Ein junger Mann und eine junge Frau lehnen Schulter an Schultern auf einer Bank und lächeln in die Kamera.



Nachhaltigkeit für Anfänger

 

Das große Umdenken setzte für Christoph Schulz bei einer Reise nach Sri Lanka ein. Wir schreiben das Jahr 2017, als Schulz zu seinen Füßen eine Plastikflasche mit Ablaufdatum von 1986 entdeckt. „Das kann doch nicht sein: Die Flasche sieht aus, als ob sie gestern erst ins Meer geworfen wurde“, schießt es dem heute 32-Jährigen durch den Kopf. Bis dahin hatte der gelernte Bankkaufmann mit Umweltschutz nichts am Hut. Er beginnt, den Müll aufzusammeln und ist überrascht, wie schnell andere Touristen und Einheimische ihm zu Hilfe eilen. Da wird ihm klar: „Es braucht nur einen, der anfängt, etwas zu verändern. Dann sehen andere schnell, was möglich ist.“

 

„ICH MÖCHTE MICH JEDEN TAG EIN BISSCHEN VERBESSERN.“

Christoph Schulz, Blogger und Autor

 

Den Mehrweg-Kaffeebecher hat Christoph Schulz
immer dabei.
320000 Einwegbecher werden pro Stunde in Deutschland verbraucht.

Seitdem versucht er, sich jeden Tag ein bisschen zu verbessern – und bloggt über seine Herausforderungen auf CareElite. Er trifft einen Nerv, schnell steigen seine Nutzerzahlen. Die Gemeinschaft organisiert sich, um bei sich vor Ort oder gelegentlich im Urlaub die Strände von Müll zu befreien und Ideen auszutauschen: „In meiner Community dreht sich alles um Weiterentwicklung. Denn nur so können wir es schaffen, auf der Erde keinen schlimmeren Schaden anzurichten. Ich will, dass alle ein schönes Leben hier haben, auch die zukünftigen Generationen – das ist Nachhaltigkeit“, meint Christoph Schulz.
Seit über einem Jahr ernährt er sich vegan, vorher war er Vegetarier. Und er lebt minimalistisch: „Ich kaufe nur noch die Dinge, die ich wirklich brauche.“ Schulz ist davon überzeugt, dass es Vorbilder braucht, die andere aus ihren Gewohnheiten herauskatapultieren. Dabei sollte sich niemand zu viel auf einmal abverlangen: „Viele Leute fangen erst gar nicht an, weil sie glauben, sie müssten gleich alles perfekt machen. Dabei ist es doch schon ein guter Anfang, nicht importiertes Wasser aus Frankreich zu trinken, sondern das aus der Leitung.“

 

»Nachhaltiger Tourismus bedeutet deutlich mehr als bloßer Umwelttourismus.«

Jacqueline Albers, Nachhaltigkeitswissenschaftlerin

Eine blond Frau mit einer Brille schaut auf ihr Smartphone in ihrer Hand und lehnt an einer Wand.

„DIE ZUKUNFT DES REISENS LIEGT IN GRÜNEM KEROSIN.“

Jacqueline Albers, Nachhaltigkeitswissenschaftlerin

 

Das eigene Verhalten zu verbessern, ist auch Jacqueline Albers' Ansatz. Und da gerade das Reisen klimaschädlich sein kann, hat die 33-Jährige Nachhaltigkeitswissenschaftlerin das Buch „Gute Reise“ (Reisedepeschen) geschrieben, mit dem sie für ein nachhaltigeres Reiseverhalten wirbt.
Albers ist klar, dass es fürs Klima optimal wäre, wenn niemand mehr reisen würde, schon gar nicht fliegen. Allein eine Fernreise nach Asien verbraucht das CO2-Budget von mehr als zwei Jahren (Seite 12). Gar nicht mehr zu fliegen, wird in bestimmten beruflichen und privaten Umständen jedoch nicht immer möglich sein, glaubt Albers. „Wir sollten uns daher immer vor der Buchung fragen: Ist es wirklich notwendig zu fliegen, gibt es eine Alternative?“ Strecken unter 800 Kilometern solle man nicht fliegen. Fernreisen wiederum sollte man deutlich seltener unternehmen, und dann länger bleiben. Die gute Nachricht sei, dass es schon heute „grünes Kerosin" gebe. So lässt die Klimaschutzorganisation Atmosfair jetzt im Emsland aus Wasserstoff klimaneutrales Flugbenzin für die Lufthansa herstellen. Noch ist es doppelt so teuer wie herkömmliches Kerosin. „Aber über die Plattform Compensaid können Fluggäste grünes Kerosin hinzubuchen", erklärt Albers. Der gekaufte Öko-Kraftstoff werde dann in späteren Flügen verwendet. Laut Lufthansa sparen Fluggäste damit 80 Prozent der Klimagase ein.

Eine Welt ganz ohne Fernreisen wäre für Albers ein Verlust: „Nachhaltiger Tourismus wird oft gleichgesetzt mit Umwelttourismus. So wird aber der kulturelle Aspekt vergessen“, sagt Albers. Sie empfiehlt zwei Punkte. Erstens: gute Vorbereitung. Was esse ich vor Ort, wie übernachte ich authentisch? Gibt es ein kulturelles Angebot oder ein Umweltprojekt, das ich unterstützen kann? Wie können Menschen oder bedrohte Tiere von meinem Aufenthalt profitieren? Sich für eine Woche Tausende Kilometer entfernt all inclusive einzubuchen und im Hotel zu bleiben, wäre schließlich das Gegenteil von nachhaltigem Reisen. „Um so was zu machen, findet sich bestimmt ein schönes Hotel in der Nähe, wo man gut mit dem Zug hinkommt.“

Christoph Schulz fing im Urlaub an, Plastikmüll an Stränden aufzulesen.
Drei Jugendliche sammeln Müll am Strand.

Dass man nicht gleich den ganzen Alltag auf den Kopf stellen muss, um nachhaltiger zu leben, weiß auch Shia Su. Die 37-Jährige ist seit 2016 Expertin für Müllvermeidung und bloggt auf Wasteland Rebel. Ihr Anfängertipp, den sie auch in ihrem Buch „Zero Waste“ (zu Deutsch: „Null Müll“, Freya Verlag) beschreibt: eine Müll-Bestandsaufnahme machen. Sich also einmal anschauen, was man wegwirft. Findet man fünf To-go-Becher und Tüten vom Bäcker, ist es an der Zeit umzudenken. „Im Müll stecken unsere Gewohnheiten. Natürlich fällt es schwer, diese zu ändern. Ich habe mir früher fast täglich am Bahnhof einen Kaffee und ein Teilchen gekauft. Das mache ich noch immer, ich bringe jetzt aber meine eigenen Verpackungen mit“, sagt Shia Su. Dabei ist ihr ein Punkt wichtig, den auch Schulz betont: „Entscheidend ist, nicht zu streng mit sich selbst zu sein, denn jeder Schritt hilft.“

 

Ein Balkendiagramm über die Zersetzungsdauer von Materialien wie einem Plastikflasche, die 450 Jahre bräuchte bis sie sich zersetzt.

„DEIN GANZES LEBEN STECKT IN DEINEM MÜLLEIMER“

Shia Su, Bloggerin

Gehaltvoll: Shia Su beim Einkaufen im Unverpackt-Laden „Tante Olga“ in Köln.

Das Engagement der beiden Blogger nimmt die allgegenwärtige Wegwerfgesellschaft in den Blick. In Deutschland werden nach Angaben des Bundesumweltministeriums über vier Millionen Tonnen Plastikverpackungen im Jahr hergestellt und stündlich 320.000 Einwegbecher für Heißgetränke, vor allem Kaffee, verbraucht.
Wo bleiben diese Müllberge? Oft bezahlen wir andere Länder dafür, dass sie das Plastik für uns entsorgen – Deutschland gilt als einer der größten Exporteure von Plastikmüll. Die Verpackungen landen in Asien und dort häufig im Meer. Plastik ist ein Umwelt- und Klimakiller, deshalb wurde Anfang Juli dieses Jahres die Herstellung von Einwegplastik in der EU verboten. Das betrifft To-go-Becher, Einweggeschirr, FastFood-Verpackungen und Trinkhalme. Der Verbund der kommunalen Unternehmen schätzt, dass sie 20 Prozent des gesamten Straßenmülls ausmachen.

Lebensmittel ohne Wegwerfverpackungen: So sieht es in Shia Sus Schrank aus
(oben). Ihr Waschmittel erzeugt sie selbst, hier mit Waschsoda, Natron und Seife (unten). Zitronenschalen maskieren dabei den Essiggeruch.
Drei Gläser mit unterschiedlichem Inhalt stehen auf einem Tisch.

Abfall fand Shia Su schon als Kind faszinierend, etwa als sie einen Beitrag in den ZDF-Kindernachrichten „logo!“ sah. Als Studentin war ihr klar, dass sie nachhaltig leben und beim Einkaufen den realen Preis bezahlen möchte. „Nach dem Studium habe ich mich in den Berufsalltag reinspülen lassen. Als Projektmanagerin für ein IT-Unternehmen verlor ich meine Ziele aus den Augen. Cool fand ich es aber nicht, im Job den Konsum anzukurbeln“, sagt sie. So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt.
Ihre vielleicht erstaunlichste Müllvermeidungs-Idee: In ihrem Wohnzimmer steht eine Wurmkiste. Diese Holztruhe auf Rollen dient als zusätzliche Sitzgelegenheit für Gäste. „Das finden viele Leute schon ein bisschen crazy“, lacht Shia Su. Denn in der Truhe befinden sich Kompostwürmer, eine kleine Version von Regenwürmern. Sie verwerten Küchenabfälle, Papier, Pappe, Kaffee und Tee zu brauner Erde. „Die riecht nach Waldboden und wird mir als Dünger für Pflanzen aus der Hand gerissen.“

 

„KLEIDUNG AUS AUSBEUTERISCHER ARBEIT MUSS VERBOTEN WERDEN.“

Gisela Burckhardt, Aktivistin

Gisela Burckhardt (rechts) setzt sich für die Rechte von Näherinnen ein.

Wenn Gisela Burckhardt als Kind einen Mantel bekam, war das etwas Besonderes. Er war teuer, von guter Qualität und wurde viele Winter getragen. Das ist heute kaum noch denkbar, wie die 70-Jährige weiß. Burckhardt ist Pädagogin und Vorsitzende des Vereins FEMNET, der sich für Frauenrechte einsetzt.
Das Problem heißt „Fast Fashion“. „Schnelle Mode verleitet die Menschen dazu, sich ständig neu einzukleiden“, kritisiert Burckhardt, die letztes Jahr das Verdienstkreuz am Bande verliehen bekam. Seit dem Jahr 2000 habe sich die Anzahl der globalen Käufe mehr als verdoppelt, auf rund 100 Milliarden Kleidungsstücke pro Jahr.

Balkendiagramm zum Thema Nachhaltig shoppen

In Deutschland kauft jeder im Schnitt 60 Teile im Jahr, getragen werden sie aber nur noch halb so lang wie vor 15 Jahren, wie die McKinsey-Studie „Style that’s sustainable“ zeigt. Die Überproduktion ist so massiv, dass Reststücke verbrannt werden müssen. In den Produktionsländern wird die Umwelt außerdem stark verunreinigt. Hinzu kommt, dass jemand anders einen hohen Preis dafür zahlt, dass Mode hierzulande für kleines Geld zu haben ist: die Näherinnen in Ländern wie Indien und Bangladesch. Nur rund ein Prozent des Verkaufspreises eines Kleidungsstücks landet bei ihnen. Die Arbeitsbedingungen sind oft unmenschlich. „Ich war mehrmals vor Ort“, erzählt Burckhardt, „das Produktionssoll ist in vielen Fabriken so hoch, dass die Frauen sich nicht trauen, auf Toilette zu gehen und Nierenprobleme bekommen“.

Nachhaltige Mode hilft auch den
Produzentinnen von Kleidung in Ländern wie Bangladesch.

Für die Aktivistin ist es ein Ding der Unmöglichkeit, wenn sich Verbraucher den Kopf darüber zerbrechen müssen, wie sie Mode fair und nachhaltig kaufen können. „Wir brauchen Vorgaben von der Regierung, denn bestimmte Produkte wie etwa solche aus Kinderarbeit und ausbeuterischer Frauenarbeit dürften nicht auf dem deutschen Markt verkauft werden. Erfreulicherweise ist das Lieferkettengesetz gerade verabschiedet worden“, sagt Burckhardt. Ihr Ratschlag für Kunden, die etwas gegen die Fast-Fashion-Industrie tun wollen: Weniger Kleidung kaufen, beim Shopping auf Gütesiegel achten und bereit sein, etwas mehr für nachhaltige Mode und Produktionsweisen auszugeben. Siegel wie GOTS und Fair Wear Foundation helfen den Verbrauchern, nachhaltige Marken zu erkennen. Aktuell sei nur ein Prozent der globalen Produktion ökologisch und fair. „Wir haben es in der Hand, das zu ändern“, sagt Burckhardt.

 

„GEMEINSCHAFTEN ERMÖGLICHEN EIN NACHHALTIGERES LEBEN.“

Annekatrin Looss, Autorin und Gemeinschaftsexpertin

 

Abschließend gibt es noch eine weitere Möglichkeit, nachhaltig zu leben: in der Gemeinschaft. Die Vorteile liegen auf der Hand, denn Gebrauchsgüter wie Autos, Waschmaschinen oder Werkzeug werden gemeinschaftlich geteilt. Auf der anderen Seite bedeutet Zusammenleben auch Abstimmung mit anderen – und Rücksichtnahme. Gemeinschafts-Expertin Annekatrin Looss hat selbst in einer solchen Gruppe gelebt – für sie eines der spannendsten Jahre ihres Lebens, das sie dazu bewogen hat, eine eigene Gemeinschaft gründen zu wollen.
„Mich überzeugen die vielen Synergien, die im Gemeinschaftsleben entstehen“, erinnert sich Looss an die Zeit in der Kommune, „sei es bei der Kinderbetreuung oder im Haushalt. Es bringt viel Entlastung, wenn ich nicht ständig selbst einkaufen und kochen muss, sondern wenn jeder einmal dran ist. Und: Keiner ist einsam“, sagt die 45-jährige Mutter eines Kindes. Gemeinschaft sei nicht nur sozial sinnvoll, sondern auch ökologisch. Eine Person verbraucht pro Jahr in einem Einfamilienhaus 2.300 kWh Strom – fünf Personen in einem Mehrfamilienhaus mit 3.000 kWh nur unwesentlich mehr.

 

30% der Befragten in Deutschland kaufen so wenig neue Kleidung wie möglich.

 

„Menschen tun sich mit der Absicht zusammen, nachhaltiger zu leben. Da kaufen Gruppen von 50 bis 100 Erwachsenen in genossenschaftlichen Formen alte Vierseithöfe“, erklärt Looss: „Oder sie verwirklichen ihre Ideen in alten Fabriken und Mühlen, Klosteranlagen oder Landgütern. Sie wollen eine Alternative schaffen zum „immer weiter so“, gewinnen ihren Strom oft aus erneuerbaren Quellen und bauen selbst Nahrungsmittel an.“ Aktuell lebt sie in Berlin, bereitet aber mit anderen gerade den Kauf eines Grundstücks vor, um wieder gemeinsame Sache zu machen.

 

Fünf Tipps für mehr Nachhaltigkeit im Alltag

1. Weniger fliegen

Ein junge Frau mit blonden Haaren lächelt in die Kamera.

Jacqueline Albers’ Faustregel lautet: Erst ab einer Strecke von 800 Kilometern das Flugzeug nehmen, denn Bahn und Bus sind immer umweltfreundlicher.

2. Kleine Ziele setzen

Ein junger Mann mit braunen Haaren steht frontal mit den Händne in der Hosentasche vor der Kamera.

Christoph Schulz sieht es wie beim Sport: Wenn man zu schnell zu viel will, verfliegt die Motivation. Jeden Tag ein bisschen Nachhaltigkeit, das Fahrrad nehmen etwa, erleichtert den Einstieg.

3. Weniger Becher kaufen

Eine Asiatin lächelt freundlich in die Kamera und trägt einen schwarzen Pullover.

Shia Su hat immer eigene Gefäße und Besteck dabei. So braucht sie unterwegs keinen To-go-Becher oder andere unnötige Verpackung. Sogar Klopapier spart sie dank einer Podusche ein.

4. Faire Kleidung kaufen

Eine ältere Frau schaut lächelnd in die Kamera.

Gisela Burckhardt rät: Weniger Konsum spart Geld und schont die Umwelt. Beim Shoppen sollte man sich immer fragen: Brauche ich dieses Teil wirklich?

Gisela Burckhardts Verein Femnet für faire Mode: https://femnet.de/

5. Häufiger teilen und leihen

Eine Frau mit kurzen braunen Haaren in einer blauen Blus lächelt.

Annekatrin Looss verzichtet häufig aufs Selberkaufen und schaut, ob sie Werkzeug, Zelt oder Raclette-Gerät leihen oder aus zweiter Hand erstehen kann. Das funktioniert ideal in Gemeinschaften, aber auch ohne Kommune mit Freunden, Nachbarn oder über Internetplattformen.

 

Wie die Deutsche Rentenversicherung immer nachhaltiger wird, lesen Sie im Artikel „1.000 Schritte Nachhaltigkeit"