Wie man die Kurve kriegt


Vor einigen Monaten erhielt meine Frau einen bemerkenswerten Brief. Sie therapiert seit vielen Jahren Alkoholiker, und der Brief kam von einer Patientin. Diese Frau hatte mehr als 30 Entzüge hinter sich. Sie hatte sich nach ihrer Therapie entschlossen, ihr Leben zu ändern. Das war zehn Jahre her! Erst jetzt, nach einem Jahrzehnt ohne Rückfall, fühlte sie sich sicher genug, ihren Dank zum Ausdruck zu bringen.

Der Fall zeigt: Es ist extrem schwer, mit dem Trinken aufzuhören – aber es ist nie zu spät, es zu versuchen. Als Gastroenterologe behandle ich seit über 40 Jahren Patienten mit Alkoholerkrankungen, besonders der Leber. Viele meiner Patienten sind abhängig und haben zahlreiche Entzugstherapien durchlaufen.

Alkohol verursacht mehr als 200 Erkrankungen. Alle Organe sind betroffen. Alkohol ist aber auch eine stark abhängig machende Droge. Selbst nach einer stationären Therapie wird etwa die Hälfte der Patienten innerhalb von zwei Jahren wieder rückfällig.
 

Der Wille entscheidet

Wer an Alkoholsucht leidet, sollte sich bewusst machen, dass seine Erkrankung nicht wirklich geheilt werden kann. Selbst wenn jemand lange abstinent lebt, kann es auch nach Jahrzehnten zu einem Rückfall kommen. Abstinenz erfordert daher volle Motivation und den echten Willen, sich von der Droge zu befreien. Ob es gelingt, hängt sehr davon ab, wie stark jemand von der eigenen Willenskraft überzeugt ist.

Heute diskutieren Wissenschaftler und Therapeuten das „kontrollierte Trinken“ bei Abhängigen. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass nur rund acht Prozent der Abhängigen dazu in der Lage sind. Aus meiner Sicht haben schwere Alkoholiker die Fähigkeit verloren, kontrolliert zu trinken.

Ein Rückfall droht ein Leben lang, vor allem in Krisensituationen. Häufig wird er durch erlernte Reize ausgelöst. So wird das unwiderstehliche Verlangen zu trinken etwa durch bestimmte Stimmungen, Personen oder Orte ausgelöst. Die Versuchung kann durch ein akutes Ereignis hervorgerufen werden – dann ist starker Wille gefragt.

Abschließend dazu ein Mut machendes Beispiel aus unserer beruflichen Praxis: Eine Patientin, die über zwei Jahre abstinent war, bekam allein durch den Geruch des Kirschwassers beim Kuchenbacken eine solche Gier nach Alkohol, dass sie wie fremdgesteuert ins Auto stieg, um sich sofort eine Flasche Wein zu kaufen. Sie bog in den Kreisverkehr kurz vor dem Supermarkt ein. Statt weiterzufahren drehte sie zunächst zehn Runden, um nachzudenken. Endlich nahm sie die Ausfahrt – und fuhr zurück nach Hause. Ihre Angst vor dem Rückfall hatte über das Verlangen gesiegt.
 

Prof. Helmut K. Seitz ist Honorarprofessor für
Innere Medizin, Gastroenterologie und Alkoholforschung an der Universität Heidelberg. Mit Ingrid Thoms-­Hoffmann
veröffentlichte er „Die berauschte Gesellschaft“
(Kösel, 2018).