ins Berufsleben einzusteigen. Hier können wir ein Behandlungsangebot machen. Dabei verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz, der neben dem Fokus auf der Hauptproblematik weitere relevante körperliche, psychische und soziale Faktoren berücksichtigt.
 

Was ist das Ziel Ihrer Behandlung?
Uns geht es nicht nur um die Besserung von körperlichen und seelischen Beschwerden, sondern darüber hinaus um den Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten, die helfen, das in der Therapie Erreichte nach der Reha aufrechtzuerhalten oder sogar auszubauen. Wir wollen, dass unsere Patienten dazulernen. Sie sollen sowohl ihren Alltag wieder gut bewältigen als auch im Gleichgewicht bleiben.

Was kann jeder und jede selbst tun, um in dieser außergewöhnlichen Stresssituation die psychische Widerstandsfähigkeit zu stärken?
Wichtig ist eine freundliche, konstruktive und lösungsorientierte Grundhaltung. Auch wenn wir einige Faktoren in unserem Umfeld nicht selbst beeinflussen können, sollten wir uns nicht von negativen Emotionen und Impulsen lenken lassen. Der Verstand und nicht die Angst sollten in unserem Leben handlungsleitend sein. Dafür müssen wir die sogenannten Resilienzfaktoren stärken. Diese schützen und helfen uns, persönliche und soziale Ressourcen für Entwicklung und Bewältigung zu nutzen. Es geht darum, Krisen als überwindbare Probleme zu betrachten, zu akzeptieren, dass Veränderung Teil des Lebens ist und sich selbst mit Wohlwollen und Wertschätzung zu begegnen.

Können Sie dem Corona-Lockdown etwas Positives abgewinnen?
Vielleicht steckt für uns alle eine Chance in der Krise, wenn es der Gesellschaft gelingt, daraus mit gestärktem Gemeinsinn hervorzugehen. Mein Tipp: Ärgern Sie sich nicht über gestresste und angespannte Kollegen und Vorgesetzte, sondern unterstützen Sie sich gegenseitig, um gemeinsam gute Arbeit zu machen. Achten Sie auf genügend Bewegung. Bleiben Sie auch unter Stress freundlich. Und treffen Sie bewusste und selbstfürsorgliche Entscheidungen. Dann schaffen Sie es auch, psychisch gesund durch die Krise zu kommen.
 

Info: 10 Tipps für das innere Gleichgewicht

Achten Sie auf regelmäßige körperliche Aktivität

Ernähren Sie sich gesund und ausgewogen

Pflegen Sie soziale Kontakte

Seien Sie freundlich mit sich und anderen

Sorgen Sie für Pausen und ausreichend Schlaf

Betrachten Sie Krisen als überwindbare Probleme

Akzeptieren Sie, dass Veränderung Teil des Lebens ist

Entschließen Sie sich zum Handeln

Gehen Sie optimistisch an die Dinge heran

Sinn ist wichtiger als Spaß