Riccardo Simonetti in Jeanshose und Jacke. Junger Mann mit langen Haaren.



»Echte Freiheit nimmt niemandem etwas weg«


Ein ganz normaler Morgen in Lockdown-Deutschland. Das Telefoninterview musste Riccardo Simonetti um ein paar Stunden nach hinten schieben, weil ihm ein Zoom-Call dazwischenkam. Sechs Verlagsmenschen aus sechs Städten wollten mit ihm über sein drittes Buch sprechen, an dem er zurzeit arbeitet, es erscheint im Herbst. Momentan ist überhaupt viel los bei dem 28 Jahre alten Entertainer. Vor Kurzem wurde er zum Sonderbotschafter des EU-Parlaments für LSBTI-Rechte ernannt. Simonetti gibt das Interview am Telefon. Er spricht sanft, deutlich und gewählt. 
 

Herr Simonetti, Sie haben als Kind eine christliche Privatschule besucht, waren Ministrant, gleichzeitig aber auch ein „Junge mit der Persönlichkeit eines Showgirls“ – wie war das Aufwachsen in der Provinz?  
Ich musste mich immer wieder fragen: Will ich für etwas gemocht werden, was ich gar nicht bin, oder will ich lieber ich selbst sein und dafür aber den schwierigeren Weg gehen? Diese Frage muss sich jeder einmal stellen. Man wird dann entweder super selbstbewusst oder man wird eher zurückhaltend. Ich bin froh, dass ich mich für Ersteres entschieden habe.  

Sie sind als Jugendlicher geschlagen und sogar angezündet worden. Wie gefährlich sind die Hasser, die „Hater“, wenn man anders ist?  
Es ist wichtig, dass man lernt, wann man sich dem stellt und wann nicht. Ich weiß nicht, ob jeder Zwölfjährige, der aneckt, auch schon im Internet aktiv sein sollte. Da liegt es ein bisschen an den Eltern, sich da reinzufuchsen, statt den Kindern einfach zu verbieten, auf Social Media aktiv zu sein. Du kannst vielleicht nicht verhindern, dass dein Kind gemobbt wird – aber du kannst beeinflussen, wie dein Kind sich dabei fühlt, indem du ihm vermittelst, dass es wertvoll ist, so wie es ist. 
 

»Die Gesellschaft macht uns vor, es wäre immer genug Platz für alle da.«

Riccardo Simonetti, Entertainer und Autor
 


Wie verarbeiten Sie das für sich und was raten Sie Opfern? 
Ich mache ganz oft Dinge, die mich daran erinnern, wer ich bin und was ich mag. Das können Kleinigkeiten sein: Meine Lieblingsmusik hören, Dinge essen, die sich gut anfühlen, meine Lieblingsklamotten tragen oder mir auch mal selbst einen aufmunternden Zettel schreiben. Das Gefühl macht richtig süchtig, ich möchte dann nur ich selbst sein.  

Glauben Sie, es würde heute anders laufen für Sie in einer deutschen Kleinstadt?  
Heute könnte ich als 15-jähriger schwuler Junge zumindest im Internet Menschen finden, die über meine Themen sprechen. Das ist Luxus. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass die Leute dort mit so etwas oft noch nichts zu tun hatten. Auch wenn es in den Großstädten viel freier zugeht, ist es ja für alle Beteiligten trotzdem das erste Mal, mit Anderssein im persönlichen Umfeld konfrontiert zu werden. Auf dem Dorf denken die Leute oft noch: Das gibt’s überall, aber nicht bei uns. Da wäre es gut, wenn sie verstehen, dass es das eben doch überall gibt.  

Ist der gesellschaftliche Druck auch heute noch so hoch?  
Also, ich glaube, wir leben in einer Gesellschaft, die uns vormacht, es wäre immer genug Platz für alle da. Sie zeigt uns aber auch, dass Dinge leichter sind, wenn man einer bestimmten Norm entspricht. Das ist für viele eine tolle Komfortzone, andere merken irgendwann, dass sie vorgeben, jemand zu sein, der sie gar nicht sein wollen. Dabei würden von einer toleranteren Gesellschaft alle profitieren. Viele Menschen fürchten, dass sie dafür etwas von ihren Privilegien oder Freiheiten abgeben müssten, aber ich sage: Freiheit nimmt niemandem etwas weg. Sie vergrößert sich, wenn man sie teilt.  

Kann das auch auf dem Land funktionieren?  
Immer mehr Menschen wollen in die Städte ziehen. Ich glaube, das wäre gar nicht notwendig, wenn auch unsere Dörfer diverser würden. Bunte Vögel findet man nicht nur in Großstädten. Die gibt’s überall, nur werden sie oft nicht gesehen, weil sie sich gar nicht trauen, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Dabei wäre es doch toll, wenn wir die Leute überall so akzeptieren könnten, wie sie wirklich sind.  

Ihnen geht es also nicht nur um die bunten Vögel?  
Das Gespräch muss die Leute mit einbeziehen, die von sich selbst sagen, sie sind ganz normal. Mit solchen Menschen muss man sich unterhalten, denn das sind die Menschen, die die Normen definieren. Oft denken sie, Anderssein würde sie nichts angehen. Aber wir alle kommen früher oder später an den Punkt, an dem man aus der Mitte der Gesellschaft verdrängt wird: wenn man nämlich alt wird und andere einem den angestammten Platz wegnehmen. Und dann ist man ja glücklich, wenn die Gesellschaft, in der man lebt, immer noch Platz für einen hat.  

Wir sollten uns also stärker für Ältere einsetzen?  
In unserer Gesellschaft gibt es immer mehr ältere Menschen, wir sehen diese aber immer weniger. Menschen werden oft behandelt, als hätten sie ein Verfallsdatum. Wenn man dann zu alt wird oder krank, wird man eben ersetzt. Niemand denkt darüber nach, wie sich das für diese Menschen anfühlt. Deshalb merke ich, dass Menschen ab einem bestimmten Alter oft ganz anders darüber nachdenken, wie sie selbst mit anderen umgegangen sind im Leben.  

Den Jüngsten wiederum haben Sie sogar ein eigenes Buch gewidmet, in dem ein kleiner Fußballer sich traut, ein pinkes Tutu zu tragen …  
Man ist nie zu jung, um zu lernen, dass Menschen verschiedene Lebensmodelle haben. Deshalb versuche ich in meinem Buch, das Wort „schwul“ kindgerecht und losgelöst von Sexualität zu erklären. Da geht es nur um Liebe. Das Schimpfwort Nr. 1 auf den Schulhöfen ist schließlich immer noch „du schwule Sau“. Wenn Kinder aber wissen, was das Wort bedeutet, benutzen sie es gar nicht mehr als Schimpfwort. Ich habe das Buch auch in Kindergärten vorgelesen. Die Kinder haben das gleich verstanden, abgehakt und weitergespielt. Von so etwas wird jetzt übrigens kein Junge schwul. Schließlich bin ich ja auch nicht heterosexuell geworden, nur weil ich komplett von Heterosexuellen umgeben war.  

Identifikationsfiguren sind ein Thema, das Sie sehr beschäftigt …  
Ja, wir brauchen vielfältige Identifikationsfiguren in den Medien. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und konnte im Fernsehen und in Zeitungen nirgends jemanden sehen, der ähnliche Dinge durchmacht wie ich. Medien und Schule haben uns lange ein heteronormatives Ideal eingehämmert und jetzt sollen wir von einem Tag auf den anderen alle perfekte Diversität beherrschen? Das geht natürlich nicht zusammen. Deshalb haben die Medien jetzt die Verantwortung, auch alternative Ideale zu etablieren.   
 

INFO: Der Junge, der schillern wollte

Riccardo Simonetti, 28, ist Entertainer, Autor, Schauspieler, Model und Moderator. Der Sohn italienischer Eltern wuchs im oberbayerischen Bad Reichenhall auf und wurde als Blogger und Influencer bekannt. Seit Kurzem ist er Sonderbotschafter für LSBTIRechte im Europäischen Parlament. Seine Autobiografie „Mein Recht zu funkeln“ erschien 2018.
 


Besteht nicht die Gefahr, dass diese Figuren dann zu klischeehaft werden?  
So wie früher, wenn etwa Schwarze oder Schwule in Filmen immer die gleiche Art von Nebenrolle erhalten haben? Wenn man solche Charaktere authentisch aufbaut, ist genau das Gegenteil der Fall! Dann kann man zeigen, wie vielfältig solche Figuren sein können – aber nur, wenn man sie dann auch über die Dinge sprechen lässt, die ihre Leute brauchen. Da stellt sich dann die Frage: Baut man Diversity nur als Quotenthema mit ein oder ist man wirklich daran interessiert, ein authentisches Abbild der Gesellschaft zu schaffen? Wenn man sich die deutschen Klassenzimmer anschaut, dann sind die ja bunt und vielfältig.  

Sind ausländische Medien beim Thema Vielfalt denn schon weiter?  
Netflix und andere amerikanische und auch britische Sender machen schon heute mehr Platz für diverse Charaktere und ihre Geschichten. Da herrscht in Deutschland oft eine falsche Rücksicht auf Zielgruppen, die mit mehr Diversity angeblich nicht klarkämen. Ich glaube hingegen, dass viele Leute froh sind, wenn sie etwas zu sehen bekommen, was ihren Horizont erweitert.  

Wer waren denn Ihre Identifikationsfiguren?  
Ich war immer ein Fan von Menschen, die mit Normen gebrochen haben; Menschen, die unterhaltsam waren, aber dabei ungewöhnlich aussahen, wie Thomas Gottschalk oder auch Lady Gaga oder Elton John. Aber auch diese Frauen, die in den 2000ern jede Woche mit einem anderen Gerücht, mit einer anderen Lüge durch alle Klatschmagazine gezogen wurden, wie Paris Hilton, Lindsay Lohan und Britney Spears, waren für mich große Identifikationsfiguren, weil ich gesehen habe: Wow, die kriegen so viel Mist ab, aber versuchen trotzdem einfach, weiter ihr Ding zu machen.  

… und Conchita Wurst, der Grand Prix-Sieger von 2014?  
Als er in die Medien kam, war ich ja schon ein Teenager, der schon einiges durchgestanden hatte. Aber klar war Conchita Wurst für mich auch ein Vorbild. Heute ist Tom Neuwirth, der hinter Conchita steckt, ein Freund.  
 

576 Delikte gegen die sexuelle Orientierung hat die Polizei 2019 registriert, 64 Prozent mehr als 2018. Darunter waren 151 Gewalttaten. Vermutlich wagen immer mehr Opfer, die Taten anzuzeigen.

QUELLE: BMI/STATISTA
 


Wie stark lassen Sie Erfahrungen anderer in Ihre Werke einfließen?  
Mich kontaktieren viele Menschen jeglichen Alters und berichten mir von ihren Erfahrungen, sogar Rentner, die merken, dass sie doch noch die Zeit nutzen wollen, um ihr wahres Ich auszuleben, und dann aber merken, wie schwer es ihnen gemacht wird. Über die Realität dieser Menschen spreche ich öffentlich. Ich sehe es als meine Verantwortung, ihre Geschichten zu erzählen. Ich weiß ja, dass mein eigenes Leben nicht für jedermann greifbar ist. Ich darf meinen Traum ausleben. Dadurch kann ich mir zum Beispiel Sicherheit leisten. Ich muss keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, weil mir dort oft etwas Blödes passiert ist. Das heißt nicht, dass jeder andere, der irgendwie anders ist, denselben Luxus genießen kann. Deswegen ist es mir sehr wichtig, darüber zu sprechen, wie die Realität für andere Menschen aussieht. Man muss ja zum Beispiel auch nicht selber schwarz sein, um auf Rassismus aufmerksam zu machen.  

Klingt, als seien Sie nebenher so eine Art Internet-Seelsorger für Ausgestoßene … 
Nein, denn ich bin ja kein ausgebildeter Therapeut. Deshalb verweise ich die Leute oft an andere Angebote weiter, bei denen ihnen besser geholfen werden kann. Aber in erster Linie versuche ich, nicht nur zu predigen, sondern vorzuleben, wie ein selbstbestimmtes Leben aussehen kann.  

Sie engagieren sich gegen Mobbing und haben dafür die Aktion #IamStrongerThanBullying gegründet. Worum geht es da? 
Da ging es darum, Leuten zu zeigen, was die Konsequenzen von Mobbing sind. Wenn man nur Studien liest, versteht man nicht, wie emotional dieses Thema ist. Deswegen habe ich auf Instagram den genannten Hashtag etabliert, zu Deutsch: „Ich bin stärker als Mobbing“. Dort teilen Menschen ihre Erfahrung öffentlich und können damit Leuten helfen, die vielleicht gerade in solchen Situationen stecken. Dort öffnen sich nicht nur Mobbingopfer, sondern auch Menschen, die früher selbst andere schikaniert haben. Sie verraten dann ihre Beweggründe und erklären aus einer erwachseneren Perspektive, warum sie im Unrecht waren und was für Konsequenzen ihre Taten hatten. Solchen Geschichten muss man mehr Raum geben, als Statistiken es tun.  

Lange Jahre waren Sie hauptsächlich Influencer. Ist Entertainment für Sie der beste Weg, Ihre Botschaften rüberzubringen?  
Egal ob Fernsehen, Buch, Bühne oder Internet – ich versuche immer, mir meiner Vorbildfunktion bewusst zu sein. Entertainment war immer mein Traum und meine Herangehensweise, Menschen an diese Themen heranzuführen. Das muss nicht für jeden passen. Ich hoffe, es hören mehr Menschen bei ernsten Themen zu, wenn sie zwischendrin auch mal was zu lachen haben. Viele Menschen nutzen Medien schließlich, um sich von den eigenen Problemen abzulenken. Wenn man dann mit der Moralkeule kommt, ist das schwer zu verdauen. Mit Unterhaltung aber kann ich Leute begeistern, die sich vielleicht sonst nicht mit Homophobie oder ähnlichen Themen beschäftigen würden.  

Als Influencer habe ich mich übrigens nie verstanden. Das war ein Begriff, der mir gegeben wurde. So wie jeder Person, die irgendetwas im Internet macht. Ich habe mich immer als Entertainer verstanden und bin froh, dass die Leute heute auch sehen, dass ich sehr viel aktiver bin, als nur auf Social Media.  

Sie hatten schon mit 14 Ihre eigene Radiosendung?  
„Riccis Welt“ lief auf unserem lokalen Radiosender. Mein erster Interviewpartner war Thomas Gottschalk. Dadurch konnte ich mir selbst zum ersten Mal eine Stimme geben, auch wenn es damals nicht so politisch war wie heute. Das hat mir geholfen, mit den Schwierigkeiten in der Schule besser zurechtzukommen – weil ich eine Leidenschaft hatte, für die es sich lohnte, morgens aufzustehen. 

Wünschen Sie sich von anderen Medienfiguren mehr Haltung zu gesellschaftlichen Themen?  
Ich glaube, die Zeiten sind vorbei, in denen die Leute von Unterhaltungsfiguren nur reine Unterhaltung erwarten. Diesen Luxus können wir uns nicht mehr erlauben. Jeder, der eine große Plattform hat, sollte sein Thema finden und sich irgendwie engagieren. Das ist gar nicht so schwer, wie es sich anhört.  

Sie wollten immer Showstar werden, haben aber auch eine ernste Seite. Ist später noch der Polit-Star Riccardo Simonetti denkbar?   
In Maßen. Mein erster Schritt in die Politik war, Sonderbotschafter für LSBTI-Rechte im Europäischen Parlament zu werden. Das ist kein politisches Amt, es gibt mir aber die Chance, Menschen auf politischer Ebene auf Diskriminierung aufmerksam zu machen. Wenn man sich anschaut, was in Ungarn passiert oder in Polen, wo „LSBTI-freie Zonen“ ausgerufen wurden, denke ich, man hört darüber viel zu wenig bei uns. 

Und was könnte die Politik tun?  
Ich wünsche mir auch im Bundestag noch mehr Diversität – und dass Politiker mehr Stellung beziehen für Menschen mit einer anderen Hautfarbe oder Sexualität und diese mehr schützen. Es reicht nicht, einmal im Jahr zur Pride Parade zu kommen. Denn die Probleme, die diese Menschen haben, finden nicht nur einmal im Jahr statt.