Mit Herz und Hand

 

Friedhelm Wiels packt an. So, wie er es gewohnt ist. Stein um Stein schichtet der Straßenbauer präzise aneinander. Dann lächelt er und stemmt die Arme prustend in die Hüften. „Ganz schön anstrengend!“ Sein Beruf gefällt ihm, versichert der 56-Jährige: das „Draußensein“, die Zusammenarbeit mit den Kollegen. Doch da seien auch Schattenseiten: Arbeitsverdichtung, Zeitdruck, viel Verantwortung. Die Planung auf der Baustelle sei eng, die Personaldecke ebenso. Entlastung versprechen die kurzen Zigarettenpausen, in denen sich der Druck für einen Moment zu verflüchtigen scheint. Nicht so an jenem Tag vor sechs Monaten. Dem Tag, als ihm plötzlich schwindelig wurde und er das Rohr von seinen Schultern nehmen musste, um sich hinzusetzen. Doch die Beschwerden wurden nicht besser. Wiels ließ sich zu seinem Hausarzt bringen. Das EKG: alarmierend. Mit dem Notarztwagen ging es in die Klinik. Intensivstation. Erst nach einigen Tagen konnten ihm die Ärzte eine klare Diagnose geben. Arterien hatten sich durch Ablagerungen verengt. Eine Arteriosklerose, die in kurzer Zeit zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen kann. Zwei Operationen folgten. Implantate, sogenannte „Stents“, wurden eingesetzt.
Es dauerte einige Zeit, bis sich Wiels auf die neue Situation einstellen konnte. Dass Herzerkrankungen in seiner Familie häufiger vorkamen, wusste der dreifache Familienvater. Aber war ihm auch klar, dass er selbst etwas tun müsste, um der Genetik ein Schnippchen zu schlagen? Vor allem die Frage nach seiner beruflichen Zukunft trieb ihn um. Wann würde er wieder arbeiten können? Einen wichtigen Schritt dafür tat er sofort: Mit Beginn der Beschwerden hörte er auf zu rauchen. Zunächst gezwungenermaßen, dann aus Überzeugung.

Hier lernen Fliesenleger, Maler oder Maurer, sich gesünder zu bewegen.

Trainingsplätze für den Job

Wiels informierte sich über passende Reha-Möglichkeiten. Auch durch den Hinweis eines Kollegen wurde er im Osnabrücker Land fündig. Dort haben im südlichen Niedersachsen drei Kliniken ein gemeinsames Projekt auf den Weg gebracht: das Kompetenzzentrum für Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR) in Bad Rothenfelde. Die 2014 in einer ehemaligen Sporthalle eröffnete Einrichtung gilt als die größte und modernste ihrer Art bundesweit. Sie bietet für über 60 Berufsgruppen Musterarbeitsplätze, um berufliche Anforderungen zu trainieren. Unterstützt wird sie dabei von der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover und der Deutschen Rentenversicherung Westfalen. Ob Maler, Dachdecker, Mechaniker oder Pflegekraft, sie alle finden in der Halle realistische Trainingsmöglichkeiten vor. „Als ich davon erfuhr, wollte ich genau dahin“, berichtet Wiels.
In einer der beteiligten Kliniken, der Klinik Teutoburger Wald, fand er einen RehaPlatz. Der Gebäudekomplex am nördlichen Rand Bad Rothenfeldes schmiegt sich an einen bewaldeten Hang. Die ruhige Lage hilft, den Kopf frei zu bekommen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Zu wissen, wo man steht, welche Arbeitsbelastungen zulässig sind und welche nicht  – Wiels will es herausfinden. Das nahe Kompetenzzentrum MBOR hilft ihm dabei.
Bei seinem Termin am Vormittag arbeiten nur wenige Personen in der 2.000 Quadratmeter großen Halle. Die Belegzeiten werden vorher fest geplant. Nebenan, in einem der angegliederten Seminarräume, übt eine Gruppe Tai-Chi.
Sechs Therapeuten arbeiten in dem Kompetenzzentrum. Sie alle haben eine Zusatzausbildung als Arbeitstherapeut absolviert. Für Wiels steht eine Erprobung auf dem Programm. Über die typischen Bewegungsabläufe und Handgriffe seines Berufs hat er vorher berichtet. Vor allem über jene Tätigkeiten, die ihm besonders schwerfallen. Wie im echten Berufsleben wird ihm ein Arbeitsauftrag erteilt. Wiels führt ihn aus und bespricht sich dabei mit dem Therapeuten. Dieser gibt ihm Hilfestellung und benennt Bewegungsalternativen. Die Arbeit ohne jeden Druck reflektieren zu können, darum geht es.
„Herzerkrankungen verunsichern. Es gilt, den Patienten so weit fit zu machen, dass er wieder Selbstbewusstsein für die Arbeit hat“, resümiert Detlef Cordsen, Leiter des Bereichs Bewegungstherapie in der Klinik Teutoburger Wald. Was es bedeutet, sich beruflich orientieren zu müssen, weiß Cordsen aus eigener Erfahrung. Erst nach mehreren Jobstationen entschied sich der passionierte Musiker mit 32 Jahren für die Physiotherapie. Darin habe er seine Berufung gefunden.

Wiels strampelt auf dem Ergometer, später
bewertet er die Anstrengung und wertet alles mit Therapeut Detlef Cordsen aus.

Intensiver Austausch

Zum intensiven Kontakt mit den Patienten gehört für Cordsen auch die Beschäftigung mit deren Biografie. Schließlich sollen einige eingeschliffene Gewohnheiten geändert werden, um der Gesundheit auf die Sprünge zu helfen. So zählt Ernährungs- und Einkaufsberatung ebenso zum Reha-Programm wie das Kochen in der Lehrküche. Nicht immer ist die Wiedereingliederung in den alten Beruf möglich. Vor allem junge Patienten probieren sich deshalb im Kompetenzzentrum in neuen Berufsfeldern aus.
„Wenn bestimmte Bewegungen nicht ausgeführt werden können, schließen wir passende Maßnahmen an, wie ein spezielles Kraftausdauertraining oder Einzelgymnastik. Wir versuchen passgenaue Lösungen für jeden Patienten zu finden“, versichert Cordsen. Das Kompetenzzentrum MBOR fügt sich so als wichtiger Baustein in die RehaMaßnahmen ein. Für eine erfolgreiche Rehabilitation bringe Fiedhelm Wiels ausgezeichnete Voraussetzungen mit, da ist sich sein Therapeut sicher.
Wiels lächelt verschmitzt, als er das hört. Sportlich aktiv sei er immer schon gewesen, erzählt er. Zwar habe er das Fußballspielen wegen seiner Kniebeschwerden einschränken müssen, fahre dafür aber regelmäßig mit dem Rad oder gehe schwimmen. Für ihn selbst zähle vor allem die richtige Einstellung. In den Reha-Pausen könne er zwar mit dem Bus ins Ortszentrum fahren, aber er laufe lieber. „Das ist gesünder“, sagt er und strahlt dabei eine tiefe Gelassenheit aus. Gesünder leben als Selbstverständlichkeit: Anpacken, die Herausforderung annehmen, aktiv werden – für Wiels sind das keine leeren Worte: „Der Aufenthalt hier hat mir schon jetzt sehr geholfen und genau die Bereiche abgedeckt, die mir wichtig sind. Bald kann ich wieder richtig zupacken.“

 

Info: Was ist ... MBOR?

Die Medizinischberuflich orientierte Rehabilitation (MBOR) ist ein Angebot, das allen Versicherten der Deutschen Rentenversicherung offensteht. Sie richtet sich vor allem an Patienten mit besonderen beruflichen Problemlagen, etwa nach längeren Erkrankungsphasen. Die Maßnahmen können bei Bedarf mit beruflichen Weiterbildungsangeboten und einem betrieblichen Wiedereingliederungsmanagement verknüpft werden.

Mehr zum Anforderungsprofil zur Durchführung einer MBOR finden Sie online unter:
kurzlink.de/mbor.