Eine älterer Mann mit Glatze sitzt an einem Tisch und führt ein Gespräch.



Interview: Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber zum Umbau der Städte

 

Was Wissenschaftlern nicht gelungen ist, hat ein junges Mädchen geschafft: die Regierenden zu konkreten Maßnahmen für mehr Klimaschutz zu bewegen. Wie erklären Sie sich das?
Es war einfach eine berührende, ja fast märchenhafte Geschichte: Ein junges Mädchen mit Zöpfen setzt sich vor das Stockholmer Parlament und protestiert, nur mit einem Pappschild in der Hand, für mehr Klimaschutz. Mit ihrer Mischung aus kindlicher Naivität, leidenschaftlicher Hingabe und wissenschaftlicher Sachkenntnis hat Greta Thunberg nicht nur mich, sondern viele Menschen weltweit verblüfft und verzaubert.

Das war 2018. Anschließend formierte sich die „Fridays for Future“-Bewegung. Warum ist die Welt so spät aufgewacht?
Wenn ich das wüsste… Es war wohl eine Mischung aus Trägheit und Borniertheit. Frei nach Bertolt Brecht: Eine Dummheit wird unsichtbar, wenn sie eine gewisse Größe erreicht hat.

Wären wir heute weiter im Klimaschutz, wenn die Jugendlichen ihren Protest früher auf die Straße getragen hätten?
Gut möglich, das ist aber Spekulation. 2018 trafen mehrere Faktoren zusammen, die die Dinge ins Rollen brachten. Damals erfasste eine Hitzewelle weite Teile Europas. Die Natur und die Landwirtschaft litten unter einer katastrophalen Dürre. In Schweden gab es schwere Waldbrände, so auch in Deutschland, insbesondere in Brandenburg. Über diese Umweltzerstörung war Thunberg so empört, dass sie aus Protest die Schule schwänzte und in einen Klimastreik trat.

Unser Lebensstil ist mitursächlich für die Klimaerwärmung. Wie können die Menschen in den reichen Ländern dazu bewegt werden, auf ihre Privilegien zu verzichten?
Niemand will sich einschränken, „nur“ um die Welt zu retten. Da mache ich mir keine Illusionen mehr. Deshalb halte ich wenig von der Forderung nach einer Abkehr von der sozialen Marktwirtschaft. Scheinkommunistische Staaten sind oder waren nicht umweltfreundlicher, im Gegenteil! Schauen Sie sich nur die frühere DDR oder das heutige China an. Ohne disruptive technische Lösungen wie E-Autos oder grünen Wasserstoff für die Stahlindustrie ist ein wirkungsvoller Klimaschutz letztlich nicht umsetzbar. Die Frage ist nur, ob grüner Strom aus Windkraft oder Photovoltaik in genügend großer Menge produziert werden kann, um die steigende Nachfrage zu befriedigen.

 

CO2-Emissionen im Vergleich

»Wir brauchen einen naturnahen Umbau der Städte mit weniger Stahlbeton.«

Hans Joachim Schellnhuber, Mitglied des Weltklimarats

 

In Deutschland nimmt die Gefahr durch Hitzewellen zu. Wie können ältere und kranke Menschen besser davor geschützt werden?
Kurzfristig könnte man öffentliche Gebäude und Verkehrsmittel, Altenheime und Seniorenwohnungen mit konventionellen Klimaanlagen ausstatten. Das Problem: Diese Anlagen sind selbst schlecht fürs Klima, weil sie enorme Mengen an Energie benötigen. Langfristig braucht es einen nachhaltigen Umbau der Städte, das heißt weniger Stahlbeton, Metall oder Glas, dafür mehr Naturbaustoffe wie Holz, Lehmziegel und Kalkstein. Solche Baustoffe sind nicht nur klimaneutral – oder sogar klimapositiv – in der Herstellung, sondern sorgen für ein behagliches und im Sommer kühlendes Raumklima. Zusätzlich braucht es deutlich mehr Grünflächen,auch auf den Dächern und an Fassaden. Pflanzen können die Sonnenenergie teilweise reflektieren und sorgen durch die Wasserverdunstung für Kühlung. Ein Quadratmeter begrünte Dachfläche genügt, um pro Tag zwei Liter Wasser zu verdunsten.

Der Klimawandel wirkt sich auf alle Bereiche aus. Welche Risiken sehen Sie für Kapitalanleger?
Die größten Risiken für Anleger sehe ich bei Industriezweigen, die von fossilen Rohstoffen abhängig sind, zum Beispiel die Stromerzeugung aus Kohle. Steigen die CO2-Preise und damit die Produktionskosten, wird dieses Geschäftsmodell unrentabel. Immobilien in küstennahen Regionen könnten an Wert verlieren, weil der steigende Meeresspiegel tendenziell das Überschwemmungsrisiko erhöht. Durch die Zunahme von Extremwetterereignissen, wie zum Beispiel Starkregen, und den daraus resultierenden Flutkatastrophen wie im Juli 2021 sind die Risiken von Elementarschäden in gewissen Regionen Deutschlands quasi unkalkulierbar geworden.

Wäre es nicht erfolgversprechender, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen, statt die Erderwärmung zu bekämpfen?
Wenn wir es nicht schaffen, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, werden weite Teile der Erde unbewohnbar werden, weil sie entweder überflutet oder die Temperaturen mörderisch hoch sind. Die Wirkung von Maßnahmen zur Klimafolgenanpassung wie zum Beispiel höhere Deiche, die Entwicklung und Anpflanzung hitzeresistenter Kulturpflanzen oder bessere Wasseraufbereitungssysteme ist begrenzt. Millionen von Menschen würden zu Klimaflüchtlingen werden – mit drastischen Folgen auch für uns hier in Europa.

 

Ewiger Mahner

Prof. Hans Joachim Schellnhuber (71) zählt zu den weltweit renommiertesten Klimaforschern. Bis 2018 war er Direktor des von ihm gegründeten PotsdamInstituts für Klimafolgenforschung. Er ist langjähriges Mitglied des Weltklimarats und war Klimaberater der Bundesregierung. Mit seiner Forschungsarbeit zu den sogenannten Kipppunkten hat er viel zum besseren Verständnis der globalen Klimaerwärmung beigetragen.