Die Angst, etwas zu verpassen: Viele können das Smartphone kaum noch aus der Hand legen. Das Sozialleben leidet.
Die Angst, etwas zu verpassen: Viele können das Smartphone kaum noch aus der Hand legen. Das Sozialleben leidet.



Einfach mal nichts posten


Was nicht auf den sozialen Medien gepostet wird, hat praktisch nicht stattgefunden. Nach diesem Motto leben Millionen von Menschen, bisweilen mit problematischen Folgen. „Die Mediensucht ist vor allem für Personen mit geringemSelbstwert ein Problem, da sie sich häufig von der dort perfekt inszenierten Welt schwer distanzieren können und unter Posting- Druck geraten“, sagte die Psychologin Friederike Gerstenberg gegenüber dpa. Erwachsene so-gen sich, wenn Kinder die Online- Aktivitäten nicht mehr selbst kontrollieren können. Experten raten, sich einen Überblick über die Portale zu verschaffen, in denen sich das Kind bewegt, und mit ihm über die Nutzung zu sprechen – vorwurfsfrei. Das Smartphone wegzulegen wird immer schwerer. Es gibt dafür sogar eine eigene Be-zeichnung: FOMO, „Fear of Missing Out“ – die Angst, etwas zu verpassen. Nach einer Studie der DAK-Gesundheit betrifft die Abhängigkeit immer mehr Kinder und Jugendliche. Die Folge können gesundheitliche Probleme und Realitätsflucht sein. In Deutschland sind etwa 100.000 Kinder und Jugendliche davon betroffen. 2,6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen sind nach Angaben der Drogenbeauftragten der Bundesregierung süchtig nach sozialen Medien.

Doch nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene verlieren häufig das richtige Maß. Um die Kontrolle zu behalten, können einfache Regeln helfen. Zunächst einmal sollte man sich fragen: Wie viel Zeit verbringe ich täglich in den sozialen Medien? Habe ich Hobbys aufgegeben und nur noch virtuelle Kontakte? Wie würde es mir gehen, wenn ich plötzlich keinen Zugang mehr zu den Plattformen hätte? „Ich bin auf Nulldiät gegangen: Ich folgte niemandem mehr und besuche seitdem nur noch die Accounts, die mich wirklich interessieren, ganz bewusst. Das reduziert die Zeit, die ich auf sozialen Medien verbringe, enorm “, so Bloggerin Carina Herrmann. Eine Social-Media-Diät kann jedoch verschiedene Aspekte haben. Fünf Tipps:

» Ich  besuche nur noch Accounts, die mich wirklich interessieren. «
Carina Herrmann, Bloggerin, Um 180 Grad

1. Reduzieren statt Nulldiät

Es muss nicht unbedingt ein kompletter Verzicht sein. Forscher fanden heraus, dass auch eine Begrenzung auf 30 Minuten täglich sehr positiv wirkt. Wer weniger soziale Medien nutzt, fühlt sich weniger einsam.

2. Kontrolle zurückgewinnen

Unterstützung wirkt ebenfalls Wunder: Eine Vertrauensperson hört sich die Ziele an und hakt regelmäßig nach, ob die Social-Media-Diät funktioniert.

3. Diät-App

Es gibt auch Apps zum Abschalten, damit werden Programme und Benachrichtigungen für bestimmte Zeit blockiert. Andere Apps fragen vor dem Entsperren ab, warum das Handy jetzt schon wieder genutzt wird.

4. Nutzungstagebuch

Ein Medientagebuch macht bewusst, wie lange und wofür wir das Internet nutzen. Nach zwei Wochen erhält man einen vielsagenden Überblick.

5. Auszeiten nehmen

Zu bestimmten Zeiten wird das Smartphone weggelegt. Das kann zum Abendessen sein oder jeden Sonntag. Kurze Zeitabschnitte sind leichter durchzuhalten. Wenn es guttut, macht man wahrscheinlich weiter. Ins alte Verhalten zurückkehren kann man immer.
 

30 Minuten soziale Medien pro Tag. Schon diese Beschränkung steigert das Wohlbefinden deutlich. Man fühlt sich weniger einsam und depressiv.

Quelle: Studie der University of Pennsylvania, 2018
 

Je jünger, desto länger

Durchschnittliche Nutzungsdauer von sozialen Medien pro Werktag nach Altersgruppen in Deutschland im Jahr 2019 (in Minuten)

Quelle: BVDW/STATISTA

Weniger ist mehr: Reizüberflutung macht mich hibbelig

Die Expertin: Melina Royer (32) ist Buchautorin und Gründerin des Online-Magazins „Vanilla Mind“.

Sie betreiben ein Online-Magazin und sind doch auf Social-Media-Diät gegangen. Wie passt das zusammen?

Ich brauche hin und wieder ein Social-Media-Detox. Beruflich verbringe ich viel Zeit im Internet, und das führt nicht selten dazu, dass ich komplett überreizt bin und dann überreagiere.

Heißt das Nulldiät?

Nicht ganz. Verboten sind soziale Medien und Newsportale. E-Mail oder iMessage sind erlaubt, ich muss ja trotzdem noch arbeiten können.

Was raten Sie Menschen, die befürchten, etwas zu verpassen?

Anfangs ist natürlich das Bedürfnis da, nach Neuigkeiten zu sehen. Das ließ bei mir aber schnell nach. Den Austausch mit anderen, mit denen ich nur über Social Media in Kontakt bin, vermisse ich in der Zeit aber. Insgesamt bin ich nicht mehr so hibbelig. Mein Tag beginnt ohne Smartphone schöner.

Was hat sich langfristig verändert?

Eine Stunde vor dem Schlafengehen lege ich das Handy weg, um ohne Reizüberflutung ins Bett zu gehen. Ich folge nur Accounts, die ich für authentisch halte, und sortiere regelmäßig aus, wem ich folge.

Mehr zu Melina Royer und ihren Büchern:  
vanilla-mind.de