Fehlende Struktur und Einsamkeit begünstigen eine Sucht.
Fehlende Struktur und Einsamkeit begünstigen eine Sucht.



Wieder mehr vom Leben haben

Ich bin kein Trinker“, sagt Werner ­Borowski* und schenkt sich ein Glas Cognac nach. Der 63-Jährige arbeitet im mittleren Management einer Hamburger Firma, unter der Woche hat er viel zu tun. Um runterzukommen, trinkt er nach Feierabend oft eine Flasche Bier – oder zwei. Am Wochenende fühlt er sich einsam, seit seine Frau vor ein paar Jahren gestorben ist. Seine Kinder leben ihr eigenes Leben und haben selten Zeit. Wenn er reden will, ruft er alte Bekannte an, die Flasche Wein steht auf dem Tisch gleich neben dem Sofa. Am Ende des Gesprächs ist sie oft leer. Demnächst muss er ins Krankenhaus – Bauchspeicheldrüsenentzündung. Ob er danach auf Alkohol verzichten wird? „Warum?“, fragt er zurück, „ich bin doch kein Trinker“. 

Ältere Menschen wie ­Werner ­Borowski, die ihr Suchtproblem nicht wahrhaben wollen, sind keine Seltenheit, sagt ­Thomas ­Korte, Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Fachklinik Eußer­thal im Pfälzerwald, eine auf krankhafte Abhängigkeit spezialisierte Rehabilitationseinrichtung der Deutschen Rentenversicherung. „Sucht im Alter ist ein großes Problem“, so ­Korte. Die Zahl der Älteren in der Gesellschaft nimmt stetig zu, doch in der öffentlichen Wahrnehmung gelten meist die unter 30-Jährigen mit ihren jugendlichen Trinkexzessen und ihrer „Experimentierfreude“ als stark gefährdet. Die Generation 60+ ist selten im Fokus – zu Unrecht, finden Suchtexperten wie Korte.

„Viele Patienten ringen sich erst sehr spät zu einer Therapie durch.“

Dr. Thomas Korte,
Chef­arzt und Ärztlicher   Direktor der Fachklinik Eußerthal

Die unterschätzte Gefahr

Exakte Zahlen, wie viele ältere Menschen zu „riskantem Alkoholkonsum“ neigen, gibt es nicht, weil die Datenerhebungen meist mit 64 Jahren enden. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) schätzt, dass bis zu 400.000 ältere Frauen und Männer von einem Alkoholproblem betroffen sind. 2018 kamen über 14.000 Patientinnen und Patienten über 60 Jahre wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Nach Erhebungen des Robert Koch-Instituts weist fast ein Viertel der Männer zwischen 60 und 69 Jahren einen gesundheitlich schäd­lichen Alkoholkonsum auf. 

Eine fatale Entwicklung, denn auch bei älteren Menschen können schon geringe Mengen Bier, Wein oder Sekt Schaden anrichten: Weil der Wassergehalt der Körperzellen sinkt, steigt auch der Alkoholgehalt im Blut schneller an. Und auch die Leber braucht länger für die Entgiftung, weil sie häufig nicht nur den Alkohol, sondern auch Inhaltsstoffe von Medikamenten abbauen muss. Auch wenn genaue Daten fehlen: Korte kennt aus Erfahrung die häufigsten Gründe für die Alkoholsucht: große Umbrüche, wie der Tod des Partners oder das Ausscheiden aus dem Berufsleben, die damit einhergehende fehlende Struktur, Krankheit und Einsamkeit. Besonders verheerend sei, dass die Patienten sich meist sehr spät zu einer Therapie durchringen würden. „Oft ist das Krankheitsbild dann schon lange chronisch und zeigt sich auch körperlich“, sagt Korte. 

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung warnt, dass Alkoholkonsum bereits vorhandene, gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Gedächtnisverlust und Stimmungslabilität weiter verschlechtern kann. Eine schnelle Genesung ist deshalb eher unwahrscheinlich. So dauert eine stationäre Reha in der Regel zwölf bis 16 Wochen. Bei Berufstätigen finanziert die Deutsche Rentenversicherung den Aufenthalt, bei Ruheständlern kommt die Krankenkasse für die Behandlung auf. „Wenn jemand 30 oder 40 Jahre risikoreichen Alkoholkonsum hinter sich hat, braucht es Zeit, um etwas zu ändern. Der Lernprozess muss nicht nur erst in Gang kommen, sondern auch gefestigt werden.“

Gründe für die Sucht erkennen

Hinter vielen Patienten, die zur Reha kommen, liegt bereits eine Entgiftung. Nach Altersgruppen wird in der Klinik nicht getrennt. „Wir haben festgestellt, dass eine Mischung gut funktioniert. Die älteren Teilnehmer bringen meist eine stärkere innere Motivation mit. Ich höre oft den Satz: ‚Ich will noch etwas vom Leben haben“, sagt Korte.

Die Behandlung wird jeweils individuell abgestimmt. In Psychotherapie gehen die Patienten ihren Problemen auf den Grund, graben verschüttete Interessen und Neigungen aus. Ressourcen freilegen, nennt ­Korte das. „Wir erarbeiten, wie der Tag sinnvoll gefüllt werden kann, denn wer nichts mit seiner Zeit anzufangen weiß, trägt ein höheres Rückfallrisiko. 25 Prozent der Menschen geben Langeweile als Grund dafür an, dass sie wieder anfangen zu trinken“, erläutert der Suchtexperte.

Deshalb werden in Eußerthal Bewegung und Ergotherapie großgeschrieben. Wer einen Garten oder Balkon hat, kann zum Beispiel die in der Reha erlernten Handgriffe auch zu Hause anwenden. In einem neuen Alltag – ganz ohne Alkohol.

Anlaufstellen für Betroffene

Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen liegt die Obergrenze des unschädlichen Alkoholkonsums bei täglich 12 Gramm Reinalkohol für Frauen und 24 Gramm für Männer. Das bedeutet für nicht Suchtkranke: Frauen sollten nicht mehr als ein kleines Glas Wein (0,125 Liter) am Tag trinken, Männer nicht mehr als zwei kleine Gläser Bier (0,6 Liter). Experten empfehlen außerdem ein bis zwei Tage ohne Alkohol pro Woche. Die Deutsche Renten­versicherung bietet mit einem eigenen Sucht-Reha-­Programm Maßnahmen an, Abhängig­keiten in den Griff zu bekommen.

Informationen zu den Aus­wirkungen von Alkohol, Tipps zum risikoarmen ­Umgang mit Alkohol und Adressen von Suchtberatungs­stellen finden Betroffene oder Angehörige unter anderem bei:

„Kenn Dein Limit“, ein unabhängiges Informations­portal der Bundeszentrale für gesund­heitliche Aufklärung:

www.kenn-dein-limit.de

oder„Stark bleiben“:

www.starkbleiben.nrw.de

Reha online beantragen: 

t1p.de/sucht-reha

t1p.de/DHS-RehaGegenSucht