Für die früheren Bürger der DDR war der Informationsbedarf groß.
Für die früheren Bürger der DDR war der Informationsbedarf groß.



Mit Geldkoffern über die Dörfer gezogen


„Wir wurden ins kalte Wasser geworfen“, erinnert sich Mandy Slesaczek. Sie kannte als junge Mitarbeiterin der Sozialversicherung im heutigen Chemnitz nur das ostdeutsche Rentensystem – wie alle ihre Kolleginnen und Kollegen. Nach der Wende aber sollte es schnellstmöglich in die westdeutsche Struktur integriert werden. Für diese Mammutaufgabe in den turbulenten Aufbaujahren kam es vor allem auf Improvisation und Flexibilität an. Vor genau 30 Jahren wurde der erste Staatsvertrag zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland für die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion unterzeichnet – ein Meilenstein auf dem Weg zur deutschen Einheit. Doch die Wiedervereinigung war für die Rentenversicherungsträger eine enorme Herausforderung. Zwei grundlegend unterschiedliche Systeme mussten schrittweise zusammengeführt werden.

» Eine  halbe Million D-Mark ist einfach auf den Posttisch geschüttet, gezählt und in Tütchen gepackt worden. « 
Walburga Killat, Deutsche  Rentenversicherung Mitteldeutschland

Büro in der Waffenkammer

Konkret galt es, rund vier Millionen Renten der ehemaligen DDR auf das westdeutsche System umzustellen. Die neu zuständigen Rentenversicherungsträger in Ostdeutschland benötigten aus technischen und organisatorischen Gründen Hilfe, um den Zuwachs an Aufgaben vom ersten Tag an zu bewältigen. Diese Erfahrung machte auch Thomas Weißmann. Wie andere Kollegen auch wurde er 1991 von der Landesversicherungsanstalt (LVA) Hannover nach Halle/Saale entsandt, um den Aufbau der LVA Sachsen- Anhalt zu unterstützen. Sein neuer Arbeitsplatz befand sich in einer leeren Waffenkammer einer alten Kaserne der Nationalen Volksarmee. Dort gab es anfänglich weder Telefon noch elektrische Schreibmaschinen. „Was die technische Ausstattung betrifft, musste man improvisieren“, sagt er. Trotz der anfänglich teilweise fehlenden Büroinfrastruktur konnten die Renten stets fristgerecht ausgezahlt werden, erzählt der 61 Jährige, der heute bei der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig- Hannover tätig ist. Aus familiären Gründen kehrte er 1994 nach Hannover zurück. „Ich wäre gerne länger in Halle geblieben. “Die Auszahlung der Renten stellte die neu gegründeten Landesversicherungsanstalten in Ostdeutschland vor eine logistische Herausforderung. Daran kann sich Walburga Killat noch so gut erinnern, als sei es gestern gewesen. Die 58-Jährige war stellvertretende Leiterin der damaligen Filiale Erfurt in der späteren Landesversicherungsanstalt Thüringen.
 

Viele Rentner hatten keine Konten

Ende Dezember 1990 waren rund eine halbe Million D-Mark unter Polizeischutz aus der damaligen Staatsbank abgeholt und in den Postraum der LVA gebracht worden. „Das Geld ist bei uns einfach auf den Tisch geschüttet, gezählt und zur Auszahlung in Tütchen gepackt worden“, erzählt sie. Denn viele Rentner, insbesondere in ländlichen Gegenden, verfügten über keine Bankkonten. Organisatorisch hatten die Rentenabteilungen der DDR vor der Sozialunion nichts mit der eigentlichen Auszahlung zu tun. Ab 1991 aber waren die neuen Landesversicherungsanstalten zuständig. Also seien sie und ihre Kollegen mit Geldkoffern in der Hand unter Polizeischutz in die Dörfer und Ortschaften gefahren, um die Zahlstellen ausfindig zu machen und die Rententütchen dort abzuliefern. Nicht nur die Rente, sondern auch die Rehabilitation unterlag tiefgreifenden Veränderungen. Hans-Erwin Glanz war von 1990 bis 2019 kaufmännischer Direktor des Reha- Zentrums Ostseeblick in Ückeritz auf Usedom und gestaltete den Transformationsprozess maßgeblich mit. „Es herrschte eine große Aufbruchstimmung“, erinnert sich der 68-Jährige. Die im Januar 1991 neu eröffnete Rehaklinik war die erste der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte in den neuen Bundesländern. Zuvor war das ehemalige NVA-Erholungsheim innerhalb von nur zwei Monaten provisorisch umgebaut worden. Fast alle der rund 130 Beschäftigten konnten übernommen werden. Dieser Erfolg macht den gebürtigen Magdeburger noch heute stolz. Mit der Zeit ist so zusammengewachsen, was zusammengehört. Aus der engen Zusammenarbeit der Rentenfachleute sind in vielen Fällen kollegiale Freundschaften entstanden. Wegen der unterschiedlichen Einkommensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland musste die Angleichung der Renten schrittweise erfolgen. Doch in vier Jahren wird sie abgeschlossen sein und überall dasselbe Rentenrecht gelten. 34 Jahre nach der Wiedervereinigung wird damit auch die soziale Einheit vollendet sein.