Zeichnung, großes Virus schaut kleines mit bösem Blick an



Brave, neue Welt


Neulich bekam ich meinen ersten Homeoffice-Orden für zwanzig Jahre Heimarbeit: Er glänzte golden und hatte die Form einer Jogginghose. Ein Bote hatte ihn vor die Tür gelegt. Vielleicht war es auch eine dieser Lieferdrohnen.

Wer hätte das gedacht, vor zwanzig Jahren, als Covid-19 damit begann, unser Leben zu ändern. Heute grassiert Covid-39, die neueste Genmutation des Virus. Früher war mein Heim vor allem zum Schlafen da, heute weiß ich: „My home is my castle“. Was unsere Trutzburg inzwischen alles leistet, ist erstaunlich: Restaurant, Fitnessstudio, Klassenraum und Kino unter einem Dach. Amerikanische Internet-­Konzerne beliefern uns mit Essen, Kleidung, Musik, Filmen und schulischer Bildung. Läuft ja auch viel besser so. Und seit Elemente aus TikTok und Youtube in den Unterricht einfließen, lernt mein Enkelkind sogar fast freiwillig. Manchmal.
 

Die Sucht nach Büroluft

Wir hofften damals, nach ein paar Monaten Corona wieder zum normalen Leben zurückkehren zu dürfen, also zu einem Leben, das wir damals für normal hielten. Inzwischen wissen wir: Es war die große Ausnahme, draußen zu joggen, auf dem Balkon Gemüse anzubauen und ins Büro zu radeln.

Büro… ein magisches Wort aus fernen Zeiten, das bis heute für Erregung sorgt. Immer wieder fasst die Polizei Einbrecher, meist ältere Herren, die ein letztes Mal an den Ort früherer Bedeutsamkeit zurückkehren. Oft liegen sie ausgestreckt auf dem Teppich, rollen apathisch mit dem Drehstuhl vor und zurück oder rufen den Namen jener Frau, von der sie früher einmal betreut worden sind. Die Welt da draußen vermisse ich selten, sie ist mir ein wenig fremd geworden. Viel zu schmutzig auch. Selbst mit Maske ist das doch eher etwas für Chuck-Norris-­Typen. Mir fehlt das gar nicht und ich kann trotzdem gut schlafen, denn ich trinke keinen Kaffee mehr. Eigentlich nichts, was offen herumsteht. Viel zu gefährlich.

Zu meinem 70. Geburtstag wünsche ich mir Natur, also das, was die Forschung uns als deren Simulation anbietet. Zu runden Geburtstagen spendiert Kanzler Kühnert eine volle Stunde statt der üblichen halben. Ich darf auswählen, ob ich über die VR-Brille den Amazonas, das Sauerland oder unseren Kleingarten vorgespielt bekomme, dazu wahlweise Vogelgeräusche, einen Streit unter Nachbarn oder das Rauschen der fernen Autobahn. Ich werde mich mit den alten Bürokollegen über Zoom verabreden. Wir werden uns, wie jedes Jahr, gegenseitig Fotos von unseren alten Schreibtischen zeigen. Dann spielen wir eine Konferenz nach, mit Originaltexten von früher. Wir enden mit einem gemeinsamen Nickerchen. Nichts war erholsamer als der gute, alte Büroschlaf.
 

Hajo Schumacher, 56, ist Journalist und
Buchautor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. In seinem neuen Buch „Kein Netz“ sucht er das gute Leben in digitalen Zeiten (Eichborn, 2020). Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.