Alter weißer Müll


Manchmal fühle ich mich diskriminiert, auch beruflich. Ich weiß, ich darf das gar nicht sagen als alter weißer Mann, aber: Neulich erklärte mir eine junge Frau, dass ich für jene Podiumsdiskussion, die ich seit Jahren leite, ab sofort nicht mehr zu gebrauchen sei: „Sie sind nicht divers genug.“ Okay, zugegeben, ich bin jetzt nicht LGBTQ+, aber immerhin Westfale, fahre keinen SUV und habe damals als Protestantenkind im katholischen Münster brutale Ausgrenzungserfahrungen gemacht: Immer musste ich nach hinten, wenn wir uns für die Pause in Zweierreihe aufstellten, neben das Mädchen aus der einzigen Scheidungsfamilie der Stadt. Nächster Halt Fegefeuer.

Ich verliere also einen Job, weil ich einem bestimmten Geschlecht angehöre, das falsche Alter und eine helle Hautfarbe habe. Sind derlei Gruppenmerkmale nicht Kennzeichen von Diskriminierung? Alle Welt preist zu Recht die Inklusion, nur ich muss draußen bleiben, weil im Weißen Haus oder anderen Schlachthöfen ein paar verhaltensauffällige Senioren rumoren. Ich büße für Kolonialisten, Nazis, Frauenunterdrücker. Vielen Dank.
 

Restlaufzeit mit Redeverbot

„Alte weiße Männer…“, stöhnte mein Heranwachsender neulich beim Abendbrot, als es mal wieder um Trump oder Joe Biden ging. Mein Räuspern blieb ohne Resonanz, so wie damals Muttis Augenrollen, wenn der Patriarch dozierte. Politik, Vorstände, Redaktionen, Kirche – überall habe der alte weiße Mann die Übermacht, verriet mir die Chefin, und trage außerdem die Schuld an Klimawandel, Kapitalismus und Rassismus. Sagt Greta auch. Na dann. Die Privilegien sähen alle, nur die nicht, die Privilegien genössen, finden meine Söhne. Ich überlege, was meine Privilegien sind: Dass ich Jobs verliere? Dass ich die Familie bekoche? Dass ich mich in gewaltfreier Kommunikation übe, verdammt noch mal? Hilft nicht. Eine Bekannte meines großen Sohnes erklärte mir neulich mit aktivistischer Strenge, dass ich mich zu Themen wie Gender oder Rassismus nicht äußern dürfe, weil ich auf keinem dieser Gebiete Diskriminierungserfahrungen gemacht hätte. Nur Diskriminierte dürften reden, nur sie wüssten, worum es geht. Streng genommen dürfte ich insofern nie wieder über Fußball reden, weil: Ich kann keinen geraden Ball treten.

Was bedeutet das also für meine Restlaufzeit? Habe ich meinen Lebensredeanteil aufgebraucht, meine Privilegien auch, und setze mich die kommenden 20 Jahre in die stille Ecke? Ich hätte einen Kompromissvorschlag, Kinder: Vielleicht achten wir zunächst mal darauf, was jemand sagt, und dann erst, wer. Man kann doch über alles reden. Manchmal sogar mit alten, weißen Männern. •
 

Dr. Hajo Schumacher, 56, ist Journalist und
Buchautor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. In seinem neuen Buch „Kein Netz“ sucht er das gute Leben in digitalen Zeiten. (Eichborn, 2020). Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.