Friede den Hütten

Wir werden uns besser kennenlernen“, hatte die Chefin fröhlich gesagt. Sie ist bei uns in der Familie für das Positive zuständig. „Genau das ist das Problem“, dachte ich leise. In Gegenwart meiner Frau denke ich immer leise, weil ich fürchte, dass sie sonst mithört. Unser Sohn starrte derweil auf das Display seines Smartphones, eine der wenigen Fähigkeiten, die die Kinder im Jahr 2020 ausdauernd trainiert haben. Es waren jene märchenhaften Tage vor der Quarantäne, die inzwischen als das Ende der guten alten Zeit gelten.

Ich habe bei meinem Youtube-Meditationskurs seither ein Mantra gelernt: „durchlässig bleiben, durchlässig bleiben“, immer wieder: „durchlässig bleiben“. Die Kunst der Meditation besteht ja darin, die Gedanken ziehen zu lassen und keinen festzuhalten, was ungefähr so leicht ist wie gute Freunde zu treffen, ohne sie zu umarmen. Ach Kinder, wisst ihr noch, wie wir uns früher geherzt haben? Schön war’s.

Solche Gedanken, überhaupt alle Gedanken, die mit „Früher…“ beginnen, niemals umklammern. „Durchlässig bleiben“ bedeutet: keine Emotionen festhalten, schon gar keine düsteren. Wenn ich in der Q-Zeit den Spross morgens um drei erwischte, wie er am Smartphone hing, dann ließ ich das durch. Die Kinder, mit denen er chattete, waren ja offenbar ebenfalls schlaflos und deren Eltern gleichfalls resigniert. Ich ließ es geschehen, wie das Wetter.
 

Bloß keine Familienromantik!

Die erste Zeit in Quarantäne hatten wir noch den Fehler gemacht, alle alles gemeinsam erledigen zu wollen – ein klarer Fall von ambitionierter, aber realitätsfremder Familienromantik. Schon bald stellte sich heraus, dass wir in jener guten alten Zeit nur deswegen halbwegs auskömmlich zusammenlebten, weil wir uns wenig begegneten. Schule, Arbeit, Seminare, Dienstreisen, Partys sorgten dafür, dass das Gemeinsame angenehm reduziert war.

Daher war es eine gute Idee, den Tag in drei Schichten zu teilen. Die Chefin steht gern früh auf, macht Yoga, Pilates, Zoom, während ich den Rest meiner Nachtschicht absolviere. Wir frühstücken zusammen. Wenn das Kind frühnachmittags aufsteht, lege ich mich hin. Ich stehe ja schon gegen Mitternacht wieder auf, um zu arbeiten und dem Kind das Smartphone zu entreißen. So haben wir eine konfliktfreudige Dreiergruppe in drei friedfertige Duos verwandelt.

Wir wohnen zusammen, aber nicht gleichzeitig. Und das soll so bleiben. Friede den Hütten! Deswegen haben wir auf dem Elternabend nach den Sommerferien eine Demo angeregt  – Forderung: Verlegt die Schulzeiten in den Nachmittag, dann ist morgens weniger Verkehr und die Kinder sind ausgeschlafen. Der Zuspruch unter Eltern und Schülern war gewaltig. Bis zum nächsten Schuljahr haben wir dann sicher auch die Direktorin weichgeklopft.
 

Dr. Hajo Schumacher, 56, ist Journalist und
Buchautor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. Sein
aktueller Titel „Männerspagat“ beleuchtet
moderne Geschlechterrollen (Eichborn, 2018).
Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.