Alte Säulen

 

Es gibt diesen Moment in der Jugend, man ist 18, 20, vielleicht auch schon älter, die Tür fällt ins Schloss, die unausgepackten Kisten stapeln sich im Flur, man liegt im Bett und sagt sich: „Ich bin wirklich ausgezogen. Das war’s jetzt mit Papi und Mami. Ich muss jetzt alleine klarkommen. Fantastisch!“ Doch die Wahrheit ist eine andere. Man ahnt zu diesem Zeitpunkt nämlich noch nicht, dass der Moment, in dem man wirklich auf eigenen Füßen steht, erst viel später kommen wird. Und zwar dann, wenn man plötzlich merkt, was Freiheit wirklich bedeutet. Das Kleingedruckte gewissermaßen. Ja, man hat die Freiheit, ein Haus zu kaufen – aber auch die Verpflichtung, es zu bezahlen. Und man hat die Freiheit, eine Familie zu gründen – aber auch die Verpflichtung, für sie zu sorgen. Freiheit ohne Verantwortung wäre wie eine Party, auf der man nicht aufräumen muss.

Falsch verstandene Freiheit

Und dann passiert’s: Dem Chef ist es ganz egal, dass das Kind zu Hause krank ist; er besteht darauf, dass man sofort zum Kunden fährt. Dem ehemals netten Sparkassenberater wiederum ist es völlig schnurz, warum man die letzte Monatsrate des Immobilienkredits nicht überwiesen hat. Und zu Hause würde man währenddessen seine Hand dafür geben, nur ein einziges Wochenende allein mit seinem Partner zu verbringen, an dem nicht ein einziges Mal die Worte „Babykotze“, „Schwimmnudel“ oder „Babapappa“ fallen. Wenn solche Dinge passieren, realisiert man, dass man vor Jahren ausgezogen sein mag, aber trotzdem immer das Kind bleiben wird, das „Papa und Mama“ schreit, wenn es wirklich nicht mehr geht.
Ja, das sind genau die Alten, die man gerade erst einen Lebensabschnitt lang erfolgreich verdrängt hatte. Ab und zu hatte man sich zwar gefragt, was die jetzt überhaupt so tun, die eigenen Eltern: Sich auf die Rente freuen, die Rente vielleicht sogar genießen? Eine Rente, die wir Jüngeren ihnen erarbeiten müssen, weil das Umlageverfahren nun mal so funktioniert? Immer häufiger hatte man sich dabei ertappt, wie man mit gleichaltrigen Freunden und Kollegen auf diese „Grautiere“ schimpfte, die sich die „Rente mit 63“ gönnen und von September bis Mai Mallorca bevölkern.
Erst wenn man in das Alter kommt, in dem die Eltern einen selbst bekommen haben, beginnt man zu begreifen: Der Staffelstab wird immer weitergereicht. Unsere Eltern haben geschuftet, um uns großzuziehen; jetzt bezahlen wir mit unseren Sozialabgaben ihre Rente – so wie es die eigenen Kinder in Zukunft für uns tun werden (die zwischenzeitlich wiederum ein Extra-­Taschengeld von Oma und Opa bekommen). Auf einmal ist er da, der Blick fürs große Ganze. Man nennt es auch „Generationenvertrag“.
Jeder, der Kinder hat, weiß, dass ganze ICE-Ladungen Tag für Tag durch Deutschland fahren, um Großeltern zu ihren Enkeln zu bringen, weil die Eltern es alleine nicht schaffen. Ganze Straßenzüge in deutschen Großstädten bekamen nur deswegen neue, ausgebaute Dachstühle, weil Papa und Mama mit der Anschubfinanzierung halfen. Eine Studie der Generali-Versicherung ergab kürzlich, dass rund die Hälfte der über 65-Jährigen regelmäßig ihre Enkelkinder betreut. Bei rund 38 Prozent dieser Altersgruppe sind es bis zu 19 Stunden im Monat, bei 17 Prozent sogar 20 bis 39 Stunden. Jeder Zehnte legt sich sogar über 40 Stunden im Monat ins Zeug! Auch beim Geld sind die Eltern da: Rund 77 Prozent helfen in Notsituationen finanziell.

Die Erkenntnis: Ich brauche euch!

Wahre Freunde erkennt man, wenn man sie braucht. Für die wirkliche Bedeutung der viel gescholtenen „Alten“ gilt das genauso. Zu den schönsten Dingen, die man als junger Vater oder junge Mutter erlebt, gehört, dass man seinen eigenen Eltern wieder näherkommt. Weil man nun versteht, warum sie sich früher Sorgen gemacht haben oder sich ständig einmischen wollten. Früher fand man die Besserwisserei des eigenen Vaters schwierig, jetzt spielt er über Stunden mit der Enkelin und man fragt sich, woher dieser Mann die Geduld nimmt. Wen rufen frustrierte Jungeltern an, wenn das Baby sich nicht so benimmt wie in den sieben Kindererziehungsbüchern, die man vor der Geburt gelesen hat? Die Großeltern.
Eltern wissen, dass es für sie kein Kündigungsrecht gibt. Und Kinder sind erst erwachsen, wenn sie das verstanden haben.

So funktioniert das Umlageverfahren der Rentenversicherung:
kurzlink.de/ umlageverfahren.

 

Juan Moreno, 46, ist verheiratet und hat vier
Kinder. Er lebt und arbeitet als Sachbuch- und
Romanautor sowie als Reporter für den „Spiegel“ in Berlin. Beides wäre ohne die Hilfe seiner Eltern und Schwiegereltern unmöglich.