In der Online-Welt verschwimmen schnell Zeit und Grenzen.
In der Online-Welt verschwimmen schnell Zeit und Grenzen.



Verloren in Netz


Wer merkt, dass er seine Zeit im Internet nicht mehr unter Kontrolle hat, kann ein Suchtproblem haben. Wie bei jeder anderen Sucht, fällt es schwer, den Konsum zu kontrollieren und offline zu gehen. Zudem können Entzugserscheinungen, wie Herzrasen oder depressive Verstimmungen, auftreten. Oft sind es Jugendliche, die das gesunde Maß überschreiten und in die Sucht rutschen. Sie verlieren sich in sozialen Netzwerken, Games, Pornografie oder Online-Glücksspielen. In der virtuellen Welt ist es leicht, ein anderer zu sein. Und auch das große Geld scheint manchmal nur einen Klick entfernt.
 

Flucht in die Online-Welt

Vor allem Jugendliche, die bereits an einer psychischen Erkrankung oder Abhängigkeit leiden, zieht es leicht in die Online-Sucht. So war es auch bei dem heute 31-jährigen Michael. Der Vater hatte die Familie früh verlassen. Als ältestes Kind musste er sich um seine Geschwister kümmern und viel arbeiten. Der Druck, den er verspürte, ließ ihn schon mit 16 regelmäßig zum Alkohol greifen. Ständiges Grübeln, Ohnmacht und Wut – davon wollte er loskommen. Mit 20 suchte er Zuflucht in der Online-Welt. Er verlor das Maß in vielen Dingen: Arbeit, Essen, Sexualität. Michael fühlte sich einsam, litt phasenweise an schweren Depressionen. „Auffällig wird eine Internetsucht häufig erst, wenn Menschen in Schule und Beruf nachlassen oder Beziehungen zu zerbrechen drohen“, erklärt Dr. Thomas Korte, Chefarzt der Fachklinik Eußerthal, einer Fachklinik zur Rehabilitation Abhängigkeitskranker der Deutschen Rentenversicherung RheinlandPfalz, die auch Internetabhängigen hilft. „Spätestens dann sollten sich Betroffene oder Angehörige professionelle Hilfe holen.“ Erste Ansprechpartner sind Hausärzte oder Sucht- und Beratungsstellen. Auch Michael wurde klar, dass er Hilfe benötigt. Er zog die Reißleine und entschied sich, mit einer Reha in Eußerthal sein Leben zu ändern. „Begleitete Notlandung“ nennt er diesen Schritt. Denn allein ist er nicht, die Therapeuten unterstützen ihn. In Deutschland sind etwa 600.000 Menschen computer- oder internetsüchtig. Zum Vergleich: rund 1,6 Millionen Menschen leiden an Alkoholsucht, der häufigsten Suchterkrankung. Aber: Im Gegensatz zu Alkoholabhängigen machen nur sehr wenige Internetsüchtige eine Reha. „Das liegt auch daran, dass dieses Angebot noch nicht so bekannt ist“, erklärt Dr. Korte.
 

Ein Weg zurück ins Leben

Etwa 20 Internetsüchtige pro Jahr entscheiden sich für eine Rehabilitation in der Fachklinik Eußerthal. Sie leben 8 bis 16 Wochen in einer Wohngruppe zusammen. Hier finden sie die nötige Ruhe, um in sich hineinzuhorchen und Konflikte zu lösen. In der Einzel- und Gruppentherapie oder auch beim Sport lernen sie mit ihren Gefühlen, wie Wut oder Agressionen, besser umzugehen. So können sie wieder Fuß fassen – im Leben und im Beruf, denn Ziel der Reha ist, ihre Erwerbsfähigkeit wiederherzustellen. Die Patienten lernen auch, einen Rückfall zu vermeiden, gestalten deshalb ihre Freizeit aktiv, beispielsweise mit Mountainbiken. „Oft rutschen Menschen auch aus Langeweile wieder in ihr Suchtverhalten zurück“, weiß Dr. Korte. Im Gegensatz zur Alkoholabhängigkeit kann bei Internetsucht Abstinenz nicht das Ziel sein. Computer sind aus Beruf und Alltag nicht mehr wegzudenken. Aber das Gerät auch mal ausschalten können, das sollte man schon. 
 

Der Experte

„Wer entzugsähnliche Symptome erlebt, ist betroffen“

Dr. Thomas Korte, Chefarzt der Fachklinik Eußerthal, Deutsche Rentenversicherung Rheinland-Pfalz
 

Was bedeutet Computeroder Internetabhängigkeit, und wie wird man abhängig?
Computer- und Internetabhängigkeit hat viele Facetten: zum einen die sozialen Netzwerke zu nutzen, allgemeines Surfen, OnlineShopping, aber auch Internetspiele oder Pornografie. Die Wege in eine Sucht sind sicherlich unterschiedlich. Bereits bestehende psychische Erkrankungen beim Betroffenen können eine Rolle spielen. Wenn sich durch die Internetnutzung Langeweile und negative Gedanken vertreiben lassen, begünstigt das eine Abhängigkeit.

Woran erkennt man Internetabhängigkeit?
Exzessiver Konsum ist ein wichtiges Kriterium, aber nicht allein ausreichend. Hinzu kommen Kontroll- und Interessensverluste, auch das Tolerieren und Konsumieren trotz negativer Konsequenzen. Wer entzugsähnliche Symptome erlebt, wenn der Konsum verhindert wird, ist betroffen – wie bei anderen Suchterkrankungen auch.

Wie kann man sich schützen?
Grundsätzlich sollte man achtsam mit sich selbst umgehen, soziale Kontakte pflegen und regelmäßigen Freizeitbeschäftigungen nachgehen, wie Sport, Musik oder anderen Hobbys. Wer selbst feststellt, dass er einen hohen Medienkonsum hat, kann sich selbst Zeitlimits setzen und diese einhalten. Auch kann man sich selbst nur eine bestimmte Art von Nutzung zugestehen.

Welche Hilfsangebote gibt es?
Professionelle Hilfe und Tipps gibt es bei Beratungsstellen. Hier kennt man die Hilfsangebote, wie eine ambulante oder stationäre Reha. Wer gleichzeitig eine psychische Krankheit hat, dem kann wahrscheinlich am ehesten eine stationäre Therapie helfen.