Illustration zweier Radfahrer



Nicht mehr nur ich


Seit 20 Jahren bin ich olympischer Athlet. Als Sprinter auf der Radrennbahn habe ich Medaillen gewonnen und bin Weltmeister geworden. Meine Oberschenkel sind so dick wie 50-jährige Eichen, und ich fahre bis heute Spitzenzeiten. Handicaps habe ich keine. Trotzdem will ich dieses Jahr bei den Paralympics antreten. Warum? Weil ich nicht mehr alleine antreten möchte, sondern gemeinsam mit einem sehbehinderten Sportsfreund. Und weil die Paralympics für mich denselben Stellenwert haben wie die Olympischen Spiele.

Ich weiß, das sieht nicht jeder so. Noch nicht. Auch für mich war es ein Prozess. Noch bis Ende 2018 hatte ich nur ein Ziel vor Augen: die Olympischen Spiele in Tokio, die 2020 stattfinden sollten. Das Leistungsniveau hatte ich. Dass ich mich dann entschloss zu verzichten, hatte andere Gründe. Ich hätte in ein Loch fallen können, schließlich hatte es sich zuvor immer nur um eines gedreht: um mich. Dann verschwand Tokio aus meinem Kopf. Es geschah etwas Überraschendes.

Kopf. Es geschah etwas Überraschendes. Kai Kruse rief mich an. Er ist fast blind und hatte 2016 in Rio im 1.000-Meter-Zeitfahren Bronze geholt. Nun war er auf der Suche nach einem neuen Partner. Die Tandems im Paracycling sind immer mit einem Sportler mit Sehbehinderung und einem Sehenden besetzt. Der Idee war völlig neu für mich. Doch schon bald ertappte ich mich bei dem Gedanken, wie es wäre, nicht mehr nur noch für mich allein zu kämpfen.
 

Robert Förstemann, 35, ist Bahnradsportler. Er
holte 2012 olympisches Gold in London und stellte 2013 einen Weltrekord im Teamsprint auf.

Schnell bemerkte ich, dass ParalympicsSportler genauso ein Trainingspensum haben wie Olympioniken. Ich lernte große Persönlichkeiten kennen mit unglaublichen Lebensgeschichten. Die eine hatte nur einen Arm, die andere eine Spastik, aber alle bekamen es hin. Auch mir stellten sich plötzlich neue Fragen: Wie helfe ich Kai, zum Training zu kommen? Und woher bekommen wir überhaupt ein wettkampffähiges Rad? Früher wurde mir immer das bestmögliche Gerät hingestellt, das war nun vorbei.

Paralympische Sportarten sollten stärker gefördert werden. In Großbritannien ist es längst so, dass Sportler mit und ohne Handicap gleichwertig zusammen trainieren. Wir sollten Leistungssportlern mit Behinderung mehr Bühne bieten, damit sie sich Sponsoren sichern können. Wie wäre es, gar nicht mehr in getrennten olympischen und paralympischen Teams zu denken, sondern gemeinsam als ein Team Deutschland aufzutreten – selbst wenn man dann in getrennten Wettbewerben antritt? So wie es das Berliner Sechstagerennen oder das Leichtathletikevent ISTAF vormacht, sollten wir viel öfter Sportler mit Behinderungen dort starten lassen, wo andere Top-Athleten starten. Das wäre für mich gelebte Inklusion.