Eine Frage der Ehre

 

Der Stahlbau-Unternehmer managt in seiner Freizeit den Fußballverein, die Notarin macht Spaziergänge mit Senioren, und die Therapeutin kümmert sich „pro bono“ um Flüchtlinge. Der Buchhalter hingegen, dessen Kinder jetzt aus dem Haus sind, verbringt seine neu gewonnene Zeit fast nur im eigenen Garten. Und die Frührentnerin von nebenan sitzt den ganzen Tag vorm Fernseher. Dieses Ungleichgewicht wirft zwei Fragen auf: Warum ist es häufig so, dass gerade die Menschen ein Ehrenamt annehmen, die eigentlich kaum Zeit dafür haben – während die Leute, die alle Zeit der Welt haben, sich viel seltener engagieren? Und wie könnten wir das ändern?
Ehrenamtlich Tätige wollen helfen oder gestalten, Verantwortung übernehmen, Erfahrungen sammeln, etwas leisten. Bemerkenswerterweise tun sie dies häufig neben ihrer Berufstätigkeit. Die höchsten Engagementquoten haben ausgerechnet die 35- bis 54-Jährigen, also die Menschen, die meist voll im Job stehen. Zudem zeigen Studien: Je höher die berufliche Position ist, umso stärker und anspruchsvoller ist das Ehrenamt. Zum Beispiel leisten 65 Prozent der Unternehmer ehrenamtliche Arbeit, deutlich mehr als der Bevölkerungsdurchschnitt. Es sind also Menschen, die ein hohes Berufsprestige pflegen. Früher sprach man in solchen Fällen von „Ehre“.

Zeit als tragisches Geschenk

Zu viel Zeit zu haben, führt im Gegenzug nur selten zu ehrenamtlicher Tätigkeit. Dieses Paradox kennen Sozialwissenschaftler seit der ersten systematischen empirischen Studie der Sozialforschung überhaupt. In den frühen 1930er-Jahren hatten Forscher die Arbeitslosen in der Siedlung Marienthal nahe Wien untersucht. Dabei wiesen sie nach, dass sich die Freisetzung von Zeit als „tragisches Geschenk“ erweisen kann. Ohne Arbeit zur Untätigkeit verdammt, füllten die Menschen ihre freie Zeit mit Nichtstun.
In abgeschwächter Form zeigt sich dieses Phänomen auch bei den Menschen nahe der Rente, die jetzt eigentlich mehr Zeit hätten. Ab dem Alter von 55 Jahren sinkt ihr Engagement leicht. Und wer vorher keine Berührung mit dem Ehrenamt hatte, wird ab 65 meist auch keines mehr suchen. Jugendliche hingegen sind aktiver als die Älteren. Wenn die Gesellschaft mehr freiwillig Engagierte will, könnten zwei Gedanken helfen: Erstens brauchen wir eine Kultur des Ehrenamts, die durchs Leben begleitet, etwa als Trainer im Sport, Aufmunterer im Seniorenheim, Versichertenältester oder -berater der Rentenversicherung. Denn wer Engagement langfristig lebt, bleibt auch im Alter dabei. Alle anderen hingegen, die Zeit übrig haben, sollten sich klar machen: Ehrenämter bieten Aktivitäten, bringen öffentliche Anerkennung und erzeugen Zufriedenheit. Damit sind sie nicht nur gut für die Gesellschaft, sondern auch für die eigene Gesundheit.

Prof. Dr. Joachim Winkler ist Deutschlands
führender Experte zum Thema Ehrenamt. Der
Soziologe lehrt an der Hochschule Wismar.
Sein Buch „Über das Ehrenamt“ ist 2014 im
Europäischen Hochschulverlag erschienen.