„Nur Reha hilft bei Long Covid“

Mit der Omikron-Welle scheint die Angst vor Corona abzunehmen. Ist die Sorglosigkeit berechtigt?

Ich bin da skeptisch. Omikron ist eine andere Virusvariante und somit eine andere Erkrankung als beim Wildtyp oder später bei der Delta-Variante. Die schweren Lungenschädigungen auch bei jungen, zuvor gesunden Menschen, die wir Ärzte bei den ersten Corona-Wellen noch gesehen haben, gibt es nur noch selten. Dennoch ist dieses Virus nicht nur ein Schnupfen. Ich warne davor, Corona nicht mehr ernst zu nehmen.

Viele der Infizierten sind vergleichsweise jung und gesund. Ist für sie alles halb so schlimm?

Über die Langzeitfolgen einer Infektion mit der Omikron-Variante wissen wir noch wenig. Da sammeln wir derzeit wichtige Erfahrungen. Doch aus meiner täglichen Arbeit kenne ich Frauen und Männer, die mitten im Leben stehen, Sport treiben, erfolgreich im Job sind, die eine Infektion für mehrere Wochen oder Monate ausgeknockt hat. Selbst Büroarbeit war nicht möglich, Treppensteigen eine Belastung, und erst nach langer Zeit konnten sie wieder ins alte Leben zurück.

Was ist das Besondere an Covid-19?

Das Besondere ist, dass sich viele Patientinnen und Patienten nicht in einer adäquaten Zeit wieder erholen und dass so viele Organe betroffen sein können. Zunächst gingen wir Ärzte von einer Lungenerkrankung aus, doch mittlerweile wissen wir, dass viele andere Organsysteme betroffen sein können. In der Folge – also bei Long Covid – sehen wir Herz-Kreislauf-­Erkrankungen, neurologische, pneumologische und auch psychosomatische Erkrankungen.

Was genau ist Long Covid?

Nach einer schweren Virus-Erkrankung dauert es immer eine gewisse Zeit, bis sich der Körper wieder erholt hat. Das kennen wir beispielsweise von der Grippe oder dem Pfeifferschen Drüsenfieber. Long Covid geht darüber hinaus: Nach der Akutinfektion von maximal vier Wochen bleiben bestimmte Symptome – oder entwickeln sich sogar erst später. Das kann die Fatigue sein, ein Gefühl von anhaltender, bleierner Müdigkeit. Es kann zu kognitiven Einschränkungen kommen und auch Herz-Kreislauf-­Probleme sind als Folge der Corona-Infektion bekannt.

Was, wenn man nach einer Covid-19-Erkrankung merkt, dass es nicht mehr aufwärts geht?

Wenn man auf der Intensivstation lag, eventuell sogar beatmet wurde, dann ist eine Reha als Anschlussbehandlung Standard. Doch gerade bei Omikron gehen viele Betroffene zunächst gar nicht zum Arzt, denn der Verlauf bleibt scheinbar mild. Doch wenn länger keine Besserung eintritt oder gar neue Symptome auftreten, ist der Hausarzt die richtige Ansprechperson. Hausärzte können an Fachärzte verweisen, etwa an Kardiologen, Neurologen oder Pneumologen. Da so viele Menschen betroffen sind, ist es eine gesellschaftliche Aufgabe, hier ein Netz aufzuspannen, um Betroffenen zu helfen. Deshalb freut es mich, dass die Rentenversicherung eigene Reha-Angebote entwickelt und somit Verantwortung übernimmt.

Wie kann eine Reha helfen?

Das Einzige, was bei Long Covid nachweislich hilft, ist eine Reha. Es gibt keine Pille, es gibt keine Operation, nur Rehabilitation hilft. Wir Reha-­Mediziner profitieren von dem seit Längerem praktizierten ganzheitlichen Ansatz.

Was bedeutet das?

Wir betrachten Erkrankungen von allen Seiten und nicht nur medizinisch. An einer Rehaklinik gibt es Ärztinnen, Pflegende, Physiotherapeutinnen, Sport- und Ernährungswissenschaftler, Sozialarbeiterinnen, Psychologen und viele mehr. Die Psyche ist bei vielen Menschen mit Long Covid angegriffen, und da helfen therapeutische Gespräche. Aber auch Bewegung oder gesunde Ernährung sind wichtig. In Rehakliniken gibt es Fallkonferenzen, wo alle Bereiche zusammenkommen und sich intensiv austauschen. Jeder Patient und jede Patientin wird von allen Teammitgliedern begleitet. Das ist gerade bei einer solch komplexen Erkrankung wie Long Covid sehr wichtig.

Welches Ziel verfolgt eine Long-Covid-Reha?

Reha hat als Ziel, einen Menschen selbst dazu zu befähigen, mit der Krankheit umzugehen und aus dem Tief herauszukommen, neudeutsch wird das Empowerment genannt. Und in einer Reha-Maßnahme können Patienten von den verschiedenen Angeboten profitieren: Der eine braucht den Sport, die andere ein therapeutisches Gespräch, ein Dritter Unterstützung vom Mediziner beim Einstellen der Medikamente und anschließend eventuell noch Unterstützung bei der Rückkehr ins Arbeitsleben. Das alles kann so kombiniert und komprimiert nur Reha leisten.

„Eine Vielzahl von Organsystemen kann betroffen sein.“

Dr. Melanie Hümmelgen,
Internistin und Kardiologin. Seit September leitet sie als ärztliche Direktorin die Mühlenbergklinik in Bad Malente-Gremsmühlen.

 

Warum sind Hilfsangebote für Long-Covid-Patienten wichtig?

Viele Menschen, die zuvor keinerlei gesundheitliche Probleme hatten, fit und belastbar waren und mitten im Leben standen, und nun plötzlich wochenlang nicht arbeiten können, haben Angst. Denn sie fallen quasi aus dem Leben. Sie kommen zu uns und wollen wissen: Kann ich meinem Kopf irgendwann wieder vertrauen? Geht das Herzrasen weg? Wann kann ich wieder normal Treppen steigen?

Gibt es typische Long-Covid-Symptome?

Die Symptome sind sehr vielfältig und unterscheiden sich von Patient zu Patient. Manche Patienten haben starke, anhaltende Konzentrationsstörungen, sie sprechen da oft von Löchern im Kopf – andere haben hier keine Probleme. Wer von der Fatigue betroffen ist, kämpft meist relativ lang mit diesen schlimmen Symptomen. Herz-Kreislauf-­Probleme, wie Herzrasen oder Schwindel, sind meist gut behandelbar.

Müssen wir noch Angst vor Corona haben?

Anfang 2020 war die Verunsicherung verständlicherweise sehr groß und das Virus und seine Folgen noch unbekannt. Wir kennen die Risiken. Wir dürfen das Virus nicht verharmlosen, doch von Angst treiben lassen muss sich niemand. Corona ist kein Schnupfen, aber eben auch kein Ebola. Maske tragen ist gerade jetzt im Herbst und später Winter wichtig – insbesondere für Menschen mit Vorerkrankungen. Und eine Impfung schützt nachweislich vor einem schweren Verlauf der Krankheit.

Long Covid

Gesundheitliche Beschwerden, die jenseits der akuten Krankheitsphase einer SARS-CoV-2- Infektion von vier Wochen fortbestehen oder neu auftreten, werden als Long Covid bezei-chnet. Als Post Covid werden Beschwerden bezeichnet, die nach mehr als drei Monaten nach Beginn der Infektion vorhanden sind und nicht anderweitig erklärt werden können. Somit ist Post Covid ein Teil von Long Covid.

In Rehakliniken wird Long Covid ganzheitlich behandelt.

Mehr über die Klinik: t1p.de/muehlenbergklinik