Mehr Rente ist machbar

Ein Neubau im Berliner Norden, vierter Stock mit Aufzug. Das Wohnzimmer ist zur Küche hin offen, bodentiefe Fenster vor dem Balkon spenden viel Licht. Sofaelemente formen eher eine Liege- als eine Sitzlandschaft. Einen Fernseher gibt es nicht, dafür liefert die Playlist im aufgeklappten Laptop entspannte Musik. Auch Bettina Wiebusch, die mit Tee und Gebäck am Küchentisch sitzt, wirkt ziemlich „relaxed“.

Und das, obwohl es um ein Thema geht, mit dem sich viele nur ungern auseinandersetzen: das Altern und die finanzielle Versorgung im Ruhestand. Frauen erhalten aktuell durchschnittlich noch immer rund 33 Prozent weniger gesetzliche Rente als Männer. Ohne die Hinterbliebenenrente – die Witwenrente – liegt der Unterschied sogar bei 35 Prozent.

Die Ursachen sind vielfältig: Frauen sind durch Kindererziehungszeiten oft lange raus aus dem Job. Sie arbeiten häufiger in Teilzeit als Männer oder sind geringfügig beschäftigt. Frauen wählen oft Berufe mit vergleichsweise geringem Verdienst. Sie fordern weniger, wenn es ums Gehalt geht, und bewerben sich seltener auf Führungspositionen. Folge all dessen ist eine Rentendifferenz von 432 Euro pro Monat. Aktuell bekommen Frauen deutschlandweit im Durschnitt netto 863 Euro gesetzliche Altersrente, Männer 1.295 Euro. Betrachtet man Ost und West getrennt, ist diese Lücke in den neuen Bundesländern deutlich kleiner als in den alten.

Bis zu einem Alter von etwa 35 Jahren gibt es keinen großen Unterschied zwischen den Rentenansprüchen von Frauen und Männern. Erst danach öffnet sich die Schere – und in der Generation 50plus ist die Differenz dann deutlich sichtbar. Doch die gute Nachricht: Frau kann auch in diesem Alter noch eine Menge dafür tun, um später mehr Rente zu bekommen.

Bettina Wiebusch

Büroangestellte,
geschieden, ein Kind


Gesetzliche Rente* 1.612,75 Euro brutto
(davon für die Kindererziehung: 112,75 Euro)

+ Betriebsrente: 142,00 Euro brutto
                        = 1.754,75 Euro brutto

* Nach der Prognose ihrer aktuellen Renteninformation, die von gleichbleibendem Einkommen und einem Renteneintrittsalter mit 67 Jahren ausgeht.

26 %

weniger gesetzliche Rente als Männer bekommen Frauen in der Europäischen Union im Durchschnitt. Malta schneidet am schlechtesten ab (41,8 Prozent) und Estland am besten (4,7 Prozent).

Quelle: Eurostat 2022

Imke Weitkamp hat spät angefangen, Vollzeit zu arbeiten.

Konsequent in Vollzeit arbeiten

So ist es auch bei Bettina Wiebusch aus dem Berliner Norden gewesen. Die Biografie der 55-Jährigen ähnelt der vieler ihrer Altersgenossinnen, insbesondere in Westdeutschland: Sie heiratete, bekam einen Sohn und ging für eineinhalb Jahre in Elternzeit. Danach arbeitete sie größtenteils in Teilzeit. Vor zwei Jahren ließen sie und ihr Mann sich scheiden, in Frieden und Freundschaft, wie sie betont. Normalerweise wird bei einer endgültigen Trennung ein Versorgungsausgleich vorgenommen: Die Rentenpunkte werden fair zwischen beiden Ehepartnern aufgeteilt. Wiebusch verzichtete jedoch darauf, weil sich das Paar in anderen Bereichen deutlich zu ihrem Vorteil geeinigt hatte.

Für Bettina Wiebusch ist die Scheidung der Zeitpunkt gewesen, an dem sie sich wirklich intensiv mit der Frage beschäftigte, wie viel Rente sie einmal bekommt. Die Renteninformation, die jeder Versicherte ab 27 Jahren einmal im Jahr erhält, ist dabei die wichtigste Grundlage. Dabei wurde ihr schlagartig klar, „dass ich für mehr Rente künftig vor allem konsequent in Vollzeit arbeiten sollte“. Allerdings hatte ihr bisheriger Arbeitgeber zu diesem Zeitpunkt keine Vollzeitstelle für sie frei. Bettina Wiebusch kündigte und suchte sich etwas anderes. Heute arbeitet sie Vollzeit als leitende Bürokraft an einem wissenschaftlichen Institut. Sie betreut Mitarbeiter aus aller Welt und organisiert Veranstaltungen. Ihr wichtigster Trumpf dabei sind ihre perfekten Englischkenntnisse.

Nach jetzigem Stand hat sie eine gesetzliche Rente von rund 1.612,75 Euro zu erwarten. Da dieser Wert nach dem Durchschnittseinkommen der letzten fünf Jahre berechnet wird, kann ihre spätere Rente tatsächlich höher ausfallen. Denn Wiebusch arbeitet erst seit zwei Jahren wieder ganztags. In ihrer hochgerechneten Rente enthalten sind drei Rentenpunkte für die Kindererziehungszeit: Nach dem derzeitigen Wert eines Rentenpunktes bekommt sie für ihren Sohn 112,75 Euro Rente pro Monat.

Damit würdigt der Gesetzgeber über die Deutsche Rentenversicherung die Erziehungsarbeit von Eltern – meist Müttern – und schafft einen Ausgleich fürs Zurückstecken im Job. Hinzu kommen bei Wiebusch noch 142 Euro im Monat aus betrieblicher Altersvorsorge. Alles in allem kann sie Stand heute mit 1.754,75 Euro im Alter rechnen, wobei die regelmäßigen Rentenanpassungen noch nicht mitgerechnet sind. „Damit kann ich später einmal gut auskommen.“

Sabine Lankau

IT-Fachkraft,
verheiratet, zwei Kinder


Gesetzliche Rente* 1.700,00 Euro brutto
(davon für die Kindererziehung: 225,50 Euro)

+ Mieteinnahmen aus einem selbst
renovierten Haus

* Nach der Prognose ihrer aktuellen Renteninformation, die von gleichbleibendem Einkommen und einem Renteneintrittsalter mit 67 Jahren ausgeht.

Info - Lücken

Gender Pay Gap nennt man den Verdienstabstand zwischen Männern und Frauen. Selbst wenn man Faktoren wie Teilzeit herausrechnet, verdienen Frauen sieben Prozent weniger als Männer.

Gender Pension Gap heißt die Altersvorsorgelücke zwischen den Geschlechtern. Die heutigen Rentnerinnen haben unter anderem oft in Teilzeit gearbeitet. Die Folge: weniger Rente.

Job mit besserem Gehalt

Raus aus der Halbtagsfalle – das wollte auch Sabine Lankau, die mit ihrem Mann ein Einfamilienhaus im Südosten Hamburgs bewohnt. Ein nur mäßig bezahlter Teilzeitjob ergibt nicht nur wenige Rentenpunkte, sondern „wirkt sich auch auf das Selbstbewusstsein aus“, ist ihre Erfahrung. „Ich habe mich lange nicht getraut, mir einen neuen Job zu suchen oder zumindest mehr Geld zu verlangen. Weil ich zwischendurch immer wieder dachte, vielleicht bin ich ja schlicht nicht mehr wert.“ Hinzu kam, dass Vollzeitarbeit in den 1990er-Jahren in den alten Bundesländern meist auch an der dafür notwendigen Kinderbetreuung scheiterte.

Sabine Lankau hatte Psychologie mit Schwerpunkt Organisation studiert und sich im Anschluss zur Programmiererin weiterqualifiziert. Ab 1991 arbeitete sie Vollzeit bei einem Großkonzern. Im Sommer 1994 bekam sie eine Tochter und ging in Elternzeit. 1996 folgte das zweite Kind, ein Sohn. Danach programmierte sie zunächst freiberuflich und trat zwei Jahre später eine feste Halbtagsstelle an.

Das bedeutete Stress mit zwei Kindern, obwohl diese jetzt für vier Stunden täglich in den Kindergarten gingen. Anstatt sie mittags abzuholen, wäre Lankau oft gerne noch nach zwölf Uhr im Büro geblieben; sie mochte ihre Arbeit. Ihr Mann hatte zu jener Zeit einen Alles-oder- nichts-Job und konnte sich nicht an der Kinderbetreuung beteiligen.

Als der Sohn 2001 in die Vorschule kam, wurde die Situation noch schwieriger, weil er dort nicht vier, sondern nur dreieinhalb Stunden bleiben konnte. „Das klappte nur mithilfe eines Au-pair-Mädchens“, erzählt Sabine Lankau. „Dafür ging ein Jahr lang mein gesamtes Gehalt drauf.“ 2013 – der Sohn war mittlerweile 17 – wechselte sie als Projektleiterin zu einem Verband, arbeitete Vollzeit und bekam deutlich mehr Geld als vorher.

Sabine Lankau: Für Vollzeit fehlte die Kinderbetreuung.

„Ich habe mich lange nicht getraut, mir einen neuen Job zu suchen oder zumindest mehr Geld zu verlangen.“

Sabine Lankau aus Hamburg

37,5 %

aller Frauen besitzen eine private Altersvorsorge. Bei den Männern sind es 47,5 Prozent.

Quelle: Institut für Generationenforschung 2023

Gesetzliche Rente sorgt für Stabilität

Wenn irgend möglich mehr verdienen und mehr Stunden arbeiten, das ist auch der Rat von Expertinnen wie Dani Parthum. Die Diplom-Ökonomin coacht Frauen in Sachen Geld und Altersvorsorge. Sie rät dabei insbesondere den über 50-Jährigen, für mehr Rente „auf Vollzeit zu gehen und ihr Gehalt zu verhandeln“. Die gesetzliche Rentenversicherung sei „ein sehr stabiles und verlässliches System und immer noch die beste Absicherung.“ 

Sabine Lankau sorgt auch privat für das Alter vor. Als sie eine Zeit lang für einen großen deutschen Konzern arbeitete, ließ sie die vermögenswirksamen Leistungen in Firmenanteile umwandeln. Bei ihrem Weggang dort war das Paket 100.000 Mark wert. Von dem Geld tilgte die Familie verbliebene Bankschulden auf dem selbst bewohnten Haus. Außerdem investierte Lankau einen Teil ihres Einkommens in die Renovierung einer Immobilie, die ihr Mann geerbt hatte – und profitiert dadurch langfristig von Mieteinnahmen.

Als gesetzliche Rente wird sie nach der Prognose der aktuellen Renteninformation circa 1.700 Euro erhalten. Von ihrem Riestervertrag möchte sie sich 30 Prozent auszahlen lassen, um das Geld in die gesetzliche Rentenversicherung einzubringen, sich also zusätzliche Rentenpunkte zu „kaufen“. Dies ist ab 35 Beitragsjahren möglich, um beispielsweise für Ausbildungszeiten nachzuzahlen oder Abschläge für einen früheren Rentenbeginn auszugleichen.

Weit weniger Probleme mit der Kinderbetreuung hatten und haben Frauen in den ostdeutschen Bundesländern. Eine typische Erwerbsbiografie ist die von Irene Gerlach. Sie kam 1950 im thüringischen Oberpörlitz zur Welt, ging ab 1967 in die Lehre als Facharbeiterin für Datenverarbeitung und machte in der Abendschule Abitur. Schon damals war sie gesetzlich rentenversichert. 1975 schloss sie in Dresden ihr Studium als Diplomingenieurin für Datenverarbeitung ab. 1976 und 1978 bekam sie jeweils einen Sohn. Beim ersten Kind blieb sie ein halbes Jahr zu Hause, beim zweiten anderthalb
Jahre.

Die umfassende Kinderbetreuung der DDR macht es ihr möglich, von 1980 bis zum Beginn der Altersteilzeit 2011 durchgängig Vollzeit zu arbeiten – abgesehen von zwei kurzen, in der DDR üblichen Teilzeitphasen zur Einschulung der Kinder. „Ich habe wirklich gerne in Vollzeit gearbeitet, weil ich einen interessanten Beruf hatte.“ Zuerst arbeitete sie als Programmiererin und Problemanalytikerin im Rechenzentrum eines Beton-Kombinats. Später wechselte sie in ein Werkzeugmaschinen-Unternehmen und schließlich zum Ende der 1980er-Jahre zu einem Stahlhochbaubetrieb.

Als dann die Wende kam, „hatten viele Freunde und Bekannte plötzlich keinen Job mehr“, erinnert sich Irene Gerlach. Ihr blieb dies erspart, sie übernahm 1990 die Betreuung der kaufmännischen IT ihres Arbeitgebers. Durchgängig Arbeit zu haben, und zwar dort, wo man lebt und leben will, das war in Ostdeutschland damals Luxus.

22,2

Jahre lang Rente beziehen Frauen im Durchschnitt (Männer 18,8 Jahre). 2017 betrug die Rentenbezugsdauer bei den Frauen noch rund 21,8 Jahre (Männer 17,9). In nur fünf Jahren hat sich damit die Bezugsdauer bei den Frauen um 0,4 Jahre und bei den Männern um fast ein Jahr erhöht.

Quelle: Rentenatlas 2023

Irene Gerlach hat fast durchgängig in Vollzeit gearbeitet.

Irene Gerlach

Programmiererin,
verheiratet, zwei Kinder


Gesetzliche Rente 2.263,84 Euro brutto
(davon für die Kindererziehung: 187,94 Euro)

In der DDR nahmen Mütter nur kurze Erziehungszeiten.

Irene Gerlach hat fast durchgehend in Vollzeit gearbeitet.

Mehr Kitas bedeuten mehr Rente

Das Beispiel Irene Gerlach zeigt, dass sich viel Vollzeitarbeit und kurze Auszeiten vorteilhaft auf die spätere Rente auswirken. Hier geht es ihr wie vielen anderen Frauen mit DDR-Biografie. Deshalb ist die Rentenlücke zwischen den Geschlechtern in den neuen Bundesländern deutlich kleiner als in den alten: Im Osten liegt derzeit der Unterschied bei 1.360 Euro (Durchschnittswert Männer) gegenüber 1.155 Euro (Durchschnittswert Frauen). Im Westen sind es 1.279 Euro bei den Männern gegenüber 789 Euro bei den Frauen. 

Irene Gerlach bekommt von der Deutschen Rentenversicherung monatlich 2.263,84 Euro brutto beziehungsweise 2.006,33 Euro netto, also circa doppelt so viel wie Frauen aus den neuen Ländern im Durchschnitt. Grund dafür ist auch ihre hohe Qualifikation im Bereich Technik. Die Deutsche Rentenversicherung berät ihre Versicherten auch zur Altersvorsorge – und zwar unabhängig und ohne Kosten (siehe Seite 28). Gerade für Frauen mit geringem Einkommen und damit auch niedrigen Renten sind die Kindererziehungszeiten, der Versorgungsausgleich bei Paaren und der Grundrentenzuschlag der Deutschen Rentenversicherung ein individueller Zuschlag. 

Finanzexpertin Dani Parthum hält viel davon, sich bei der Altersvorsorge insgesamt breit aufzustellen. „Es ist toll, wenn Frauen sich bei Geldanlagen auskennen – und dieses Wissen dann auch an ihre Kinder und in der Familie weitergeben.“ Parthum rät Frauen außerdem dazu, ihre Gesundheitsvorsorge im Auge zu behalten, um vielleicht auch nach dem Renteneintritt noch fit genug zu sein, um ein wenig arbeiten zu können. Bettina Wiebusch, die Berlinerin, zum Beispiel kann sich das gut vorstellen – schließlich macht ihr der Job sehr viel Spaß.

Drei Fragen an Dagmar Zanker von der Deutschen Rentenversicherung

Dagmar Zanker ist Referentin bei der Deutschen Rentenversicherung Bund, Abteilung Forschung und Entwicklung.

„Etwas zu tun ist immer besser, als nichts zu tun“

Warum bekommen Frauen im Durchschnitt deutlich weniger Rente als Männer?
Renten spiegeln die Erwerbsbiografien wider. Und die verlaufen bei Männern und Frauen häufig sehr unterschiedlich. Männer zahlen im Laufe ihres Lebens meist mehr und länger ein – und bekommen dann eben auch mehr Rente.

Was sieht unser Rentenversicherungssystem vor, um diese Lücke ein Stück weit zu schließen?
Es gibt soziale Elemente, die einen Ausgleich schaffen für bestimmte gesellschaftlich anerkannte Lebenssituationen, in denen aus guten Gründen oftmals keine oder nur geringe Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung gezahlt werden können. Gemeint sind hier unter anderem die Zeiten der Erziehung von Kindern oder der Pflege eines nahestehenden Menschen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Für Geburten ab 1992 können pro Kind drei Jahre an Kindererziehungszeiten anerkannt werden. Für Geburten vor 1992 sind es zweieinhalb Jahre pro Kind. Diese Zeiten werden so bewertet, als hätte hier die Frau – oder der Mann – so viel verdient wie der Durchschnitt aller Versicherten. Wichtig ist auch der Versorgungsausgleich nach einer Scheidung, der alle in der Ehezeit erworbenen Altersvorsorgeansprüche aufteilt. Außerdem gibt es noch den Grundrentenzuschlag, von dem vor allem Frauen mit niedrigen Renten profitieren. 

Was raten Sie Frauen generell zum Thema Rente?
Frauen sollten das Thema vor allem nicht verdrängen und aufschieben. Am Anfang stehen immer die Fragen: Welchen Lebensstandard wünsche ich mir im Alter? Und wie lässt sich der erreichen?
Dabei ist es wichtig, sich auch mit privater und betrieblicher Altersvorsorge zu beschäftigen. Ein erster Schritt könnte eine unabhängige, kostenfreie Beratung bei der Deutschen Rentenversicherung sein. Grundsätzlich gilt: Etwas zu tun ist immer besser, als nichts zu tun. Je früher, desto besser, aber besser spät als nie.