Sabine Feuerhahn kommt bei der Arbeit wieder gut zurecht.
Sabine Feuerhahn kommt bei der Arbeit wieder gut zurecht.



Zurück im Leben


Sie lacht, sagt ein paar nette Worte und legt den Telefonhörer auf. Ein ganz normaler Anruf, der für Sabine Feuerhahn nicht immer selbstverständlich war. Die 53-Jährige aus Nordstemmen ist schwerhörig, „an der Grenze zur Taubheit“, wie sie sagt. Seit sie Cochlea-Implantate trägt, kämpft sich die quirlige Frau zurück ins Leben.

Die Schwerhörigkeit beginnt schleichend, vor etwa 30 Jahren. Irgendwann schreibt sie nur noch Nachrichten an die Kollegen, am Telefon versteht sie sie kaum noch – „ein Teufelskreis“, sagt sie, wenn sie sich an diese Zeit zurückerinnert. Sabine Feuerhahn baut sich immer mehr Brücken, um im Alltag zurechtzukommen. Als sie schließlich Hörgeräte bekommt, können auch die ihre fortschreitende Schwerhörigkeit nicht mehr ausgleichen. „Ich hatte einen Telefonjob und musste Unterlagen anfordern. Das ging dann aber nicht mehr.“
 

Ein anderer Arbeitsplatz

Für Sabine Feuerhahn beginnt eine sehr schwierige Zeit: „Ich mochte gar nicht mehr telefonieren und bin bin lieber direkt zu den Kollegen gegangen. Alles war sehr mühselig“, erinnert sie sich. Ihre Kolleginnen und Kollegen hätten sich viel Mühe gegeben und sich auf ihre Bedürfnisse eingestellt. Auch ihr Arbeitgeber, die Deutsche Rentenversicherung Braunschweig-­Hannover, bietet Sabine Feuerhahn Hilfe an. Schließlich geht sie an einen anderen Arbeitsplatz. Von der medizinischen Sachaufklärung wechselt sie ins Sekretariat, wo sie nicht mehr telefonieren muss. Im dienstlichen Telefonbuch erscheint ein Vermerk, dass die Kollegin per Mail erreichbar ist.
 

8% Bei der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover arbeiten derzeit rund 2.100 Beschäftigte, mehr als acht Prozent davon mit gesundheitlichem Handicap.

Mehr Infos: www.drv-bsh.de
 

Vor drei Jahren wird Sabine Feuerhahn in der Medizinischen Hochschule Hannover ein erstes Cochlea-­Implantat eingesetzt, ein Jahr später das zweite. „Ich hätte mich früher dafür entscheiden sollen“, sagt sie heute. Aber es habe immer irgendeinen Grund gegeben, die Operationen aufzuschieben. Angst habe sicher auch eine Rolle gespielt. Schließlich hätten Familie und Freunde ihr aber Mut gemacht.
 

Es geht wieder aufwärts

Nach den Operationen geht es langsam wieder aufwärts. „Ich habe mich Schritt für Schritt ins Leben zurückgekämpft“, sagt sie heute stolz. Auch wenn manchmal noch nicht alles optimal läuft. Bei Besprechungen in Konferenzräumen etwa müsse sie die Kollegen schon mal zügeln. „Wenn zu schnell gesprochen wird, dann könnte ich manchmal einen Dolmetscher gebrauchen“, erzählt sie lachend. Auch wenn der Blickkontakt fehle, sei es nicht immer leicht zu verstehen, was gesagt wird. Und Nebengeräusche machten das Hören auch nicht gerade leichter.

Ihr Büro teilt sich Sabine Feuerhahn mit drei Kolleginnen, eine von ihnen arbeitet im Teleworking. Die Tische stehen im Viererblock in der Mitte des Raums, mit Trennwänden auf der Längsseite. Diese Abgrenzung zum gegenüberliegenden Schreibtisch soll Geräusche im Raum verringern. Wenn sie sich unterhalten möchte, dann steht sie oft auf, weil ihr sonst das Mundbild fehlt.

„Nur zum Telefonieren oder wenn ich mal was in Ruhe erledigen möchte, bräuchte ich manchmal ein eigenes Büro“, sagt sie nachdenklich. Aber dieses Büro sei trotzdem optimal für sie. Denn von ihrem Schreitisch aus hat sie die Tür im Blick, sodass sie sehen kann, wenn jemand hereinkommt.

Zwei Bildschirme, Tischlampe, Tastatur – und rechts daneben ein Telefon: Nichts deutet heute darauf hin, dass Sabine Feuerhahn schwerhörig ist. An ihrem Bildschirm bearbeitet sie die digitalen Akten und bereitet sie für die Prüfärzte vor. Selbstbewusst unterhält sie sich mit den Kollegen, reagiert auf dem Flur schlagfertig auf einen Scherz. Die beiden Sendespulen ihres Implantats, so groß wie Zwei-Euro-Münzen, sind gut versteckt. Die Magnete auf der Kopfhaut über den Ohren verschwinden vollständig unter ihren brünetten Locken.

Bei ihrem Arbeitgeber engagiert sich Sabine Feuerhahn in der Schwerbehindertenvertretung. Am Gesundheitstag steht sie im Foyer des Verwaltungsgebäudes hinter dem Tisch und beantwortet interessierten Kolleginnen und Kollegen geduldig Fragen. Sie befasse sich viel mit der Inklusion und sieht dieses Thema auch als einen Schwerpunkt ihrer Arbeit in einer Selbsthilfegruppe, wo sie sich besonders für Menschen mit Höreinschränkungen einsetzt. Als die Rentenberatung in Corona-­Zeiten vorübergehend nur telefonisch möglich war, half sie einem Mitglied dieser Gruppe: Der Herr wollte einen Rentenantrag stellen, konnte aber wegen seiner Schwerhörigkeit nicht telefonieren. Da war sie für ihn zur Stelle und kümmerte sich um seinen Antrag.

„Im Alltag muss ich mich jetzt manchmal bremsen“, sagt Sabine Feuerhahn. Vieles erledigt sie inzwischen wieder telefonisch. Aber mit den Cochlea-Implantaten wird sie ihr Leben lang lernen müssen. Auch deshalb möchte sie 2021 wieder zur Reha fahren: „Ich muss einige Dinge noch vertiefen“, befindet Sabine Feuerhahn. Ihre Gesundheit, sagt sie abschließend, sei ihr wichtig. 

Mehr Informationen über den niedersächsischen Rentenversicherer gibt es unter: www.drv-bsh.de

 

DER EXPERTE

Steffen Machens, Inklusionsbeauftragter der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover

Wertgeschätztes Potenzial

Herr Machens, welche Aufgaben hat ein Inklusionsbeauftragter?
Mir ist der persönliche Kontakt zu den schwerbehinderten Beschäftigten wichtig. Ich achte darauf, dass alle Gesetze und Rahmenbedingungen eingehalten und Beschäftigte für das Thema sensibilisiert werden. Daneben bringe ich viele Projekte auf den Weg.

Was hat Ihr Haus bereits umgesetzt?
Wer ein gesundheitliches Handicap hat, das sind mehr als acht Prozent unserer Beschäftigten, erhält einen auf seine speziellen Fähigkeiten und Kompetenzen zugeschnittenen Arbeitsplatz. Es gibt behindertengerechte Toiletten, Hinweise in Blindenschrift an Treppengeländern, automatisch öffnende Türen, tastbare „Leitlinien“ und abgesenkte Bordsteine – um nur einige Beispiele zu nennen.

Warum ist Inklusion wichtig?
In der Arbeitswelt gebraucht zu werden und sich mit den eigenen Fähigkeiten einzusetzen – das bringt Selbstbestätigung und finanzielle Unabhängigkeit. Inklusion wertschätzt das Potenzial von Menschen mit Behinderungen, schafft soziale Zugehörigkeit und bedeutet, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Als Rentenversicherer wissen wir, was das für die Versicherten bedeutet.