Arash Rahimi ist als Teenager aus Afghanistan
geflüchtet und trainiert Kinder und Jugendliche
im Projekt „Spielraum“.
Arash Rahimi ist als Teenager aus Afghanistan geflüchtet und trainiert Kinder und Jugendliche im Projekt „Spielraum“.



Wenn Fußball zur Heimat wird

Vier Jungs spielen Fußball


Arash Rahimi ist ein Hardcore-Fan von Werder Bremen. Seine Wände hat er grün-weiß gestrichen und die WerderRaute groß in der Mitte plaziert. Die holzgetäfelte Dachschräge zieren Werder-T-Shirts, Poster und ein Schal. Auf dem Sofa: WerderKissen. Sogar die Vorhänge sind in den Vereinsfarben gehalten. Für den 22-jährigen Flüchtling aus Afghanistan ist der Sportverein der norddeutschen Hansestadt mehr als nur der Ort, wo er Fußball spielt. Werder Bremen ist seine neue Heimat geworden.
 

Junger Mann in athletischer Regenjacke lächelt in die Kamera

»Wir brauchen Leute wie Arash Rahimi. Er ist ein Sportvorbild für Kinder und Jugendliche.«

Hergen Fröhlich, Werder Bremen
 


Angefangen hat seine Vereinsliebe mit „Spielraum“, einem Projekt von Werder Bremen, das geflüchteten Kindern und Jugendlichen hilft, sich zu bewegen und in Deutschland „anzukommen“. Denn für viele ist die Hürde, einem Verein beizutreten, erst einmal sehr hoch. Bei „Spielraum“ braucht es keine Ausweispapiere und keine Formulare. Wer Lust hat, Fußball zu spielen, kommt zu den Trainingszeiten einfach vorbei.

So war es auch bei Arash Rahimi, der beim ersten Mal mit einem Freund mitkam und sich freute, endlich mal wieder eine Runde kicken zu können. „Es hat nicht nur Spaß gemacht, sondern ich habe auch viel Deutsch gelernt“, erzählt er. „Wir waren aus vielen verschiedenen Ländern und konnten uns nur auf Deutsch verständigen.“ Schon bald fragte ihn der Übungsleiter, ob er nicht einen Kurs besuchen und selbst einen „Spielraum“ in seinem Stadteil in Bremen-Nord trainieren wolle. Rahimi wollte.

„Arash ist unheimlich wichtig für die Kids“, sagt Hergen Fröhlich, der bei Werder Bremen für das Projekt zuständig ist. „Wenn ich auf dem Platz stehe, kann ich etwas von Fußball erzählen, aber ich kann nicht Vertrauen so aufbauen, wie er es kann. Seine Fluchterfahrung gibt ihm Kompetenzen, die er den meisten anderen voraushat.“ Fröhlich hat Rahimi zu einem der „Spielraum“-Plätze direkt an der Weser begleitet. Beide tragen WerderTrainingskleidung und reden, natürlich, über Fußball. Der junge Afghane ist relativ klein und drahtig, oft spielt er im Verein gegen Fröhlich. „Arash ist schnell und dribbelstark, technisch sehr gut und er bereitet gerne Tore vor“, berichtet er. „Das ist typisch für ihn: Er kann andere glänzen lassen.“
 

Mehr Diversität im Sport


Rahimi ist das Lob ein wenig peinlich und er sagt bescheiden: „Es macht mir einfach Spaß.“ Ihm tue das Lachen der Kinder gut und er lerne auch viel beim Training mit ihnen. Zum festen Programm der Übungseinheiten gehört „Dayira“ – Arabisch für das Zusammensitzen im Kreis vor und nach dem Sport. Hier sollen die Kinder erzählen können, wie es ihnen gerade geht, egal ob es sich um Probleme in der Familie oder der Schule handelt. „Oft ist es so, dass es ihnen nach dem Training schon viel besser geht.“

Rahimi gefällt das Training so gut, dass er neben seinem Job in einer Kirchengemeinde nun eine Ausbildung zum Lizenztrainer macht. „Arash ist ein Sportvorbild“, sagt Fröhlich. Sportvereine bräuchten Menschen wie ihn, die Verantwortung übernähmen, Erfahrungen weitergeben und motivierten.“ Denn auch wenn die Mannschaften vom Breitensport bis zur Bundesliga durchaus vielfältig sind, so sieht es bei den Trainern und in der Vereinshierarchie meist ganz anders aus. „Gerade leitende Positionen sind oft nicht divers besetzt“, beklagt er. Initiativen wie „Spielraum“ und die Förderung von engagierten Sportlern wie Rahimi sollen helfen, hier Abhilfe zu schaffen. Wer früh Verantwortung bekommt, kann besser in die Hierarchie reinwachsen.
 

Kebba Badjie aus Gambia (Mitte) hat es von
„Spielraum“ bis zum Fußballprofi geschafft.

Aufstieg bis zum Profifußballer

Bei „Spielraum“ geht es ausdrücklich nicht um Talentsuche für Werder Bremen oder die möglichst schnelle Rekrutierung junger Spieler in den Verein. Doch manchmal passiert es eben doch. Auch Kebba Badjie hat einmal bei „Spielraum“ angefangen. Der junge Gambier ist als 14-Jähriger allein quer durch die Sahara und übers Mittelmeer auf der Suche nach einem besseren Leben geflüchtet. Er erwies sich als herausragender Fußballspieler. Seine Trainer beschreiben den Mittelstürmer als „Ballkünstler“, der sich „beeindruckend entwickelt“ habe. In der letzten Spielsaison hat der inzwischen 21-Jährige seinen ersten Profivertrag unterschrieden – bei Werder Bremen.

Trotzdem nimmt er sich noch die Zeit, um auf den Bolzplatz in Bremen-Neustadt zurückzukehren, auf dem er selbst angefangen hat, um mit den „Spielraum“-Kids von heute zu trainieren. Badjie hat als Teenager jede freie Minute hier verbracht. Nun wolle er den Kindern und Jugendlichen helfen und sie glücklich machen, sagt er. Und: „Ich fühle mich hier wie zu Hause.“

INFO: Werder bewegt

Unter dem Stichwort „Werder bewegt“ fasst Werder Bremen sein gesellschaftliches Engagement (Corporate Social Responsibility – CSR) zusammen. Zu den wichtigsten Projekten gehört „Spielraum“. Es richtet sich vor allem an geflüchtete Kinder und Jugendliche und hat bereits verschiedene Preise gewonnen.