Älterer Mann (62) sitzt auf Sofa und spricht gestikulierend



"Schwul, alt und frei"


Herr Gaiser, Sie sind einer von 35 Bewohnern im Berliner Mehrgenerationenhaus Lebensort Vielfalt. Hier wohnen überwiegend homosexuelle Senioren. Was bewog Sie, hierherzuziehen?
Gaiser: Ich bin mittlerweile 76 Jahre alt. Die Gewissheit, dass ich hier meinen Lebensabend verbringen darf, ist ein ungemein beruhigendes Gefühl. Falls ich pflegebedürftig werden sollte, würde ich in meiner Wohnung ambulant gepflegt werden oder in der hausinternen Pflege-WG. Von hier wird man mich erst mit den Füßen voran heraustragen (lacht).

Sie sind ein bekannter Schwulen-Aktivist und einer der Mitinitiatoren des Mehrgenerationenhauses, das seit 2012 existiert. Was war Ihre Motivation, sich für das europaweit einzigartige Projekt zu engagieren?
Gaiser: In herkömmlichen Senioreneinrichtungen machen schwule Senioren oft schlechte Erfahrungen. Sie werden vom Pflegepersonal abschätzig behandelt oder stoßen bei ihren Mitbewohnern auf Ablehnung. Das Mehrgenerationenhaus mit seinen 24 barrierefreien Wohnungen ist ein geschützter Ort. Hier kann ich offen schwul sein, ohne dass ich Angst vor Diskriminierung und Zurückweisung haben muss.
 

Zwei ältere Herren sitzen sich auf Sessel und Sofa gegenüber
Dieter Schmidt und Bernd Gaiser sprechen über ihre Erfahrungen mit dem Schwulsein im Alter.


Herr Schmidt, ist Ihnen diese Problematik als Schwulenberater vertraut?
Schmidt: Leider nur zu gut. Einer unserer Bewohner bekam in einer anderen Pflege-WG einmal den Satz zu hören: „Na, dich haben sie bei Adolf wohl auch vergessen!“ Das Personal hat bedauerlicherweise nicht auf diese Erniedrigung reagiert. Ein anderes Beispiel: Ein bettlägeriger Mann musste mitanhören, wie vor seiner Zimmertür ein Pfleger zum andern sagte: „Kümmerst du dich um die schwule Sau oder ich?“

Herr Gaiser, wie lebt es sich im Mehrgenerationenhaus Lebensort Vielfalt?
Gaiser:
Zu Anfang war es nur an schwule Männer gerichtet, aber heute ist hier die gesamte queere Community willkommen. Diese Vielfalt empfinde ich als sehr bereichernd. Im Haus befinden sich die Schwulenberatung, ein Veranstaltungssaal und eine hauseigene Bibliothek, um die ich mich als ehrenamtlicher Leiter kümmere. Über die hervorragend funktionierende Nachbarschaftshilfe bin ich ebenfalls sehr froh. Jüngere Bewohner erledigen für die älteren und kranken Einkäufe, und das nicht erst seit Corona. Zudem machen wir gemeinsame Unternehmungen wie Wanderungen oder Konzertbesuche. Es ist ein Ort des Lebens, aber auch des Sterbens.
 

LED Anzeigeschild der Schwulenberatung Berlin


Herr Schmidt, in dem sechsstöckigen Haus befindet sich eine WG für pflegebedürftige und demente homoxesuelle Männer. Die Schwulenberatung macht sich für eine diversitätssensible Pflege stark. Was heißt das?
Schmidt:
Diversitätssensible Pflege bedeutet diskriminierungsfreie Pflege. Das bedeutet, dass das Pflegepersonal mit der LSBTI-Lebenswelt vertraut sein muss. LSBTI steht für „lesbisch, schwul, bisexuell, trans-, intergeschlechtlich“. Dazu gehört in unserem Fall Allgemeinwissen zum Thema Homosexualität, aber auch das Bewusstsein, dass viele Schwule sich nicht trauen, sich zu outen, aus Angst vor Diskriminierung. Diese Entscheidung sollte vom Pflegepersonal unbedingt respektiert werden.
 

»Gute Pflege zeichnet sich vor allem dadurch aus, den Menschen in seiner Ganzheit zu sehen.«

Dieter Schmidt, Leiter Lebensort Vielfalt
 


Was bedeutet für Sie gute Pflege?
Schmidt:
Gute Pflege zeichnet sich aus meiner Sicht vor allem dadurch aus, dass man sich den Menschen in seiner Ganzheit anschaut. Jede Person hat eine Lebensgeschichte, die sie geprägt hat. Wenn ich ihre Biografie gut kenne, dann kann ich auch eine gute Pflege leisten.

Es geht also nicht um eine Extrawurst?
Schmidt:
Richtig. Es geht um Selbstbestimmung und darum, auf die Bedürfnisse, Wünsche und Ängste einzugehen. Das ist unabhängig davon, welche sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität ein Mensch hat. Ein Beispiel: Meine Mutter wurde im Pflegeheim immer wieder aufgefordert, doch beim Bingo mitzumachen. Sie hatte aber keine Lust. Sie hatte nie Bingo gespielt. Warum sollte sie dann jetzt damit beginnen?

Wie unterscheidet sich die Pflege in Ihrem Haus denn konkret von den herkömmlichen Maßnahmen?
Schmidt:
Grundsätzlich gibt es keinen Unterschied. Denn Mensch ist Mensch. Die Unterschiede zeigen sich im Umgang der Pflegekräfte mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. In herkömmlichen Pflegeeinrichtungen zeigen sich Unterschiede bereits im Aufnahmegespräch: Wird nach Ehemann oder Ehefrau gefragt oder nach der wichtigsten Bezugsperson im Leben? Damit wird signalisiert, dass neben dem traditionellen Partnerschaftsmodell auch andere Lebensformen akzeptiert werden und alle hier willkommen sind.
 

Bernd Gaiser steht vor Regenbogenflagge

»Noch vor 20 Jahren hätte man über so ein Projekt nur den Kopf geschüttelt.«

Bernd Gaiser, Schwulenrechtler
 


Im Auftrag des zuständigen Bundesministeriums hat die Schwulenberatung Berlin das Qualitätssiegel „Lebensort Vielfalt“ entwickelt, das sich an Alten- und Pflegeeinrichtungen richtet. Welches sind die wichtigsten Kriterien?
Schmidt:
Für den Erwerb des Siegels gibt es einen 120 Kriterien umfassenden Diversitätscheck. Von diesen sind 80 Prozent zu erfüllen, um das Siegel zu bekommen. Dazu gehören Schulungen und Fortbildungen zum Thema LSBTI-Kulturgeschichte oder zu HIV. Seit der Zertifizierung der ersten Pflegeeinrichtung vor knapp drei Jahren gibt es mittlerweile bundesweit fünf Einrichtungen und ambulante Pflegedienste, die das Siegel erhalten haben.

Herr Gaiser, ein Leben lang haben Sie für die Rechte der Schwulen gekämpft. Welche Bilanz ziehen Sie?
Gaiser:
Noch vor 20 Jahren hätte man über ein solches Wohnprojekt nur den Kopf geschüttelt. Wenn ich zurückblicke, stelle ich mit Genugtuung fest, dass ich mit meiner Arbeit dazu beigetragen habe, dass Deutschland bunter und vielfältiger geworden ist. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit. Aber es gibt noch viel zu tun. In der Gesellschaft und der Politik gibt es Kräfte, die das Rad zurückdrehen wollen und transsexuelle Menschen stigmatisieren. Das stimmt mich traurig und erinnert mich an meine eigenen Diskriminierungserfahrungen.

* LSBTI: lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und intersexuell

 

LSBTI: Bunte Rentenberatung

Inka Wilhelm: berät in Düsseldorf kostenfrei zu Rentenfragen im LSBTI-Spektrum.

In der LSBTI-spezifischen Beratung finden die Lebensumstände und individuellen Erwerbsbiografien der Ratsuchenden besondere Berücksichtigung. Inka Wilhelm ist bei der Düsseldorfer Fachstelle „Altern unterm Regenbogen“ für lesbische, lesbischqueere, bisexuelle und frauenliebende Frauen zuständig.

In Potsdam und Cottbus berät Carsten Bock, ehrenamtlicher Versichertenältester der Deutschen Rentenversicherung Berlin-Brandenburg im Auftrag des Vereins Katte e.V.

In München schließlich können sich lesbische, schwule, trans- und intersexuelle Senioren mit ihren Fragen rund um das Thema Altersvorsorge an die Beratungsstelle „rosaAlter“ wenden.

 

Mehr Hintergrundinfos:
www.t1p.de/alterregenbogen
www.t1p.de/katte-rente
www.rosa-alter.de