Die Augenöffner

 

Das Porsche Zentrum Würzburg liegt direkt an der A7, Abfahrt Estenfeld. In dem abgerundeten Bau mit Glasfront arbeiten knapp 40 Beschäftigte. Das große Autohaus hat Mitarbeiter am Empfang, im Verkauf und Kundendienst, in der Werkstatt und der Buchhaltung. Im Konferenzraum im ersten Stock packen heute Jasmin Möslein und Thomas Dietz ihre Laptops aus. Sie sind vom Prüfdienst der Deutschen Rentenversicherung Nordbayern. Die beiden kontrollieren, ob die Firma ihre Beiträge an die Sozialversicherungsträger wie Krankenkassen oder Berufsgenossenschaften in den vergangenen vier Jahren korrekt überwiesen haben. Denn schließlich sind Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland grundsätzlich sozialversicherungspflichtig. Für viele Unternehmen ist das eine aufregende Angelegenheit. „Spannung ist oft da“, sagt Jasmin Möslein, die seit 15 Jahren Betriebsprüfungen macht. Sechs bis acht Wochen vorher vereinbart sie telefonisch einen Termin. „Persönlicher Kontakt ist wichtig“, bemerkt sie. Ihr Kollege Thomas Dietz nickt.
Den beiden liegt nichts daran, Stress zu verursachen. „Es geht um Gerechtigkeit“, betont Dietz. Nur mit den Beiträgen bleibt der Sozialstaat leistungsfähig, nur mit korrekter Abgabe der Wettbewerb fair.

»Es geht um Gerechtigkeit und einen leistungsfähigen Sozialstaat.«

Thomas Dietz, 30, Betriebsprüfer seit 2018

Die Finanzbuchhalterin Heidi Sebastian-Klein hat beiden einen Laptop mit Lohnabrechnung und Buchhaltung des Unternehmens auf den Konferenztisch gestellt. Sie spricht kurz mit den Prüfern, macht ihnen Kaffee und verschwindet im Büro nebenan. Durch die Glaswand des Konferenzraumes fällt der Blick auf die polierten Panameras, Macans und 911er unten in der Verkaufshalle. Die Prüfer haben ihr den Rücken zugekehrt, vertieft in ihre Laptops. Auf diesen sind die Meldungen der Kassen und Beschäftigten gespeichert. „Wir vergleichen, ob die Angaben des Arbeitgebers mit denen der Krankenkassen- und Rentenversicherungsträger übereinstimmen“, erklärt Möslein, „und wir schauen, ob es Besonderheiten gibt.“ Hier zum Beispiel. „Da ist jemand geringfügig beschäftigt und verzichtet auf Rentenansprüche. Warum?“ Arbeitnehmer geprüfter Unternehmen sind daher oft dankbar, wenn ihnen die Rentenversicherung zu einer höheren Rente verhilft.

767.926 Betriebe wurden 2017 von der Deutschen Rentenversicherung ingesamt geprüft.

Prüfarten: 746.207 Standard / 17.521 Adhoc (Insolvenz/ Betriebsstilllegung) / 4.198 Anlassprüfungen (Schwarzarbeit/ illegale Beschäftigung)

Buchhalterin Heidi Sebastian-Klein (Mitte) zeigt den Prüfern Jasmin Möslein und Thomas Dietz die Unterlagen zur Sozialversicherungspflicht

Die Digitalisierung ist ein Segen

In solchen Fällen wird Heidi Sebastian-Klein gebraucht. Sie holt Ordner und Personalakten mit Nachweisen von Minijobverhältnissen oder privater Krankenversicherung, die Freistellungen von der Sozialversicherungspflicht erklären können. Unaufgeregt beantwortet sie Fragen. Seit 1963 arbeitet sie in Finanzbuchhaltung und Personalwesen. Die 72-Jährige hat mehr als ein Dutzend Betriebsprüfungen hinter sich. „Ich bin ganz locker“, sagt sie lachend. „Ich habe nie etwas Negatives erlebt.“ Bevor mit elektronischen Abrechnungsprogrammen gearbeitet wurde, seien Betriebsprüfungen viel aufwendiger gewesen: „Da lag der Tisch voller Papierkram.“ Auch Rechenfehler kamen häufig vor. Heute ist die Fehlerquote deutlich geringer. „Digitalisierung ist ein Segen“, findet die Frau, die sich noch an Lohnstreifen erinnert. Manche Arbeitgeber liefern die Unterlagen noch immer auf Papier. Aber auch die elektronische Lohnabrechnung birgt Herausforderungen, denn die Firmen nutzen die unterschiedlichsten Programme. „Wir müssen uns mit allen auskennen“, sagt Dietz. Der 30-jährige Beamte steigt gerade in den Prüfdienst ein. „Mir gefällt, wie eigenständig ich arbeiten kann“, bemerkt er. Ein Prüfer macht seine Termine selbst und prüft an die 350 Betriebe im Jahr. Bescheide über Nachzahlungen bis zu 25.000 Euro kann er allein ausstellen. Eigenständigkeit bedeutet auch Verantwortung und Flexibilität. Nur selten strecken Betriebsprüfer ihre Beine unter dem eigenen Schreibtisch aus.

»Ich habe viel Kontakt zu Menschen und verstehe mich vor allem als Helferin.«

Jasmin Möslein, 44, Betriebsprüferin seit 2003

Betriebsprüfungen vor Ort können sehr unterschiedlich verlaufen, eine Stunde dauern oder mehrere Tage. Über den Vormittag arbeiten sich Dietz und Möslein durch die Daten in den Laptops und blättern in Papieren. Sie gehen Arbeitszeitkonten durch, schauen sich an, wie Überstunden abgerechnet oder Urlaubsansprüche abgegolten wurden. Sie prüfen, ob Gefahrenklassen bei den Berufsgenossenschaften richtig eingeschätzt wurden, lassen sich Rechnungen, Immatrikulationsbescheinigungen für Werkstudenten oder Verträge zeigen. Jede Branche hat ihre Besonderheiten. „In Autohäusern dürfen Mitarbeiter im Verkauf auf einen Wagenpool zugreifen. Sie bekommen Provision“, erläutert Möslein. Dies ist sozialversicherungspflichtig und wird überprüft. Aber sie weiß auch: „In dem Bereich gibt es selten Beanstandungen.“ Doch nicht immer läuft es reibungslos. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 621 Millionen Euro Nachzahlungen fällig. Die Gründe sind vielfältig: Unwissenheit, Unachtsamkeit oder Betrug. „Fehler können passieren“, sagt Möslein. Relativ häufig sind sie bei der Künstlersozialabgabe. Wenn sich jemand seine Website kreieren lässt oder wenn zum Betriebs- oder Vereinsfest eine Band aufspielt, werden diese Abgaben an die Künstlersozialkasse fällig. „Das wissen viele nicht. Aber da klären wir auf“, sagt Möslein und lacht.

Ist alles in Ordnung, gehen auch die Prüfer zufrieden nach Hause.

Mindestlohn und Schwarzarbeit

Auch Scheinselbstständigkeit, Unterschreitung des Mindestlohnes und illegale Beschäftigung sind Themen im Prüfdienst der Deutschen Rentenversicherung. Schwarzarbeit finden Prüfer bei einer normalen Betriebsprüfung kaum. Aber sie prüfen, wenn der Zoll bei Razzien Hinweise darauf findet. Mitunter kann eine Betriebsprüfung auch ergeben, dass zu viel eingezahlt wurde. 2,1 Millionen Euro Erstattungen ermittelte der Prüfdienst Nordbayern im vergangenen Jahr. Die Nachzahlungen lagen mit 21 Millionen Euro zehnmal so hoch. Im Porsche Zentrum ist alles in bester Ordnung. Die Buchhalterin erfährt das sofort. Der schriftliche Bescheid kommt in zwei bis drei Wochen. Nach getaner Arbeit erklärt Jasmin Möslein, was sie an ihrem Beruf so schätzt. „Ich habe viel Kontakt zu Menschen und erfahre eine Menge über die verschiedenen Branchen.“ Schließlich ist sie nicht nur die strenge Prüferin, die nach Vergehen forscht. Häufiger als man denkt, bitten Unternehmen oder Steuerbüros auch unabhängig von den Prüfungen um ihre Einschätzung. Einfach, um mögliche Fehler zu vermeiden. So wundert es nicht, dass die Prüferin selbstbewusst von sich sagen kann: „Ich verstehe mich als Helferin.“

Info: Was macht ein Betriebsprüfer?

Die Deutsche Rentenversicherung prüft im Auftrag anderer Sozialversicherungsträger, ob Beitragszahlungen und die Sozialversicherungsmeldungen korrekt sind. Das sind Renten- und Krankenkassen, die Arbeitslosen- und Unfallversicherung oder die Künstlersozialkasse. Geprüft wird routinemäßig alle vier Jahre. Bei bestimmten Anlässen finden Prüfungen auch außer der Reihe statt.