Jan Meyer hat mit Luisa Wöllisch sieben Theaterproduktionen auf die Bühne gebracht.
Jan Meyer hat mit Luisa Wöllisch sieben Theaterproduktionen auf die Bühne gebracht.



„Jeder hat das Recht, auch mal ein Arschloch zu sein”


»Wenn mich jemand komisch anguckt, dann privat, nicht im Theater.«

Luisa Wöllisch, Schauspielerin
 

Auf einer Skala von 1 bis 10 - wie weit ist Inklusion im Theater?

Jan Meyer: Höchstens bei einer zwei. Wenn Theater eine Gesellschaft richtig abbilden würden, müssten zehn Prozent der Schauspieler eine Behinderung haben. Das ist bei Weitem nicht der Fall. In den meisten Theatern herrschen noch immer alte weiße Männer. Da ist es oft noch etwas Besonderes, wenn eine Frau Regie führt. Grundsätzlich ist es Theaterleuten aber meistens egal, ob jemand exzentrisch ist oder eine Behinderung hat. 

Luisa Wöllisch: Am Theater und im Film habe ich immer mit netten Leuten zusammengearbeitet. Wenn mich jemand komisch angeguckt hat, dann privat. Doch seit ich die Goldfische gedreht habe, schauen mich die Menschen sowieso ganz anders an.

Wie schauen die Leute Sie denn heute an?

Wöllisch: Die Leute erkennen mich und sprechen mich an – zum Beispiel beim Skifahren oder in der Sauna. Das war ein bisschen unangenehm. Aber eigentlich finde ich es schön, wenn die Leute sehen, wie weit ich gekommen bin. Dann denke ich mir: Alle, die mich in der Vergangenheit negativ behandelt haben, sollten mal zu einer meiner Aufführungen gehen und sehen, was aus mir geworden ist. 

Wer hat Sie denn schlecht behandelt? 

Wöllisch: In der Schule haben mich die Lehrer einfach mit den Schülern zusammengesteckt, die auch Down-Syndrom hatten. Wir waren eine Art Sondergruppe. Sie haben mich nie gefragt, was ich möchte. Beim Wandertag hieß es sofort, dass ich mit dem Bus fahren soll. Dabei bin ich mit meinen Eltern immer viel gelaufen. Später durfte ich keinen richtigen Abschluss schreiben, weil die Lehrer mir das nicht zutrauten. Als ich nach der Schule in einer Cafeteria gearbeitet habe, war das ähnlich. Ich habe den ganzen Tag nur dreckiges Geschirr eingesammelt, aber ich durfte nie an der Kasse arbeiten. Erst am Theater wurde ich ernst genommen. 


Wie hat Sie das verändert? 

Wöllisch: Ich habe gelernt, nein zu sagen – zum Beispiel, wenn mir in der Maske meine Schminke oder Frisur nicht gefällt.

Meyer: Luisa ist selbstbewusster geworden. Das geht nicht nur ihr so. Die meisten kommen schüchtern hier an, weil sie vorher bloß hörten, was sie nicht können. Nach der ersten Vorstellung können die Eltern oft nicht glauben, dass das auf der Bühne da ihr Kind ist. Es kam schon oft vor, dass unsere Praktikanten, die sonst in einer Behindertenwerkstatt arbeiten, nicht mehr dorthin zurückwollten. 

Woran liegt das? 

Meyer: In den Werkstätten ist die Bezahlung oft schlecht, obwohl meist große Konzerne dahinterstecken, die es sich leisten könnten, die Mitarbeiter besser zu bezahlen. Gleichzeitig müssen die Mitarbeiter Fließbandarbeit machen und niemand fragt sie, was sie eigentlich tun wollen. Bei uns läuft das anders. Hier soll Lernen Spaß machen. Ich nehme die Kritik der Schauspieler immer ernst. Allerdings ist die Behinderung keine Ausrede, wenn gerade jemand gerade keine Lust hat. Genauso wie an anderen Schauspielschulen müssen die Absolventen auch bei uns Theorien von Brecht und Stanislawski lernen. 

Wöllisch: Da bin ich manchmal eingeschlafen. (lacht)

Hätten Sie sich vorstellen können, in einer Werkstatt zu arbeiten, Frau Wöllisch?

Wöllisch: Meine Eltern waren da total dagegen. Die könnten es nicht ertragen, wenn ich den ganzen Tag in einer Werkstatt Münzen zählen müsste. Die haben immer gesagt, dass ich mehr kann.


Wie sind Sie zur Schauspielerei gekommen?

Wöllisch: Es war schon seit meiner Kindheit mein Traum, Schauspielerin zu werden. Mit meinem Bruder und mit meinem Opa habe ich immer viel gespielt. Dann habe ich den Castingaufruf der Freien Bühne München gesehen. Ich habe ich einen Song von Helene Fischer gesungen, musste vorspielen und vortanzen.. Natürlich bin ich auch während der Ausbildung manchmal verzweifelt, wenn ich manche Übungen immer wieder machen musste. Aber ich bin drangeblieben und deshalb habe ich es geschafft. Der Regisseur von „Goldfische“ meinte hinterher zu mir, dass ohne mich der Film nicht gut geworden wäre. Das war das schönste Kompliment.  

Wie schwierig ist es für Sie, Rollen zu bekommen?

Wöllisch: Seit den Goldfischen habe eine Agentur und bekomme richtig viele Anfragen. Ich war bei Markus Lanz in der Show und auf dem Bayerischen Filmpreis. Vor mir saß Elyas M’Barek und hinter mir Udo Lindenberg. Das war so cool. Dieses Jahr habe ich außerdem in Karlsruhe am Theater gespielt, ab der nächsten Spielzeit bin ich an den Münchner Kammerspielen und bald kommen die Goldfische in Dresden ans Theater und da bin ich auch dabei.
 

In der Komödie „Die Goldfische“ landet der Banker Oliver (Tom Schilling, Mitte) nach einem Unfall in der Behinderten-WG von Franzi (Luisa Wöllisch, zweite von rechts).

Was macht mehr Spaß: Theater oder Film? 

Wöllisch: Das kann ich gar nicht sagen. Am Theater finde ich schöner, dass ich da auch schwierige Rollen wie die Ophélia und die Lulu spielen darf. Im Film hatte den die Figuren immer auch Down-Syndrom und es ging um die typischen Themen. Das erste Mal verliebt sein und die Eltern sind dagegen zum Beispiel. Dabei kann ich mich damit gar nicht so richtig identifizieren. Es ist es doch klar, dass sich jeder mal verliebt. 

Würden Sie einen Menschen mit Trisomie jede Rolle spielen lassen, Herr Mayer?

Meyer: Ja – Inklusion ist für mich erst dann erreicht, wenn Luisa im Fernsehen auch mal die junge Kommissarin spielen dürfte und nicht nur die kleine, süße Schwester mit Down-Syndrom. Für mich ist die einzige Grenze, wenn der Schauspieler die Rolle nicht spielen will. An unserem Theater thematisieren wir jedoch in den Stücken die Behinderung grundsätzlich nicht. Die Leute werden eh jeden Tag daran erinnert, was sie alles angeblich nicht können. Das schönste Kompliment ist, wenn die Zuschauer nach der Vorstellung sagen, dass sie nach ein paar Minuten vergessen haben, dass der Schauspieler eine Behinderung hatte. Meistens passiert das dann, wenn die Schauspieler mit Klischees aufräumen. 


Welche Klischees meinen Sie?

Meyer: Zum Beispiel, dass Menschen mit Down-Syndrom immer nett sind. Die letzte Figur, die Luisa gespielt hat, hatte einen richtig miesen Charakter. Aber jeder hat das Recht, auch mal ein Arschloch zu sein oder einfach mal nicht so gut drauf zu sein. Menschen mit einer Trisomie sind nicht nur die süßen Downies. Bei einer Übung habe ich von den Schauspielern mal verlangt, dass sie alles machen sollen, was sie sonst nicht dürfen. Dann haben sie sich plötzlich geprügelt und Kraftausdrücke benutzt. Da fing es für mich an, spannend zu werden.

Wöllisch: So wie jeder mache ich manchmal echt blöde Sachen. Zum Beispiel habe ich einmal eine Kollegin aus der Cafeteria, wo ich früher gearbeitet habe, ins Kühlhaus eingesperrt, als wir Streit hatten. Hinterher tat mir das natürlich leid. Und auch mit Jan habe ich am Anfang viel gestritten. Aber ich bin eben auch bloß ein ganz normaler Mensch.

Warum gibt es trotzdem so wenig bekannte Schauspieler mit einer Behinderung? 

Meyer: Lange haben sich Theater und Schauspielschulen dafür gegenseitig die Schuld zugeschoben. Die Theater sagen: Es gibt keine guten Schauspieler mit einer Behinderung, weil die Schauspielschulen sie nicht ausbilden. Und die wiederum sagen: Wir bilden sie nicht aus, weil es für sie keine Jobs gibt. Deshalb haben wir beschlossen, dass wir das selbst übernehmen müssen. Ein anderer Grund ist: Rampen bauen und Gebärdendolmetscher zu beschäftigen ist teuer. 

Wöllisch: Meine Großmutter konnte nicht einmal zu meiner Kinopremiere von den Goldfischen kommen, weil sie mit ihrem Rollstuhl nicht reinkam. Das tat mir so leid. 

Was muss passieren, dass sich da etwas ändert?

Meyer: Wir müssen akzeptieren, dass es kein “normal” gibt. Inklusion heißt nicht, dass wir jetzt mal die Behinderten auch reinlassen. Jeder hat etwas, das ihn zurückhält. Niemandem wird etwas weggenommen, wenn wir Rampen bauen und den Zugang für alle so einfach wie möglich machen.   

Wöllisch: Wir können alle voneinander lernen. Für meine Eltern war es zum Beispiel auch Neuland, als plötzlich ein Kamerateam von Stern TV bei uns zu Hause war. Ich kannte das schon. Wenn wir offener sind, können wir uns gegenseitig helfen.
 

...Die Mimin und ihr Förderer

Luisa Wöllisch, 24, spielte schon als Kind im Krippenspiel mit. Mit 18 entdeckte sie Jan Meyer fürs Theater. Ihre erste Hauptrolle im Film spielte sie in „Die Goldfische“ (2019).

Jan Meyer, 31, ist Regisseur und Künstlerischer Leiter des Inklusionstheaters Freie Bühne München.