Schuhmachers Familien-Kolumne

 

Neulich in Berlin, endlich mal alleine auf Ritt. Sohn auf Klassenfahrt, Frau bei ihrer Mutter. Ich so mit einigen Mittfünfzigern vor der Kneipe, Flaschenbier.
Sie: „Na, was machst du denn so?“
Ich: „Journalist, und du?“
Sie: „Landschaftsbau, seit über 20 Jahren freiberuflich. Lief erst nicht, jetzt prima. Genug zu tun.“
Ein Dritter: „Ich bin auch Freiberufler, mit drei Jobs: Kurierfahrer, Lokalpolitiker, Hausmeister. Läuft prima.“
Ich, neugierig: „Und? Schon Vorfreude auf den Ruhestand?“
Beide gucken mich verständnislos an. Sie sagt: „Nee, ich will weiterarbeiten, später vielleicht etwas weniger. Macht doch Spaß.“ Wir einigen uns darauf, dass dieser mythenumwobene 65. Geburtstag für uns keine Bedeutung hat. Wir machen einfach weiter.

Wenige Tage später, Abendessen mit Rotwein.
Mann rechts von mir: „Na, was machen Sie denn so?“
Ich: „Journalist, Schreiben und solche Sachen. Und Sie?“
Er: „Bauingenieur, öffentlicher Dienst. Noch zwölf Jahre. Dann bin ich durch.“
Mann links: „Ich bin im Vertrieb. Noch neun Jahre. Endlich.“
Ich, ratlos: „Und dann? Rente?“
Beide nicken mit träumerischem Blick.

Zwei Welten, eine Erkenntnis: Menschen, die ein festes Ausstiegsdatum im Arbeitsvertrag haben, sehnen den Ruhestand offenbar herbei. Für Freiberufler dagegen scheint dieses „Renteneintrittsalter“ eher ein theoretisches Angebot zu sein, das den Erwerbsdruck zwar mindert, aber nicht das Arbeitsende bedeutet.
Wäre ja auch Quatsch. Selbst wenn wir halbwegs optimistisch in die Zukunft blicken, werden wir Babyboomer die Rentenkasse arg strapazieren; die Digitalisierung wird manche Jobs dramatisch verändern; unsere Kinder schwirren irgendwo in der Welt herum; Facharbeiter fehlen schon jetzt. Was eine volkswirtschaftliche Verschwendung, wenn wir auf Wissen und Erfahrung verzichten, nur weil Menschen das Alter X erreicht haben!
„Ruhestand“ klingt für mich wie eine Drohung. In einer idealen Welt stiftet Arbeit vor allem Sinn, Selbstwertgefühl und Zugehörigkeit. Die große gesellschaftliche Aufgabe der Zukunft ist es, jedem Menschen eine solche Tätigkeit zu ermöglichen, vor allem denen, die sich körperlich kaputt gerackert haben.
Es ist Zeit für einen neuen Begriff von Arbeit: Gute Arbeit, das sind sinnvolle Aufgaben, die die Welt ein bisschen besser, bunter, klüger gestalten. Damit Freie und Festangestellte in 20 Jahren gemeinsam vor der Kneipe stehen und sich locker über ihre Jobs austauschen – etwas klappriger, aber deutlich zufriedener.

Dr. Hajo Schumacher, 54, ist Journalist und
Buchautor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. Sein
aktueller Titel „Männerspagat“ beleuchtet
moderne Geschlechterrollen (Eichborn, 2018).
Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.