Sie bringen Essen auf Rädern, putzen das Haus
oder testen Software: Plattformarbeiter hangeln
sich oft von Job zu Job.
Sie bringen Essen auf Rädern, putzen das Haus oder testen Software: Plattformarbeiter hangeln sich oft von Job zu Job.



Heute dieses, morgen jenes

Fahrradlieferantin aus Vogelperspektive


Markus Schmidt ist einer von ihnen. Er ist 34, hat 2018 seinen sicheren Arbeitsplatz aufgegeben und arbeitet seither als Softwaretester für verschiedene Online-Plattformen. Ist er ein moderner Tagelöhner? Oder ein Vorbild für die Segnungen der Digitalisierung? „Ich bezeichne mich am liebsten als Freelancer oder Solo-Selbstständiger“, sagt er selbst. Schließlich schätze er es, selbst entscheiden zu können, wann, wie und wo er arbeitet: „Die Unabhängigkeit und Freiheit, die ich heute habe, die möchte ich nicht mehr missen“, sagt Schmidt.

In der „Gig Economy“ (Seite 23) liefern Menschen Essen aus, fahren Kunden von A nach B, bieten Coachings an, reparieren Waschmaschinen, verlegen Fliesen oder übersetzen Texte – gebucht meist über eine App, eine Website oder eine andere digitale Plattform. Verlässliche Zahlen über die Größe dieses digitalen Nomadentums in Deutschland gibt es derzeit keine. Schätzungen gehen von ein bis vier Prozent der Erwerbsbevölkerung aus, so die Studie Serfling (2019). Aber zwei Dinge sind klar: Plattformarbeiter wie Schmidt werden immer mehr. Und durch den Digitalisierungsschub wird ihre Zahl noch schneller steigen. Wer beispielsweise über die Essenslieferdienste Speisen ausliefert, wer über Plattformen Handwerksdienstleistungen anbietet oder wer über eine der unterschiedlichen Internet-Plattformen Produkte testet, Softwareprogramme entwickelt, Texte bearbeitet, Buchhaltungsoder Bürodienste abwickelt, der zählt dazu.
 

»Altersarmut wird für Plattformarbeiter zu einer echten Gefahr.«

Monika Queisser, Abteilung Sozialpolitik der OECD
 

Es sind in der Regel eher die jüngeren, überdurchschnittlich gebildeten Großstädter, die für diese Plattformen arbeiten, aber auch Handwerker. Die Befragten einer Studie der Bertelsmann Stiftung gaben an, dass die Aussicht auf mehr Kundenkontakte sowie mobileres und freieres Arbeiten die Hauptgründe sind, Plattformarbeiter zu werden. Die größten Nachteile aus Sicht der Befragten? Die ständige Erreichbarkeit, geringe Löhne und keine Rechte gegenüber Auftraggebern. Größtes Risiko dieser neuen Erwerbsform aus Sicht vieler Befragter: mangelnder Sozialschutz.
 

Altersarmut droht

Gemeinsam mit der Kölner Gesellschaft für Sozialen Fortschritt hat die Rentenversicherung deshalb ein Videoportal zur Gig Economy aufgesetzt. Dort stellen sich Experten und Betroffene die Frage, wie wir unser Sozialsystem auf ein weiteres Wachstum der Plattformökonomie vorbereiten. Denn die meisten dort Tätigen haben keine stabile Absicherung für Krankheit, Arbeitslosigkeit oder die Rente. Versorgungslücken seien vor allem für geringfügig Beschäftigte und Teilzeitkräfte zu erwarten, und dies wiederum seien überwiegend Frauen, warnt Monika Queisser, Leiterin der Abteilung Sozialpolitik bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf dem Portal. „Auf lange Sicht ist die Altersarmut für solche Gruppen eine echte Gefahr. Die Corona-Krise hat diese Gefahr noch deutlicher hervorgehoben“, sagt Queisser. Deutschland könne da von anderen Ländern lernen, etwa von der Arbeitslosenversicherung für Selbstständige, wie es sie in Schweden gebe.

Mit Plattformarbeit im internationalen Rahmen kennt sich Christoph Freudenberg gut aus, er arbeitet im Geschäftsbereich Forschung und Entwicklung der Deutschen Rentenversicherung Bund. „Die bestehenden rechtlichen Abdeckungslücken müssen geschlossen werden“, betont er. Auch der Datenaustausch mit den Plattformen müsse möglich werden. Nun sei die Politik gefragt, die richtigen Weichen für den Sozialschutz zu stellen. Entscheidend werde dabei sein, dass Einkommensdaten von Gig-Workern künftig von den Plattformen gemeldet und grenzüberschreitend ausgtauscht werden, so Freudenberg.
 

Gesetzgeber gefragt

Einer, der die Perspektive der Plattformbetreiber vertritt, ist Benedikt Franke, Mitgründer der Plattform Helpling, die vor allem Reinigungskräfte vermittelt. Man müsse die Stellung der Selbstständigen überdenken, was etwa die Sozialabgaben und die Grenze angeht, ab der Umsatzsteuer zu zahlen ist. Hier sieht er den Gesetzgeber in der Pflicht.

Bei den Betroffenen selbst gehen die Meinungen auseinander. Irina Kretschmer bietet als freie Autorin Texte über Plattformen an. Sie ist über die Künstlersozialkasse abgesichert. Das sei „ein Modell, das es auch für andere Branchen nachzubauen gilt, so kann ein Crowdworker mit geringen Beiträgen gute Absicherung erhalten.“ Genau in diese Richtung gehen auch die jüngsten Vorschläge von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, die derzeit diskutiert und abgestimmt werden.

Graue Masse? Plattformarbeiter sehen sich längst nicht alle so negativ, wie sie in dieser künstlerischen Protestaktion vorgestellt werden.

Softwaretester Schmidt hingegen will die Alters-, Arbeitslosen- und Krankenvorsorge in eigener Hand und Verantwortung belassen. Dafür sei er ja schließlich Selbstständiger geworden. Aber eine von der Regierung verordnete Pflicht zur Vorsorge, damit könnte auch er leben.
 

Was ist die sogenannte „Gig Economy“?

Die Gig-Wirtschaft ist ein recht neuer Teil des Arbeitsmarktes, bei dem Arbeitsaufträge („Gigs“) über digitale Plattformen vermittelt und meist in Form einer selbstständigen Tätigkeit durchgeführt werden. Dies ist eine Herausforderung für den Sozialschutz. Die Deutsche Rentenversicherung Bund und die Gesellschaft für Sozialen Fortschritt widmen sich dem Thema daher mit einem Videoportal, auf dem Experten, Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu Wort kommen.

Mehr Infos unter: t1p.de/gig-economy