Per App trainieren, wann und wo es gerade passt.
Per App trainieren, wann und wo es gerade passt.



Digitaler Draht zum Therapeuten


Seit ein paar Tagen ist Ulrike A. wieder zu Hause. Zuvor hatte sie mit ihrem neuen Kniegelenk drei Wochen lang eine Reha in der Mühlenbergklinik Holsteinische Schweiz absolviert. Für die RehaNachsorge, die wichtig ist, um die erzielten Therapieerfolge nicht gleich wieder zu verspielen, lässt ihr der Alltag mit zwei Kindern und einem Job im Schichtdienst aber kaum Zeit. Deshalb nutzt sie Caspar, eine App-basierte Lösung zur digitalen RehaNachsorge. In der Klinik hat sie den Umgang damit bereits erlernt. Ein auf sie abgestimmtes Programm ist in der Anwendung hinterlegt. Um 21 Uhr, als die Kinder schlafen, greift Ulrike A. zu ihrem Smartphone und startet das Programm: eine Anleitung zu einer 45-minütigen Bewegungseinheit im Wohnzimmer. Generell bietet die Deutsche Rentenversicherung neben Reha-Sport und Funktionstraining verschiedene Programme für Versicherte, die nach einer Reha in speziellen Zentren Nachsorge betreiben sollen. Aber wenn familiäre oder berufliche Verpflichtungen von einer regelmäßigen Teilnahme abhalten – wie bei Ulrike A. – oder wenn die nächste Nachsorgeeinrichtung zu weit vom eigenen Wohnort entfernt ist, gab es bislang kaum Alternativen. Laut Reha-Bericht 2018 nehmen nur 14 Prozent aller Patienten an einer klassischen Reha-Nachsorge teil.
 

»30 Prozent der Nachsorge könnte künftig digital stattfinden.«

Dr. Friedrich Schroeder, Ärztlicher Direktor Mühlenbergklinik
 


Das soll sich nun ändern. Die Rentenversicherung erprobt seit vergangenem Jahr an bundesweit etwa 40 Kliniken den Einsatz der Software Caspar Health, die eine multimodale Tele-Reha-Nachsorge ganz ohne Präsenzbesuche beim Therapeuten ermöglichen soll. Multimodal bedeutet, dass neben Bewegungstherapien auch Vorträge oder Entspannungsübungen zum Therapieplan zählen. Dabei bildet Caspar exakt die Inhalte des Programms IRENA (Intensivierte REhaNAchsorge) ab, beinhaltet also 24 Einheiten à 90 Minuten pro Woche, die von den Therapeuten für jeden Patienten individuell zusammengestellt werden.

Seit Juni testet die Mühlenbergklinik in Bad Malente-Gremsmühlen Caspar – und damit in einer Zeit, die coronabedingt ohnehin verstärkt nach kontaktlosen Lösungen verlangt. „Zwei unserer Therapeutinnen haben die Konzepte für die verschiedenen Indikationsgruppen entwickelt. Sie wurden eigens dafür fortgebildet“, berichtet Dr. Friedrich Schroeder, Ärztlicher Direktor der Mühlenbergklinik. „Erst haben wir uns auf Hüftund Kniegelenkersatz-Patienten konzentriert, dann auf Patienten mit chronischen Rückenschmerzen. Als Nächstes folgen Konzepte für die kardiologischen Patienten.“
 

System mit hoher Verbindlichkeit

In der Praxis sieht das dann so aus: „Die klassische Reha-Nachsorge hat immer noch oberste Priorität, aber diejenigen, die nach der Entlassung keine Möglichkeit dazu haben, weisen wir bereits während der Reha in Caspar ein“, sagt Dr. Schroeder. Doch der digitale Draht zum Therapeuten reißt auch dann nicht ab, wenn die Patienten mit Caspar zu Hause allein weitermachen. „Das Programm sieht einen Telefon- und Chatsupport vor, den wir stark nutzen.“ Nicht nur, dass Patienten Fragen stellen und Feedback geben können und damit aktiv um Unterstützung bitten. „Das System hat eine hohe Verbindlichkeit“, so Dr. Schroeder. „Bei Rückfragen meldet sich unser Team innerhalb von wenigen Stunden. Wenn ein Patient mehrere Tage nicht in der App aktiv war, rufen die Therapeuten ihn an.“ Mehrere Kolleginnen übernehmen in der Pilotphase die telefonische Nachbetreuung und das Monitoring, das heißt, sie kontrollieren, ob die Patienten ihre wöchentlich vorgesehene Trainingszeit von 90 Minuten auch tatsächlich ableisten. Das zeigt auch: Caspar soll die Arbeit nicht ersetzen, ganz im Gegenteil. „Die Arbeit des Therapeuten wird dadurch viel wertvoller, weil er nicht nur mit dem Patienten vorab gemeinsam arbeiten, sondern ihm auch sein Wissen mit nach Hause geben kann“, betont Max Michels, Geschäftsführer von Caspar Health.

Bislang liegt die Zahl der teilnehmenden Patienten in der Mühlenbergklinik knapp unter 100. Aber schon jetzt ist dort erkennbar: Die Abbruchrate ist deutlich geringer als bei Patienten in einer klassischen RehaNachsorge. „Bei jeder Reha-Nachsorge geht es darum, die Leute zu Hause zu motivieren“, resümiert Dr. Schroeder. „Da muss sich Caspar natürlich erst noch beweisen. Aber digitale Angebote werden künftig sicher ihren Platz in der Reha-Nachsorge finden – unserer Einschätzung nach könnten 30 Prozent der Nachsorge künftig digital stattfinden.“ Die Pilotphase mit Caspar läuft noch bis Ende 2021. Anschließend wird entschieden, ob die multimodale Tele-Reha-Nachsorge auch Teil der Regelversorgung wird.

„Die Einführung eines derartigen TeleNachsorgeangebots ist komplex, die Anbieter müssen ein umfangreiches Lastenheft erfüllen“, sagt Dr. Nathalie Glaser-Möller, Reha-Expertin des Rentenversicherungsträgers. Sie sieht große Chancen in den digitalen Lösungen für all diejenigen, die die Rentenversicherung mit den klassischen Angeboten bisher nicht erreicht hat.

Eine erste Erhebung zu Caspar fand bereits im Mai durch das Institut für Rehabilitationsmedizinische Forschung an der Universität Ulm statt. Demnach bewerten mehr als 90 Prozent der befragten Patienten die Online-Nachsorge mit gut bis ausgezeichnet, über 93 Prozent halten sie für ein geeignetes Nachsorgeangebot.

Ulrike A. hat an der Erhebung nicht teilgenommen. Aber für heute hat sie ihr Training beendet. Ihr Urteil: Daumen hoch. 
 

INFO: App für die Reha-Nachsorge

Seit Juni testet die Mühlenbergklinik „Caspar Health“. Bislang wurden etwa 2.500 Patienten mit der App ausgestattet, für die man nur ein internetfähiges Gerät wie Smartphone, Tablet oder PC benötigt.
 

Mehr Informationen über Caspar Health unter: www.caspar-health.com