Diana Ezerex bei einem regulären Konzert. Im Gefängnis dürfen keine Aufnahmen gemacht werden.
Diana Ezerex bei einem regulären Konzert. Im Gefängnis dürfen keine Aufnahmen gemacht werden.



„Weibliche Gefangene reagieren emotionaler“

Diana Ezerex

ist 29 Jahre alt und lebt in Karlsruhe. Die deutsch-nigerianische Sängerin schrieb mit neun Jahren ihr erstes Lied. Heute setzt sie auf eine Mischung aus Pop und Indie. Sie tritt seit sechs Jahren in Gefängnissen auf und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet.

Frau Ezerex, Sie treten als Frau regelmäßig auch in Männergefängnissen auf. Nehmen Sie sich diesen Raum ganz selbstverständlich oder sind Sie angespannt in solchen Situationen?

Diana Ezerex: Bei meinen ersten Auftritten war ich schon angespannt. Aber inzwischen habe ich Erfahrung, verstehe die Lebenssituation der Strafgefangenen besser und kann mich sehr gut bei den Konzerten durchsetzen. Mich bringt so schnell nichts aus der Ruhe.

Die Texte Ihres Debütalbums „My Past’s Gravity“ (Die Schwerkraft meiner Vergangenheit) drehen sich um Themen wie Schuld und Vergebung. Wie sind Sie auf die Songs gekommen?

Ich interessiere mich schon seit einigen Jahren für das Thema Strafvollzug. Es fing damit an, dass eine gute Freundin ein Praktikum in einer Justizvollzugsanstalt gemacht hat. Wir haben oft darüber gesprochen, warum Menschen hinter Gittern landen und was es mit ihnen macht. Irgendwann war klar, dass ich diese Fragen zum Schwerpunkt meines Albums machen möchte.

Da dies noch vor Ihren Konzerten in Gefängnissen war: Wie haben Sie dazu recherchiert?

Ich habe Bücher von Autorinnen und Autoren gelesen, die im Gefängnis waren, viele Podcasts gehört. Außerdem habe ich mit Strafvollzugsbeamtinnen und -beamten und Menschen, die anderweitig einen Bezug haben, etwa Ehrenamtlichen und Seelsorgenden, gesprochen. Und natürlich ist auch viel Persönliches in das Album geflossen. Was bedeutet Schuld? Wo mache ich mich wie schuldig? An meinen Mitmenschen, an unserer Umwelt? Wie gehe ich mit Schuld um?

Frauen sitzen sehr viel seltener im Gefängnis als Männer. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ich glaube, dass Frauen eher dazu erzogen werden, mit Konflikten passiv und nach innen gerichtet umzugehen. Die Folge sind Suizidversuche, psychische Probleme und Alkoholoder Drogenabhängigkeit. Bei Frauen kommt es daher seltener zu Straftaten und noch seltener zu körperlicher Gewalt.

Sind die Konzerte in Frauengefängnissen dementsprechend anders für Sie?

Ja, zum Teil schon. Frauen zeigen leichter ihre Gefühle. Das mag ich, weil ich so eine direkte Rückmeldung auf meine Musik bekomme. Ich erinnere mich an ein Konzert in einem Frauengefängnis, bei dem wir alle – das Publikum, aber auch ich auf der Bühne – Rotz und Wasser geheult haben. Die Frauen haben in U-Haft gesessen, wussten also noch nicht genau, wie es mit ihrem Leben weitergeht, und waren entsprechend aufgewühlt. Und mich hat diese emotionale Stimmung angesteckt.

Wenn Sie auf der Bühne stehen und in das Publikum blicken, fragen Sie sich da, warum diese Menschen einsitzen?

Manchmal frage ich mich schon, wie es sein kann, dass das Begehen einer Straftat für sie in der Situation der einzige Weg zu sein schien. Das berührt mich und stimmt mich traurig. Ich versuche, bei meinen Konzerten unvoreingenommen auf die Menschen zuzugehen und ihnen die Chance zu geben, sich mir so zu zeigen, wie sie gesehen werden möchten. Ansonsten würde es keinen Sinn ergeben, so häufig in Gefängnissen Konzerte zu spielen. Ich denke also viel darüber nach, wie ich die Insassinnen und Insassen erreichen kann, wie ich sie dazu bringe, zuzuhören und in meine künstlerische Welt mit einzutauchen. Denn ich wünsche mir sehr, dass irgendwas in ihnen angestoßen wird, sie zum Nachdenken anregt und vielleicht auch nur für einen kleinen Moment berührt. Wenn sie nach dem Konzert rausgehen und die Musik und die Gedanken noch eine Weile in ihnen nachschwingen, habe ich mein Ziel erreicht.

Die meisten Menschen kennen das Leben im Gefängnis nur aus TV-Serien. Sie sind äußerst beliebt. Woher, glauben Sie, kommt die Faszination für das Leben hinter Gittern?

Ich glaube, für viele von uns ist das Gefängnis wie eine Parallelwelt. Die Vorstellung, selbst im Gefängnis zu landen, scheint so abwegig, und die Lebensrealität und der Alltag sind so fremd, dass sie faszinieren und anziehen. Die Abgründe des Menschlichen fesseln auf eine bestimmte Art und Weise, vielleicht auch, weil Gedanken der Art „Wie kann man nur?“ einem eine gewisse Erhabenheit vermitteln, denn „so tief würde ich ja nie sinken“. 
Gleichzeitig glaube ich, dass das Gefängnis als Metapher sehr bezeichnend ist für viele Erfahrungen, die wir im Leben machen. Das Gefühl, unfrei, eingeschränkt oder eingesperrt zu sein, vor allem mental, zum Beispiel durch Umstände, gesellschaftliche Zwänge oder Strukturen – das ist etwas, das wir fast alle kennen.

Übrigens: Nur ein Teil der Strafgefangenen ist rentenversicherungspflichtig. Es kommt darauf an, wo sie arbeiten.

Mehr Infos unter:
t1p.de/DRV-Haft-und-Rente

„Das Gefühl, unfrei und eingeschränkt zu sein, kennen wir alle.“

Kurzreportage - Hinter den Kulissen

Bevor es für Diana Ezerex hinter Gitter geht, muss sie erst einmal ihre persönlichen Gegenstände abgeben. Handtasche, Autoschlüssel – alles wird in einem kleinen Fach eingeschlossen. Nur ihre Akustikgitarre darf mit, denn ohne die geht es natürlich nicht auf der Bühne. Die Musikerin ist mehr als 300 Kilometer aus ihrer Heimatstadt Karlsruhe gefahren, um in der Justizvollzugsanstalt Ossendorf in Köln aufzutreten. Im Gepäck hat sie Lieder, die Schuld, Vergebung und Verantwortung thematisieren. Vor dem Auftritt steht erst einmal der Sound- und Lichtcheck an. Die Zuhörer – rund 90 Männer – betreten begleitet von Strafvollzugsbeamten den alten Kinosaal des Gefängnisses, in dem das Konzert stattfindet. Es geht los. Diana Ezerex steht, ihre Gitarre in der Hand, in der Mitte der Bühne. Anfangs ist es laut, es fällt vielen der Insassen schwer, zur Ruhe zu kommen. Doch je länger sie singt, desto besser gelingt es Ezerex, die Männer in ihren Bann zu ziehen. Weil sie ihre Lieder alle auf Englisch geschrieben hat, übersetzt sie zwischendurch Teile der Texte. Einige der Gefangenen kämpfen jetzt mit den Tränen. „Ruhe!“, ruft jemand, als die Geräuschkulisse abermals zu laut wird. „Meine Güte“, sagt sie, „hier ist es ja schlimmer als im Jugendknast.“ Gelächter. Die Singer-Songwriterin hat ihr Publikum genauso im Griff wie ihre Musik.

Mehr Informationen zu Diana Ezerex’ Musik:
dianaezerex.com