Uroma Edith (Mitte) mit ihrer jüngsten Tochter Dagmar (rechts), ihrem Enkel Steven (links oben) und Urenkelin Emma (links unten).
Uroma Edith (Mitte) mit ihrer jüngsten Tochter Dagmar (rechts), ihrem Enkel Steven (links oben) und Urenkelin Emma (links unten).



Vier Generationen Familiengeschichte

Emma beißt gerade in ein Stück Schokoladenkuchen, als ihre Uroma ­Edith am Kaffeetisch erzählt, wie es so war als Mutter von fünf Kindern in der Nachkriegszeit. „Fünf Kinder?!“, entfährt es der Siebenjährigen ungläubig. Dass all ihre Großtanten und Großonkel väterlicherseits früher einmal zu einer siebenköpfigen Familie gehörten, war ihr bisher nicht bewusst gewesen. Und noch größer werden ihre Augen, als sie hört, dass ihre Ururoma sogar mit elf Geschwistern großgeworden ist. Und das Erstaunlichste kommt erst noch: Schokolade war damals ein Luxus und kostete gemessen an der heutigen Kaufkraft sagenhafte fünf Euro.

Edith Seretzky lacht herzlich. Sie ist vor wenigen Tagen 91 Jahre alt geworden und wie immer, wenn der engste Familienkreis zusammenkommt, reicht ihre Wohnung nicht einmal ansatzweise aus. „Wir mussten natürlich auswärts feiern.“ Dabei sind die drei Zimmer mit der hübschen Terrasse verglichen mit den Lebensumständen bei ihrer Familiengründung geradezu weitläufig.

Edith Seretzky, 91, mit ihrer siebenjährigen Urenkelin Emma.

Als Frau eines Stahlarbeiters in der Ruhrgebietsstadt Hagen wohnte sie mit den ersten drei Kindern anfangs auf zwei Zimmern. „Zwei Kinder schliefen mit im Ehebett und für das Jüngste hatten wir ein Gitterbettchen aufgestellt.“ Die Toilette war, wie damals üblich, auf dem Flur und wurde mit drei anderen Mietparteien geteilt. Die Kinder badeten in einer Plastikwanne in der Küche, die Erwachsenen wuschen sich am Waschbecken. Badewannen gab es nur im Schwimmbad. In die Waschküche und auf den Trockenboden durfte jede Familie nur an zwei Tagen im Monat. ­Edith ­Seretzky wusch viel mit der Hand.

Hätte sie es sich aussuchen können, wäre es bei zwei Kindern geblieben. „Mehr ist finanziell eigentlich nicht drin gewesen.“ Doch man wurde eben schwanger und bekam dann das Kind – und so wurden es dann drei, fünf oder auch mehr. Dass Familien heute selbst bestimmen und planen können, ist Teil des demografischen Wandels der modernen Gesellschaft. Die Geburten sind entsprechend stark zurückgegangen, aber gleichzeitig sind die Wirtschaftsleistung und der Lebensstandard enorm gestiegen. Das heißt: 100 Beschäftigte finanzieren heute im Umlageverfahren die Bezüge von mehr Rentnerinnen und Rentnern als früher. Gleichzeitig sind diese Beschäftigten produktiver, verdienen mehr und zahlen entsprechend höhere Beiträge in die Rentenkasse ein. „Weniger junge Menschen führen nicht zwangsläufig zu einem Zusammenbruch des Rentensystems“, analysiert Gerd ­Bosbach, Professor für Statistik und empirische ­Sozial- und Wirtschaftsforschung. „Jährlich geht die Zahl der Erwerbstätigen um 0,8 Prozent zurück. Das ist angesichts der Produktivitätssteigerung kein Problem.

Die Geburten pro Frau lagen 2021 rein statistisch bei 1,53. Vor 100 Jahren war die Geburtenrate noch doppelt so hoch.

Quelle: Statistisches Bundesamt

 Vier Generationen Hände.

Edith Seretzky gießt sich eine Tasse Kaffee ein. Als junge Frau, erzählt sie, konnte sie sich Bohnenkaffee nur zu besonderen Gelegen­heiten leisten. Kam ihre Mutter zu Besuch, brachte sie immer etwas Butter mit. Später fing ­Edith ­Seretzky in einer Bonbonfabrik am Fließband an, um über die Runden zu kommen. „Ich wollte mein eigenes Geld verdienen.“ Um fünf Uhr morgens ging sie aus dem Haus, nach der Arbeit kochte sie für den nächsten Tag vor.

Energiebündel Emma auf dem Sessel ihrer Uroma Edith.

In den Sommerferien fuhr die Familie aufs Land, wo eine Cousine auf einem kleinen Bauernhof lebte. „Wir haben morgens um vier die Schweine über den Hof gejagt“, erinnert sich ­Dagmar ­Träptau, 57 Jahre alt und ­Ediths jüngste Tochter. „Und nachmittags sprangen wir in den Teich, wo vorher die Kühe durchgezogen worden waren.“ Nach der Schule machte ­Dagmar ­Träptau eine Ausbildung zur Friseurin. Für ihre Kinder ist es bereits selbstverständlich gewesen, mit Badezimmer in der Wohnung, Warmwasser zu allen Zeiten und einem Familienauto aufzuwachsen. Sohn ­Steven (34), Vater der kleinen ­Emma, ist Vertriebsleiter im Außendienst, seine Frau führt ein Zahnarztlabor. Zwei Autos, Handys, eine große Wohnung und viele Reisen gehören für seine Familie zum Lebensstandard.

„Eine gut ausgebildete Jugend ist produktiver und kann mehr Ältere finanzieren.“

Prof. Gerd Bosbach,
Statistiker und Rentenexperte

Gehobener Lebensstandard

Ist genau dieser Wohlstand durch die Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge gefährdet? „Statt ängstlich auf die Kinderzahl zu blicken, sollten wir den vorhandenen Nachwuchs besser ausbilden als in der Vergangenheit“, sagt der Renten­experte ­Bosbach. „Eine dauerhaft gut ausgebildete Jugend ist produktiver und kann später auch mehr Ältere finanzieren.“

Steven Kurz schlendert in die Küche und schaut in die Töpfe seiner Oma, wo er einen Braten entdeckt, für den er umgehend reges Interesse anmeldet. Als seine Mutter ­Dagmar klein war, gab es so üppige Fleischmahlzeiten nur sonntags. Und anschließend Kuchen – das große Schlemmen einmal die Woche. ­Steven muss heute nicht genau darauf achten, ob er beim Einkaufen Fleisch, Kaffee oder Schokolade auf das Kassenband legt. Die einst kostbaren Lebensmittel sind für ihn keine Konsumgüter, die für besondere Gelegenheiten aufbewahrt werden. Die derzeit hohe Inflation und die explodierenden Energiepreise zeigen jedoch: Was Luxus bedeutet, kann sich rasend schnell durch Krisen und Kriege verändern.

Dennoch: Das Kostbarste, sagt ­Steven Kurz, sei für ihn Zeit. Und davon will er möglichst viel mit seiner Tochter verbringen. Wochenenden und Ferien sind für die Familie und das heiß geliebte Wohnmobil reserviert. Die kleine ­Emma ist mit ihren sieben Jahren schon mehr gereist als die Uroma in ihrer gesamten Jugend.

Demografischer Wandel

Viele Menschen werden heute älter als früher. Gleichzeitig werden weniger Kinder geboren. Und: Die Wirtschaftsleistung ist enorm gewachsen.

1950 –1965: Der Babyboom

In Zeiten des Wirtschaftswunders wurden auch viele Kinder geboren.

ab 1965: Der Geburtenrückgang

Die 1960er-Jahre beenden den Babyboom. Die Zahlen brachen ein.

1991– 2022: Die Zuwanderung...

hat verhindert, dass die Bevölkerungszahl gesunken ist.

1950 – 2020: Die Lebenserwartung...

liegt für den Jahrgang 2020 bei 78,6 Jahren (Männer) bzw. 83,4 Jahren (Frauen) – deutlich höher als 1950.

Anstieg der Wirtschaftsleistung

Beschäftigte und Unternehmen sind immer produktiver geworden.

Rasanter Anstieg der Kaufkraft

Die Arbeitszeit, die Beschäftigte aufwenden, um bestimmte Waren kaufen zu können, ist weniger geworden.