Den Lügen auf der Spur


Fünfte Stunde am Camerloher Gymnasium in Freising, Oberbayern. Es ist ein milder Wintertag und eigentlic hätte die Klasse 8d jetzt Deutsch bei Silke Hatzinger. Doch statt im Klassenzimmer sitzen die Mädchen und Jungen in der Schulbibliothek und blicken auf eine Leinwand. Sie sehen: wie ein Grizzlybär eine Snowboarderin verfolgt, wie ein Löwe eine Touristin anfällt, wie ein Mann mit einem Hai badet. „Das ist schon der Hammer“, sagt der Moderator. Aber ist das, was man dort sieht, echt? Ist es nicht. Und wie das sein kann, verrät der Moderator auch gleich: Eine australische Produktionsfirma hat die Tiere nachträglich in die Clips montiert. Dass es sich um eine Fälschung handelt, sieht man auf den ersten Blick nicht. Woher sollen es die Schülerinnen und Schüler also wissen? Wie die Achtklässler Falschnachrichten im Internet, sogenannte Fake News, identifizieren können, will ihre Lehrerin in dieser Doppelstunde üben. Dafür verwendet sie Unterrichtsmaterial, das der Bayerische Rundfunk (BR) zusammengestellt hat. Seit fast vier Jahren gibt es bei dem Sender eine eigene Redaktion mit dem Namen „So geht Medien“. Journalisten und Medienpädagogen haben Videos, Spiele und Arbeitsblätter entwickelt, die Lehrende kostenlos verwenden dürfen.

» Jugendliche nehmen Tipps von älteren Schülern besser an als von Lehrkräften. « Silke Hatzinger, Deutschlehrerin

Die Echtheit von Bildern prüfen

Auch die gefälschten Tierclips sind Teil eines Lehrvideos, in dem Moderator Sebastian Schaffstein erklärt, wie man Lügen im Internet erkennen kann. Gerade in der Corona- Krise kursieren so viele Fake News wie noch nie. Das Virus ließe sich mit Chlordioxid bekämpfen beispielsweise oder ein selbstgemachter Mundschutz sei strafbar. Gefälschtes und Wahres voneinander zu unterscheiden, überfordert viele. Etwa ein Drittel der Männer und fast die Hälfte der Frauen gaben in einer Studie der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen an, verunsichert zu sein. Gleichzeitig glaubt eine Mehrheit der Befragten, dass sie schon mal auf Falschmeldungen im Netz gestoßen seien. Bei den unter 25-Jährigen sind es sogar 90 Prozent. Hätte man diese Umfrage in der achten Klasse des Freisinger Camerloher Gymnasiums gemacht, wäre wohl ein ähnliches Ergebnis herausgekommen. „Fake News sind überall“, sagt der 13-jährige Felix. Auf allen Videoplattformen und in sozialen Medien. Er habe beispielsweise schon im Januar gelesen, dass halb Deutschland vom Coronavirus infiziert sei. Falsch – ebenso wie die Nachricht, von der sein Freund Martin erzählt: Ein Komet rase auf die Erde zu und sei kurz davor, alles Leben auszulöschen. Dass es sich dabei um Lügen handelte, hätten sie sich ohnehin gedacht, sagen beide Jungs. Doch was, wenn das Ganze nicht so eindeutig ist? Der Beamer in der Schulbibliothek strahlt immer noch das Video des BR an die Wand. Diesmal sehen die Jugendlichen einen Post. „Asylanten erhalten täglich Essen für über 16 Euro. Hartz-IV-Empfänger nur für 4,72 Euro.“ Stimmt das? Moderator Sebastian Schaffstein ruft bei den Behörden an und findet heraus: Nicht der einzelne Geflüchtete erhält so viel Geld, sondern der Caterer, der die Unterkünfte beliefert. Davon muss er auch Nebenkosten und Löhne bezahlen. Die Behauptung ist also unwahr.
 

Die Medienscouts Annabel Baum (li.)und Carlotta Gebert aus Freising
Die Achtklässlerinnen der 8d des Camerloher Gymnasiums auf der Suche nach Fake News.


Doch wer sind dann die Männer auf dem Foto? Um das herauszufinden, zeigt der Moderator einen Trick: Bei Google gibt es die Funktion „umgekehrte Bildersuche“, wo man einen Screenshot hochladen kann und dann erfährt, welche Seiten das Bild noch verwenden. Das Foto der geflüchteten Männer stammt ursprünglich aus einer Lokalzeitung. Diese berichtete, dass die Geflüchteten ihre deutschen Nachbarn zu einem traditionellen afrikanischen Essen eingeladen hatten. „Was haltet ihr davon?“, will Lehrerin Silke Hatzinger von den Jugendlichen wissen. „Da hat wieder jemand versucht, Vorurteile zu verbreiten“, sagt ein Mädchen. Ein anderes meint: „Da wurden ja komplett die Tatsachen verdreht. Es ist doch total schön, wenn die für ihre Nachbarn kochen.“ Der Journalist Andre Wolf hat mit solchen Falschmeldungen jeden Tag zu tun.Er arbeitet für die österreichische Organisation „ Mimikama“, die Lügen im Internet aufdeckt. An manchen Tagen meldeten sich bei dem Verein bis zu 150 Menschen, weil sie eine Nachricht gehört hatten, von der sie nicht sicher waren, ob sie stimmte. Ein Team von 30 Journalisten arbeitet dann größtenteils ehrenamtlich daran, die angeblichen Fakten zu prüfen und klarzustellen. Wolf erlebe häufig, dass immer wieder ähnliche Geschichten verbreitet würden. Manche schwirrten schon umher, lange bevor das Internet existierte: Der Lieferwagen mit dem Osteuropäer Kinder entführen. Die Nadel im Kinosessel, die Menschen mit HIV infizieren soll. Das Gewinnspiel, das eine Traumreise verspricht. Der Unterschied: Früher kursierten solche Geschichten im Gasthaus. „Man konnte einschätzen, ob es jemand war, der oft Unsinn erzählt, oder jemand, dem man vertrauen kann“, sagt Wolf. Im Internet jedoch sei der Absender meist nicht bekannt. Das verleite dazu, Meldungen schnell und ungeprüft zu übernehmen. Besonders gefährlich sei es, wenn Falschnachrichten bewusst verbreitet würden, um ein politisches System zu destabilisieren oder um Regierungen anzugreifen. Geschehen ist das zum Beispiel während des US-Wahlkampfs 2016. Damals verbreiteten sich einer Analyse des Medienunternehmens Buzzfeed zufolge Fake News besser als seriöse Nachrichten.
 

» Früher konnte man leichter einschätzen, ob es jemand war, der oft Unsinn erzählt, oder jemand, dem man vertrauen kann. «

Andre Wolf, Faktenchecker „Mimikama“
 

Medienkompetenz für Erwachsene

„Ich hatte eine Zeit lang auch total damit zu kämpfen, in sozialen Medien ständig Fotos von scheinbar perfekten Menschen zu sehen“, erzählt Zehntklässlerin Carlotta. Heutewürden ihr die Jüngeren ähnliche Geschichten erzählen. Der Druck aus den sozialen Netzwerken ist aus ihrer Sicht für Jugendliche noch schlimmer als Fake News – auch wenn hinter beiden das gleiche Problem stecke: „Es ist nicht alles echt. “Falschmeldungen betreffen ältere Menschen noch mehr als jüngere – das sieht auch Andre Wolf von der Faktenchecker- Seite „Mimikama“ so. Denn besonders gut würden sich Falschnachrichten und Halbwahrheiten auf sozialen Medien verbreiten, die hauptsächlich von Menschen über 40 Jahre genutzt würden. Doch wie erreicht man Erwachsene für Medienbildung? Aus Wolfs Sicht eine Herausforderung. Er hält deshalb auch Workshops und Vorträge bei Firmen. Der BR produziert Videos, in denen prominente Moderatoren Medienbegriffe erklären. Und der ehemalige „Spiegel“-Reporter Cordt Schnibben gründete eine Journalistenschule für alle im Netz: Bei der „Reporterfabrik“ erklären prominente Medienleute – von Quizmaster Günther Jauch bis zum „Zeit“- Chefredakteur Giovanni di Lorenzo – in Lehrvideos ihr Handwerk. Schnibben engagiert sich deshalb, weil immer weniger Menschen wüssten, wie Medien eigentlich arbeiteten und was seriöse Quellen seien. Gleich­zeitig habe er festgestellt, dass sich Leser von klassischen Informationsquellen abwende­ten, während soziale Medien an Reichweite gewännen. Gedacht ist das Angebot deshalb für interessierte Bürger, für Journalisten, die sich weiterbilden möchten, sowie für Lehr­kräfte und Schüler.
 

51% der Bevölkerung in Deutschland haben schon einmal eine Nachricht, die sie für unwahr hielten, überprüft. Das ergab eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen.

 

 

Welchen Quellen kann man vertrauen? Die Jugendlichen der 8d am Camerloher Gymnasium testen ihr neues Wissen auf den Tablets der Schule.
Das Projekt  „So geht Medien“: Der Bayerische Rundfunk hat das Projekt ins Leben gerufen und speziell für Medientrainings in Schulen Videos, Spiele und andere Arbeitsmaterialien entwickelt.Die Jugendlichen erfahren in den Unterrichtseinheiten, wie Journalisten herausfinden, was wahr ist, und wie ein Fernsehbeitrag genau entsteht.

Großer Lernerfolg der Trainings

12.000 Menschen sind auf dem Portal ein­geschrieben. Momentan steckt Schnibben, der als Reporter mehrere Preise gewann, seine gesamte Energie und Arbeitszeit in das Projekt – ehrenamtlich. Ob solche Medientrainings tatsächlich et­was bewirken, ließ die „So geht Medien“Redaktion des BR für eine seiner Unterrichts­einheiten analysieren. Darin ging es zwar nicht um Fake News, sondern um Extremis­mus im Netz. Der Lernerfolg sei eindeutig gewesen, sagt Johanna Rückert, die Projekt­leiterin von „So geht Medien“: „Vor dem Un­terricht erkannte nur einer von zehn Jugend­lichen die Absicht hinter extremistischen Postings. Danach waren es acht.“ Auch Martin aus der 8d des Freisinger Camerloher Gymnasiums findet, der Medien­unterricht habe ihm auf jeden Fall etwas gebracht. Beispielsweise habe er nicht ge­wusst, dass man im Internet Bilder rück­wärts suchen und so feststellen kann, woher sie stammen und wer sie verbreitete, sagt er. „Solche Trainings für Schüler sollte es schon viel früher geben.“ Denn sein Smartphone besitze er schließlich schon seit drei Jahren, seit der fünften Klasse. So wie alle seine Freunde auch.

 

Irrtümliches und Falsches zur Rente

Emotionen schüren: Altersversorgung ist ein komplexes Thema. Unwahre Informationen zu streuen, ist deshalb nicht schwer. Durch die sozialen Medien ver­breiten sich viele Fake News zur Rente, aber die Deutsche Renten­versicherung ist auch häufig mit Irrtümern konfrontiert. Drei Beispiele:

1. Eine Reha führt zur Kürzung der späteren Rente. Beraterinnen und Berater hören immer wieder, dass Versicherte im Netz gelesen hätten, eine Reha führe zu einer geringeren Rente. Richtig ist: Eine Reha-Maßnahme mindert die spätere Rente nicht. Die Pflichtbeiträge werden beim Übergangsgeld aus 80 Prozent des letzten Bruttoarbeitsentgelts von der Rentenversicherung gezahlt und erhöhen damit den Renten-anspruch. Da eine erfolgreiche Reha meist eine längere Erwerbstätigkeit ermöglicht, trägt sie zu einer höheren Rente bei.

2. Die Renten werden voll ver­steuert. Verbreitet ist auch die Behauptung, Änderun-gen im Rentenrecht hätten dazu geführt, dass alle Renten komplett versteuert werden müssten – zum Nachteil der Rentner. Richtig ist: Seit 2005 erfolgt für Rentenzahlungen der Wechsel zur „nachgelagerten“ Besteuerung. Das heißt: Es wird bei Auszahlung der Rente statt bei der Einzahlung des Versicherungsbeitrags versteuert. Doch diese Veränderung wird in der Übergangsphase schrittweise eingeführt: Wer 2005 oder früher in Rente gegangen ist, muss 50 Prozent seiner Bezüge versteuern. Wer 2019 in den Ruhestand ging, liegt bei 78 Prozent. Hinzu kommt der Teil der Rente, der auf den regelmäßigen Rentenanpassungen beruht. So wird es langsam mehr und mehr. Gleichzeitig werden die Rentenversicherungsbeiträge der Arbeitnehmer zunehmend steuerfrei gestellt.

3. Wer zu wenig Rente hat, fliegt aus dem Altersheim. Der Rentner Emil Voetzsch fliege aus dem Altenheim, weil seine Ersparnisse aufgebraucht und seine Rente zu niedrig seien. Seine Geschichte geistert seit 2014 durch die sozialen Medien. Richtig ist: Eine Räumungsklage gab es zwar, aber sie sollte eine Kostenübernahme durch das Sozialamt erzwingen. Das gelang auch. Die Solidargemeinschaft sprang ein. Er wurde nie rausgeworfen und blieb bis zu seinem Tod in demselben Altersheim.


Weitere Beispiele finden Sie unter: t1p.de/Haeufige­-Rentenirrtuemer