Louisa (5) und ihr Bruder Arno (2) lieben ihre Ersatz Großmutter heiß und innig.
Louisa (5) und ihr Bruder Arno (2) lieben ihre Ersatz Großmutter heiß und innig.



Ein starkes Team

 

Ein Kita-Eingang in Berlin-Mitte. Es ist kurz nach halb vier Uhr und eine Horde Kinder kommt mit lautem Getöse aus dem Gebäude gestürmt. Sabine Heyd stellt sich auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können, und winkt eifrig. Da kommen sie: die fünfjährige Louisa und der zweijährige Arno. „Saaaaabiiine!“, ruft Arno begeistert, als er sie entdeckt. Die Geschwister laufen freudestrahlend auf die freundlich lächelnde Frau mit den halblangen blonden Haaren zu und umarmen sie stürmisch. Eine glückliche Oma mit zwei zufriedenen Enkeln, könnte man meinen, doch in Wahrheit sind Sabine Heyd und Louisa und Arno gar nicht verwandt. Sabine Heyd ist die Leihoma der Familie, die Kinder nennen sie „Großstadtomi“. Sie verbringt Zeit mit ihnen, damit die Eltern von Louisa und Arno, die beide voll berufstätig sind, ihren Tätigkeiten nachgehen können. „Ohne Sabine würden wir häufig an unsere Grenzen geraten“, erzählen sie, „denn unsere eigenen Eltern leben mehr als 500 Kilometer entfernt.“ Sabine Heyd hilft den beiden Enddreißigern, den Spagat zwischen Familie und Beruf zu schaffen. Für die 63-Jährige, die viele Jahrzehnte in der Bäckereibranche tätig war, eine Selbstverständlichkeit: „Ich habe die Zeit, die den jungen Leuten, die Arbeit und Kinder unter einen Hut bringen müssen, fehlt. Und genau da kann ich mich einbringen und so dazu beitragen, dass das Miteinander der Generationen funktioniert.“

 

„Es ist mein Weg, der jüngeren Generation etwas zurückzugeben.“

Sabine Heyd (63), engagiert sich seit fünf Jahren als Leihoma

 

Im Alter aktiv sein – und anderen helfen

Sabine Heyd ist eine von rund 21 Millionen Rentnerinnen und Rentnern in Deutschland. Jeder Fünfte hierzulande ist älter als 66 Jahre. „Deutschland altert“, liest man oft oder: „Wohin führt der demografische Wandel?“ Meistens schwingt dabei ein negativer Ton mit. Dabei sind Senioren heute geistig leistungsfähiger und fitter, als es bei Menschen im selben Alter vor 20 Jahren der Fall war. Das zeigt eine gemeinsame Studie von Berliner Forschungseinrichtungen – darunter die Charité und das Max-Planck-Institut für molekulare Genetik – mit mehr als 700 über 60-Jährigen. Nur die wenigsten wollen sich nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben zurückziehen, sondern sich engagieren – im Privaten ebenso wie im Berufsleben.

Lieblingsort von Jung und Alt: Spielplatz im Berliner Stadteil Prenzlauer Berg.

„Ältere Menschen spielen heute eine ganz wichtige Rolle in unserer Gesellschaft: Sie wollen helfen, mitgestalten und etwas bewegen.“ Das sagt Ludwig Hasler. Der Schweizer Philosoph beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Altern und stellt immer wieder fest, dass die „neuen Alten“ sich „im Theater der Gesellschaft nicht in den Zuschauerraum verdrücken, sondern stattdessen als Akteure mittendrin sind“. Noch für seine Eltern hätte die Zeit nach der Berufstätigkeit vor allem eines bedeutet: endlich die Hände in den Schoß legen zu dürfen. 

Damals sei das Wort Lebensabend noch passend gewesen, findet der 77-Jährige. Heute dagegen schöpften die meisten ihr Glück nicht mehr aus dem Nichtstun. Im Gegenteil: Allein die Vorstellung sei vielen Älteren ein Graus.

Das eigene Wissen weitergeben

Genauso geht es auch Bernd Bergemann. Der 72-jährige Diplom-Ingenieur für Energieanlagen aus Barleben in Sachsen-Anhalt ging vor zwölf Jahren in Rente – und wusste sofort: Ich mache weiter. „Ich wollte nach dem prallen Berufsleben nicht in eine immerwährende Ruhephase verfallen“, erzählt er. Und nicht nur um sein persönliches Wohlbefinden sei es ihm gegangen, es sei ihm außerdem wichtig, sein fachliches Wissen und seine Lebenserfahrung an Jüngere weiterzugeben. Bergemann bewarb sich bei der Initiative VerA, die junge Menschen nach einem Ausbildungsabbruch dabei unterstützt, eine Berufsqualifikation zu erlangen. Ein wichtiger Ansatz, denn in Deutschland werden 25 Prozent aller Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst. Bergemann hat in den letzten zehn Jahren über 25 Azubis begleitet. Er hat getröstet, angestupst und motiviert – und mehr als einmal auch Klartext mit seinen Schützlingen geredet. „Ich bin da ganz ehrlich und beschönige nichts. Ich mache ihnen klar, was es auf lange Sicht bedeutet, keine Berufsausbildung vorweisen zu können. Da hören die Azubis bei mir vielleicht eher zu als bei ihren Eltern“, meint der ehrenamtliche Helfer, der schon junge Menschen aus Somalia, Spanien, Afghanistan und Deutschland betreut hat. 

„Ohne Herrn Bergemann würde ich meine Ausbildung nicht schaffen.“

Cika Nathasa (22), angehende Hotelfachfrau aus Indonesien

Cika Nathasa zog für ihre Ausbildung nach Sachsen-Anhalt.

Aktuell kümmert er sich um Cika Nathasa. Sie stammt aus Indonesien, kam nach Deutschland, um hier eine Ausbildung zur Hotelfachfrau zu machen. Dass sie auf Bernd Bergemann getroffen ist, ist für die 22-Jährige ein Glücksfall: „Herr Bergemann hilft mir mit der Schule und den deutschen Begriffen. Ich kann ihn einfach alles fragen. Ohne ihn würde ich meine Ausbildung wahrscheinlich nicht schaffen“, sagt Cika Nathasa. Ein Jahr lang trifft sich das Tandem wöchentlich für je eineinhalb Stunden. Bergemann hilft bei Schulaufgaben oder der Prüfungsvorbereitung. Oft gibt es fachliche oder sprachliche Barrieren, aber Bergemann genießt seine Aufgabe trotzdem in vollen Zügen. „Dieses Ehrenamt ist meine Möglichkeit, einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten“, sagt er. 

„Ältere Menschen schöpfen ihr Glück heute nicht mehr aus dem Nichtstun.“

Ludwig Hasler, Philosoph und Altersforscher

 

Auch Unternehmen setzen zunehmend auf gemischte Belegschaften. Studien zufolge sind Teams mit den unterschiedlichsten Lebenserfahrungen und Hintergründen besonders erfolgreich. Dabei geht es neben Alter auch um Herkunft, Geschlecht, Behinderung oder auch sexuelle Orientierung. Diverse Teams liefern bessere Ergebnisse, sind häufig sogar wirtschaftlich profitabler, weil sie leistungsstärker sind und kreativere Lösungen erarbeiten und allen Beteiligten die Möglichkeit eröffnen, über den Tellerrand hinauszuschauen (siehe das Interview "Vertrauen in altersgemischte Teams").

Alt trifft Jung: Das Duo Bernd Bergemann und Cika Nathasa beim Lernen.

Der Philosoph Ludwig Hasler geht sogar noch einen Schritt weiter. Für ihn sind Tandems wie Cika Nathasa und Bernd Bergemann „der Idealzustand einer Gesellschaft, die sich gegenseitig trägt“, weil sie ihre unterschiedlichen Stärken in die Beziehung einbringen können. Eine Win-win-Situation für beide Seiten. Die Jungen hätten das frischere Wissen, mehr Elan und Visionen – prima Voraussetzungen, um die Welt in Gang zu bringen. Die Älteren punkteten mit ihrer Erfahrung sowie praxisgesättigtem Wissen. Darüber hinaus bringen sie häufig jede Menge freie Zeit mit, die sie denjenigen widmen können, die davon zu wenig haben – so wie bei den Eltern von Louisa und Arno aus Berlin. Sie sind in einer Lebensphase, in der beruflich und privat gleichzeitig sehr viel passiert und Zeit ein knappes Gut ist. „Eine Gesellschaft, die beide Vorteile mischt, wäre vermutlich unwiderstehlich“, glaubt Hasler.

Austausch auf Augenhöhe

Jung und Alt Hand in Hand? Als Dream-Team? Sicher nicht immer, aber bei Marianne Zöllner und Clemens Millack trifft diese Beschreibung auf jeden Fall zu. Wenn die 74-jährige Hamburgerin für den Abend eine Verabredung mit dem mehr als 55 Jahre Jüngeren im Kalender stehen hat, ist sie den ganzen Tag voller Vorfreude. 2014 zog Marianne Zöllner in eine Hamburger Wohnanlage für Seniorinnen und Senioren, kurz nachdem sie sich von einem Schlaganfall erholt hatte und darum Unterstützung im Alltag benötigte. In ihrer neuen Umgebung kam sie das erste Mal in Kontakt mit der sozio-kulturellen Initiative KulturistenHOCH2, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, ältere Menschen vor Isolation und Einsamkeit zu bewahren. Deshalb werden sie zusammen mit Jugendlichen zu Kulturveranstaltungen, zu Oper- oder Theaterbesuchen eingeladen  – finanziert durch Fördergelder und Spenden. Ganz nebenbei entsteht so ein Austausch zwischen zwei Gruppen, die sich im Alltag nur noch selten über den Weg laufen. Während früher durch das Zusammenleben in Großfamilien regelmäßig Ansichten und Denkweisen zwischen Generationen diskutiert werden konnten, gibt es diese Art von Begegnung heute vor allem in der Stadt nur noch selten. 

Clemens Millack schätzt Marianne Zöllners Wissen.

Freundschaft der Generationen

Für den 18-jährigen Abiturienten Clemens Millack, der in der Schule von KulturistenHOCH2 erfahren hat, sind die Treffen mit Marianne Zöllner eine Bereicherung. „Vor allem ihre Lebenserfahrung beeindruckt mich. Und mir ist aufgefallen, dass die meisten älteren Menschen glücklich sind. Diese Freude am Leben färbt auf mich ab“, erzählt er.

Millack und Zöllner bezeichnen ihre Beziehung als eine „Freundschaft der Generationen“. „Wir schreiben uns Kurznachrichten, gratulieren uns zum Geburtstag und telefonieren ab und zu“, freut sich die 74-Jährige. Marianne Zöllner, die nie verheiratet war und keine Enkelkinder hat, war knapp 50 Jahre lang in einem Kaufhaus angestellt, bevor sie 2012 in Rente ging. Bis heute ist es der Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen, den sie am meisten vermisst. „Vor allem den Austausch mit den Jüngeren in meiner Abteilung habe ich stets sehr genossen, es war ein schönes Gefühl, meine beruflichen Erfahrungen und Tricks an sie weitergeben zu können.“ Auch Clemens Millack hört gerne zu, wenn Marianne Zöllner während ihrer Kulturdates über das Berufsleben plaudert. „Es ist toll, wenn sie berichtet, wie es früher war und wie sie die Gegenwart einschätzt.“ Tatsächlich haben ihre Gespräche ihn darin bestärkt, Bauingenieurwesen zu studieren. Eine wichtige Entscheidung für den Abiturienten.

„Ich lerne wirklich sehr viel von den Älteren – nicht nur über Kultur.“

Clemens Millack (18), Abiturient aus Hamburg

 

 

Diese Bereicherung, über die Grenzen der Generationen hinweg, ist es, die auch Sabine Heyd, die Leihoma von Louisa und Arno aus Berlin, antreibt. Es sei nicht so, dass nur die Familie von ihrer Mithilfe profitiere. Sie selbst, die noch keine eigenen Enkel habe, genieße den Austausch mit den Jüngeren und das Eintauchen in deren Alltag, sagt die 63-Jährige. Das Plaudern bei der Kinderübergabe, zwischendurch mal einen Filmtipp austauschen. Einfach zu wissen, was bei der jüngeren Generation gerade los ist, vor welchen Herausforderungen sie stehen, was sie im Leben erreichen wollen. 

Und auch mal zu erzählen, wie es bei ihr damals in den Achtzigerjahren mit drei kleinen Kindern war. Bei Louisa hat sie die Eingewöhnung in die Kita mitbekommen, bald wird die fast Sechsjährige eingeschult. „Louisa hat mich auch schon zu ihrer Hochzeit in 20Jahren eingeladen“, sagt die Großstadtoma und lacht.

Gemeinsam auf dem Weg zu einem Museumsbesuch.

Für Ludwig Hasler sind solche Geschichten die ins echte Leben übertragene Bestätigung seiner Forschung. Und weil er nicht nur Theoretiker ist, sondern auch ganz praktisch helfen möchte, unterrichtet er in seinem Schweizer Wohnort am Zürichsee regelmäßig eine Handvoll Jugendlicher, die Probleme in der Schule haben. „Ich hoffe, dass aus diesen Kindern eines Tages selbstständig denkende und politisch engagierte Menschen werden. Und auch wenn ich das nicht mehr erlebe, habe ich doch meinen Beitrag dazu geleistet.“ Das, so der 77-jährige Philosoph, sei eine tröstliche Vorstellung: „Ich verbessere die Lebensaussichten der Jungen – und ich wirke mit an einer Zukunft, auch wenn diese nicht meine sein wird. Mein Leben hat eine Bedeutung – auch für andere.“

Drei Fragen an die Deutsche Rentenversicherung: „Vertrauen in altersgemischte Teams“

Christian Schmidt ist Leiter des Bereichs Bindung und Betreuung von Nachwuchskräften bei der Deutschen Rentenversicherung Bund.

Herr Schmidt, die Deutsche Rentenversicherung Bund mischt in ihren Teams bewusst Berufsanfänger mit altgedienten Mitarbeitern. Warum?
In den letzten drei Jahren haben wir massiv Neueinstellungen vorgenommen. So kamen viele im Berufsleben noch unerfahrene, junge Menschen an Bord. Um diese schnell und bestmöglich einzuarbeiten, bringen wir sie mit erfahrenen Kollegen zusammen. Dabei geht es nicht nur um den Austausch von fachlichem Wissen, sondern auch darum zu verstehen, dass hinter jeder Akte, die auf unseren Schreibtischen landet, die persönliche Geschichte eines Menschen – einer Versicherten oder eines Rentners – steckt. Das zu verstehen, ist für unsere Arbeit enorm wichtig. 

Viele erfahrene Mitarbeiter gehen in den nächsten Jahren in Rente.
Darum ist es umso wichtiger, dass sie ihr Knowhow und ihre Erfahrungswerte jetzt an die jungen Kollegen weitergeben. Ihr Wissen soll schließlich nicht mit ihnen in den Ruhestand gehen, sondern der Rentenversicherung erhalten bleiben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig das ist: Als ich vor 40 Jahren meine Ausbildung machte, gab es einen 60-jährigen Kollegen. Er hat mir vieles beigebracht, war bei Fragen immer ansprechbar, was mir den Start sehr erleichtert hat.

Profitieren auch die Älteren von den Jungen?
Absolut! Die Jüngeren können viel in Bezug auf die Digitalisierung einbringen. Generell gilt: Bei allen Begegnungen befruchten sich die Jungen und Alten gegenseitig. Manchmal stoßen unterschiedliche Ideen und Herangehensweisen aufeinander. Das ist dann die Chance, um über den Tellerrand zu schauen und Neues auszuprobieren.

Daten & Fakten: Die aktive Generation

- Viele ältere Menschen engagieren sich. Mehr als 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner lebten 2021 in Deutschland.

Jeder Fünfte hierzulande ist im Rentenalter.

Die wichtigsten Motive, sich zu engagieren:

- Freude und Spaß

- Kontakt mit anderen Menschen und mit anderen Generationen

- Mitgestaltung der Gesellschaft

Mehr Infos zum Thema „Mitgestalten“: t1p.de/EngagementimAlter