Thilo Sonnenschein (l.) lebt mit gesundheitlichen Einschränkungen. Sein Vater Martin Sonnenschein
sagt, er habe viel von ihm gelernt.
Thilo Sonnenschein (l.) lebt mit gesundheitlichen Einschränkungen. Sein Vater Martin Sonnenschein sagt, er habe viel von ihm gelernt.



„Wir brauchen mehr Zivis”

 

 

...Vater und Sohn

Martin Sonnenschein, 56, ist Gesellschafter der Unternehmensberatung Kearney und Aufsichtsratsvorsitzender der Heidelberger Druckmaschinen AG.

Thilo Sonnenschein, 23, studiert Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Berlin und macht eine Ausbildung zum Theaterpädagogen.
 

Martin Sonnenschein, woran denken Unternehmensberater beim Thema Inklusion behinderter Menschen?

Martin Sonnenschein: Das Thema findet nicht statt. Niemand ruft mich als Berater an, um über Inklusion zu sprechen. Der Erfolg von Inklusion ist nicht unmittelbar messbar. Das macht es schwierig, weil Unternehmen permanent versuchen, ihre Ressourcen zu optimieren. Wer aber einen behinderten Menschen Arbeit geben will, der kann nicht nur nach der Leistung fragen.

Sehen Sie eine Möglichkeit, Inklusion messbar zu machen?

MS: Wir müssen einen realistischen Leistungsbegriff einführen. Einerseits werden Menschen mit Einschränkungen oft unterschätzt; andererseits werden Anforderungsprofile für Jobs oft überschätzt. Da werden Anforderungen gestellt, die man häufig gar nicht bräuchte. Das schreckt dann auch Bewerber ab. Wir brauchen neue Vorbilder.

Wie stark schränkt Sie Ihre Behinderung in Schule und Beruf ein?

Thilo Sonnenschein: Im Vergleich zu meiner ursprünglichen Prognose eher wenig, denn ich hatte das Glück immer inklusiv gefördert zu werden. Unmittelbar nach der Geburt erlitt ich einen Schlaganfall, der eine halbseitige, leichte Lähmung und Sprachentwicklungsstörungen auslöste. Später kam noch eine Epilepsie dazu. Daher kann ich manche Berufe nicht machen; eine Arbeit an Maschinen ist aufgrund eines kurzfristigen Kontrollverlustes bei Anfällen beispielsweise nur schwer möglich. Aber ansonsten gibt es viele denkbare Tätigkeiten.

Behinderte Menschen brauchen also maßgeschneiderte Jobs?

MS: Jobs für behinderte Menschen gibt es eben nicht einfach so, die müssen geschaffen werden, und zwar jeweils passend zur individuellen Behinderung. Wenn ein junger Mensch mit leichten geistigen Einschränkungen etwa eine Ausbildung in einem Hotel machen möchte, müsste er nicht wie alle anderen Auszubildenden sämtliche Stationen durchlaufen von Rezeption über Restaurant bis Room-Keeping. Stattdessen überlegt man von Anfang an, welche Tätigkeit zu ihm passen könnte und schult ihn nur darin.

TS: Wer das gut erklärt, ist Eckart von Hirschhausen. Er nennt es „das Pinguin-Prinzip“. Ein Pinguin ist ein Vogel, der an Land nur unbeholfen watscheln kann. Fliegen kann er schon gar nicht. Aber im Wasser ist er zehnmal windschnittiger als ein Porsche. In der Steppe hingegen wäre ein Pinguin einer Giraffe unterlegen, er könnte auch nie eine Giraffe werden, egal wieviel er trainiert. Man sollte also nicht auf seine Schwächen schauen, sondern lieber die eigenen Stärken stärken, die einen von anderen unterscheiden, und das richtige Umfeld dafür finden.

Warum sollten sich Unternehmen, die permanent im Wettbewerb stehen, auf solche Findungsprozesse einlassen?

MS: Meine Schlüsselfrage an die Chefs lautet: Was für ein Unternehmen möchten Sie sein? Dann nenne ich die Vorteile, die es bringt, behinderte Menschen einzustellen. Das sind zunächst mal kompensatorische Effekte: Benachteiligte Menschen versuchen, mehr zu leisten als von ihnen erwartet wird. Einfach, weil sie dazugehören wollen. Diese Effekte schlagen sich dann auf ganze Teams durch. Viele lassen sich von dem Engagement anstecken. Es entsteht mehr Aufmerksamkeit, mehr Achtsamkeit dafür, dass jeder Mensch ganz individuelle Begabungen hat.

TS: In der Schule war ich zum Beispiel immer pünktlich, hatte meine Hausaufgaben, und war gut vorbereitet. Ich musste immer disziplinierter sein, um mitzukommen. Das war eine positive Erfahrung für die Lehrer, und steckte andere mit an. Indem sie den Inklusionsschüler unterstützen, gewinnen Schüler soziale Kompetenzen. Meine Klasse ist auf diesem Wege zur leistungsstärksten Klasse geworden, die es an der Schule jemals gegeben hat.

Was haben Sie selbst von Ihrem Sohn gelernt?

MS: Für mich ist er der größte Lehrmeister. Bis zu seiner Geburt hatte ich keine Erfahrungen im Umgang mit beeinträchtigten Menschen. Mein Menschenbild war rein analytisch und leistungsorientiert. Heute würde ich so weit gehen zu sagen, dass meine beruflichen Erfolge ohne die Erfahrungen mit meinem Sohn gar nicht eingetreten wären. Weil ich jetzt einen anderen Bezug zu Menschen habe.

TS: Jeder kann von jedem etwas lernen. Meine Mitschüler sind sensibler und aufmerksamer geworden. Helfen schafft Anerkennung, das ist ein Zeichen der Stärke und nicht der Schwäche. Die Menschen, die den Schritt wagen, erleben den Fortschritt mit, und erhalten viel zurück für ihre Hilfe.

Brauchen Unternehmen Inklusionsbeauftragte?

MS: Inklusion muss Chefsache werden. Es braucht Chefs, die sagen: Wir geben den Mitarbeitern das richtige Umfeld, damit sie ihre Leistung besonders gut einbringen können. Der Inklusionsbeauftragte identifiziert die besonderen Fähigkeiten von Menschen mit Förderungsbedarf und hilft die passende Arbeit zu finden.

Was kann die Politik noch tun für Inklusion am Arbeitsmarkt?

MS: Wir sind der Meinung, dass ein verpflichtendes soziales Jahr für Schulabgänger einen Unterschied machen würde. Zwei Herausforderungen werden damit gleichzeitig adressiert. Erstens: Mehr Leute stehen für die inklusive Förderung zur Verfügung. Zweitens: Berührungsängste von jungen Menschen mit bisher wenig Erfahrung im Umgang mit Förderbedürftigen werden systematisch abgebaut. Die frühe Erfahrung aus der übernommenen Verantwortung in sozialen Bereichen prägt. Deshalb brauchen wie den guten, alten „Zivi“ wieder, aber heute als „Inklusi“.

TS: Höhere finanzielle Anreize für die Schulen wären wichtig, aber allein das würde nicht reichen. Eltern, Lehrer und Mitschüler müssen Menschen mit Einschränkung erleben, um ihre Vorurteile abzubauen. Geld macht es nicht, es braucht Handeln.

Regelungen bringen demnach weniger als simple, menschliche Offenheit?

TS: Es sollte einfach beim Menschen ankommen. Meine Erfahrung zeigt: Man muss immer erst einmal Leute treffen, die bereit sind, das Experiment Inklusion einzugehen. Es reichen unter den vielen Neinsagern einige wenige, die es versuchen wollen.

MS: In einem Fall war das ein Schulleiter. Der gab zu: „Ich habe überhaupt keine Erfahrung, aber ich möchte es jetzt einmal probieren, obwohl ich weiss, dass die Lehrer das noch nicht alle wirklich wollen“. Die Widerstände waren dann auch enorm, aber irgendwann ging’s.

TS: Mir gelang es nach und nach, den Lehrern die Berührungsängste zu nehmen. Die sahen, dass ich lernwillig, ehrgeizig, hilfsbereit und gut für die Klassendynamik war. Das hat dann überzeugt.  
 

»Lasst uns Menschen mit Behinderung nicht durchs Raster fallen!«

Thilo Sonnenschein, Student und angehender Theaterpädagoge
 

Das war Schule. Unternehmer haben da nochmal eine ganz andere Sicht. Manche könnte etwa der besondere Kündigungsschutz für behinderte Menschen abschrecken.

MS: Ja, das mag auch sein. Zu diskutieren wäre auch, dass in Behindertenwerkstätten der Mindestlohn teilweise nicht annähernd gezahlt wird, da fehlt die Anerkennung der Leistung. Der viel größere Hemmschuh beim Übergang ins Arbeitsleben ist aber das etablierte System, durch das Menschen mit Einschränkungen im Regelfall geschleust werden: Auf die im Idealfall inklusive Schule folgen dann Berufsbildungswerke und Behindertenwerkstätten. Die dort bestehenden Strukturen müssen bedient werden. Sie leisten zwar Gutes; es fallen dabei aber zu viele Menschen durch das System, die viel mehr können und wollen. Individualität geht verloren. Aber genau diese Individualität wird benötigt, um die Potenziale von förderungsbedürftigen Menschen zu heben. Inklusion ist eher Individualität – Werkstätten sind häufig System.

TS: Ich war nach der Schule auf Empfehlung der Bundesagentur für Arbeit für ein Berufsvorbereitungsjahr in einem Berufsbildungswerk. Man wird dort leider schnell in bestimmte Raster einsortiert, aus denen man dann nicht mehr rauskommt. Deshalb habe ich anschließend meine allgemeine Fachhochschulreife gemacht und in diesem Jahr mein Studium für Soziale Arbeit und eine Ausbildung zum Theaterpädagogen begonnen.

MS: Deswegen sind Gelder und Personal umzuwidmen. Inklusion benötigt dabei eine stärkere Lobby. Wir benötigen gleichzeitig sozusagen Massenfertigung und Handmanufaktur, um in der Sprache der Betriebswirte zu bleiben. Jeder Mensch hat irgendeine Fähigkeit, die genutzt werden sollte. Angebot und Nachfrage müssen sich finden. um den besten Nutzen für die Gesellschaft zu stiften.

Welchen Nutzen zieht denn die Gesamtgesellschaft aus Inklusion?

MS: Durch die Erfolge von Inklusion werden die Sozialsysteme finanziell geschont. Frühe Investitionen in junge förderungsbedürftige Menschen zahlen sich aus. Es lohnt sich Zeit und Geld zu investieren. Man kann viel schaffen. Die Gesellschaft funktioniert so besser für alle.

TS: Traut Menschen mit Einschränkungen einfach mehr zu. Nach meiner Geburt hieß es wohl, dass ich kaum sprechen und laufen lernen würde, aber hier bin ich. Also lasst uns nicht gleich durchs Raster fallen! Mit Inklusion kann man so viel erreichen.

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