Müde bin ich ohne Ruh

 

Zum ersten Mal landet Alexander Sonnenberg in der Notaufnahme, als er gerade einmal 16 Jahre alt ist. Vom Schnarchen ist sein Gaumenzäpfchen so angeschwollen, dass er kaum noch Luft bekommt. Er merkt, wie Panik in ihm aufsteigt. Sein gesamter Mund- und Rachenraum fühlt sich wund an. Trotzdem schicken die Ärzte ihn wieder heim: „Essen Sie Eis und warten Sie ab.“ Noch ahnt er nicht, dass Jahrzehnte vergehen werden, bevor er morgens aufwacht und sich ausgeruht fühlt.

Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Beschwerden von Patienten, werden jedoch medizinisch in vielen Fällen immer noch unterschätzt. „Dabei wissen wir heute sehr genau, dass Schlafstörungen zu körperlichen oder psychischen Störungen führen können“, warnen Professor Volker Köllner und Dr. Eike Langheim. Die beiden Ärzte leiten das Reha-Zentrum Seehof, eine Einrichtung der Deutschen Rentenversicherung in Teltow bei Berlin.

Auch Alexander Sonnenberg leidet weiter. Schon als jungem Erwachsenen raten Fachärzte ihm, die gekrümmte Nasenscheidewand richten zu lassen. Doch eine Operation ist keine Garantie für eine Besserung. Sein Hausarzt rät dringend davon ab. Das Schnarchen geht also unvermindert weiter. In der Nacht trocknet sein Mundraum derart aus, dass die Zunge am Gaumen klebt und an Durchschlafen nicht zu denken ist. „Ich bin gerädert aufgewacht, solange ich mich erinnern kann“, sagt er. „Ich habe mich bei jeder Gelegenheit hingelegt.“ Müde zu sein, ist für Sonnenberg der Normalzustand.

Im Arbeitsalltag ist der fehlende Erholungsschlaf eine große Belastung. Er organisiert den Fuhrpark eines Behindertenfahrdienstes und übernimmt auch selbst Touren. Sonnenberg mag seinen Job, er arbeitet gern mit Menschen und ist beliebt bei den Klienten. Doch das Aufstehen fällt ihm schwer, und um munter zu bleiben, entwickelt er Strategien: möglichst häufig mit seinen Fahrgästen sprechen, Radio hören, viel Wasser oder Cola trinken. Sein gesundheitliches Problem ist Sonnenberg zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Männer schnarchen halt. Und schließlich lässt sein Vater nachts ebenfalls die Wände beben. Auch die Ärzte machen ihm die Gefahren nicht klar. Dabei sind 36  Prozent aller Männer in Deutschland schon mal am Steuer eingeschlafen. Das hat die Deutsche Stiftung Schlaf herausgefunden, deren Kampagne „Deutschland schläft gesund“ von der Rentenversicherung unterstützt wird.
 

Risikofaktor Schlafmangel

Die Liste der möglichen Folgen von Schlafmangel ist lang: So ist bei einem Viertel aller Bluthochdruck-Patienten eine Schlafstörung für die Erkrankung verantwortlich. Auch Vorhofflimmern, Herzrhythmusstörungen bis hin zu Infarkten oder Schlaganfällen können von Schlafmangel ausgelöst werden. „Schlafstörungen sind ein wichtiger Risikofaktor“, betont der Kardiologe Dr. Eike Langheim. Deshalb werde die Rehamedizin dieses Thema nun stärker als bisher berücksichtigen. Eine von der Stiftung Schlaf beauftragte Forsa-Umfrage ergab, dass nicht nur die Schnarcher selbst leiden; zwei Drittel derer, mit denen sie das Bett teilen, fühlen sich vom Schnarchen des Partners gestört und schlafen dadurch selbst schlecht.
 

»Ich bin gerädert aufgewacht, solange ich mich erinnern kann. Müde zu sein war normal.«

Alexander Sonnenberg, 45 Jahre, Meppen
 

So ist es auch bei Alexander Sonnenberg. Als er vor zehn Jahren mit seiner heutigen Frau zusammenzieht, liegt sie nächtelang schlaflos neben ihm. Dabei fällt ihr auf, dass er sein Schnarchen häufig unterbricht, dann kurz gar nicht mehr zu hören ist, bevor er schließlich weiteratmet. „Das hat mir Angst gemacht“, sagt sie und drängt ihren Mann, erneut zum Arzt zu gehen. Ein Lungenfacharzt stellt „erhebliche Atemaussetzer“ fest, doch das Schlaflabor in Lingen im Emsland kann den Befund zunächst nicht bestätigen. Die Schnarcherei geht weiter, Sonnenbergs Frau zieht nachts ins Gästezimmer um.

„Das hat mich sehr gestört“, sagt er. Seine Motivation, dieses Mal dem Problem auf den Grund zu gehen und seine Frau nicht länger in die Flucht zu treiben, ist entsprechend hoch. Immer häufiger träumt Sonnenberg außerdem davon zu ersticken. „Bis ich irgendwann gemerkt habe, ich träume das gar nicht, sondern ich kann tatsächlich nicht mehr atmen.“ Sein Hausarzt schickt ihn erneut ins Schlaflabor, dieses Mal in die Rehaklinik Hagen-Ambrock. Schon in der ersten Nacht werden Atemaussetzer festgestellt. Für die zweite Nacht bekommt er eine Schlafmaske, die ihm mit Überdruck Luft zuführt. Die Folge: keine Aussetzer mehr. Nach 26 Jahren – rund 9.490 harten Nächten – hält Alexander Sonnenberg endlich eine Diagnose in der Hand: Schlafapnoe.
 

Die Atemaussetzer bei dieser Erkrankung lösen Alarm im Körper aus, setzen Adrenalin frei. Der Körper ist gestresst und wacht auf, immer wieder. Es ist ein Schlaf ohne Ruhe. Sechs bis acht Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen, doch nur eine Million begibt sich in ärztliche Behandlung. Schlafapnoe oder andere organische Ursachen machen etwa die Hälfte der Schlafstörungen aus. Dazu gehört auch das RestlessLegs-Syndrom, eine neurologische Krankheit, die unruhige, kribbelnde Beine verursacht und den Betroffenen große Probleme beim Ein- und Durchschlafen bereitet.

Der anderen Hälfte der Schlafstörungen liegen psychische oder psychosomatische Ursachen zugrunde: eine Depression beispielsweise, zu wenig Bewegung oder Licht, Stress und Hektik oder auch die Angst davor, nicht schlafen zu können. Oft ist schwer zu sagen, ob die Schlafstörung die Folge einer Depression ist oder die Depression von der Schlafstörung ausgelöst wurde. Hinzu kommt die Schichtarbeit, die bei vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Schlafprobleme verursacht.
 

Schlaf hat ein schlechtes Image

In allen Fällen führen Schlafstörungen dazu, dass die Betroffenen häufiger Fehler machen und wegen der Folgeerkrankungen zuweilen sogar ihre Erwerbsfähigkeit einbüßen. „Schlaf hat in unserer Gesellschaft immer noch ein schlechtes Image“, so Professor Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité in Berlin. In der Zeitschrift „Ärztliche Psychotherapie“ bemängelt er: „Wer wenig Schlaf braucht, gilt als besonders leistungsfähig.“

Auch Alexander Sonnenberg hatte seine Schlafstörung über viele Jahre nicht ernst genug genommen. Er kannte sich ja nicht anders als müde. Dass die Schlafmaske einen so großen Unterschied machen würde, überraschte ihn: „Es ist wie ein Wunder. Zum ersten Mal wache ich ausgeruht und ohne Halsschmerzen auf.“ Es sei zwar nicht leicht, sich ans Schlafen mit der Maske zu gewöhnen. „Aber ich kann nur jedem raten, trotzdem durchzuhalten, denn man gewöhnt sich hundertprozentig daran.“ Inzwischen kann Sonnenberg seine Maske sogar im Dunkeln und im Halbschlaf aufund abnehmen. Die Macht der Gewohnheit hat gesiegt. „Schade, dass ich es nicht schon früher gemacht habe.“

 

Kampagne

Mehr dazu auf der Website: deutschland-schlaeftgesund.de
 

Info: Hilfe bei Schlaflosigkeit

Patientenratgeber: Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) bietet einen Ratgeber zum Herunterladen an. Die schlaflose Republik Diese NDR-Dokumentation in der ARD-Mediathek klärt über Behandlungsmöglichkeiten und Schlaftraining auf.

Mehr auf den Websites:
t1p.de/dgsm-ratgeber
t1p.de/ndr-doku-schlaflos