Das Familiensystem im Blick
Das neue Modellprojekt FER bezieht Angehörige von Patientinnen und Patienten in den Genesungsprozess bei psychosomatischer Reha mit ein.

Dieser Artikel zeigt auf, wie psychosomatische Rehabilitation bei psychischen Erkrankungen immer wichtiger wird – ein Thema, das viele Menschen direkt oder indirekt betrifft. Zudem erfahren Sie, wie das innovative Modellprojekt FER eine Versorgungslücke schließt, indem es neben den Patientinnen und Patienten auch deren Familien in den Rehabilitationsprozess einbezieht.
Psychische Erkrankungen nehmen in Deutschland seit Jahren zu. Dementsprechend steigt auch die Zahl von Patientinnen und Patienten in psychosomatischer Rehabilitation, wie der Reha-Bericht 2024 der Deutschen Rentenversicherung zeigt. Demnach wuchs der Anteil der Reha-Leistungen mit psychosomatischem beziehungsweise psychotherapeutischem Schwerpunkt in den Jahren 2006 bis 2023 von 12 auf 18 Prozent. Nehmen psychisch erkrankte Eltern jedoch an einer psychosomatischen Rehabilitation teil, so war diese bislang nur an sie selbst gerichtet. (Begleit-) Kinder, Lebenspartnerinnen und -partner sowie weitere Familienangehörige wurden nicht systematisch, regelmäßig und evidenzbasiert in das Behandlungskonzept einbezogen, dabei sind sie im Genesungsprozess von großer Bedeutung.
Diese Versorgungslücke möchte das Modellprojekt FER („Familienorientierte Erwachsenenrehabilitation bei psychisch Erkrankten“) der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd schließen. „Ist ein Familienangehöriger psychisch erkrankt, betrifft dies die ganze Familie. Hier setzt das Modellprojekt an“, erläutert die Projektverantwortliche Annina Thiller. Das Projekt wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales im Rahmen des Bundesprogramms rehapro gefördert und hat das Ziel, neben den Rehabilitanden auch deren Familiensystem nachhaltig zu stabilisieren und zu unterstützen. Während der vierjährigen Laufzeit vom 1. Januar 2024 bis 31. Dezember 2027 wird das Modellprojekt von der Hochschule Bochum und der Technischen Universität München wissenschaftlich evaluiert. Durchgeführt werden die Rehabilitationen im Rahmen des Modellprojektes FER in der Klinik Höhenried am Starnberger See in Kooperation mit der Fachklinik Gaißach. Beide Kliniken gehören dem DRV Rehaverbund Südbayern an.
„Bei der Entwicklung und Umsetzung innovativer Rehabilitationskonzepte ist unser DRV Rehaverbund Südbayern gerne mit dabei“, sagt Brigitte Iding, Vorsitzende der Geschäftsführung der DRV Bayern Süd. „In FER können wir die Kompetenzen unseres Verbundes optimal einbringen: Die Klinik Höhenried verfügt über umfassende Erfahrung in der Erwachsenen-Psychosomatik und die Fachklinik Gaißach über kinder- und jugendtherapeutische Expertise.“

„Ist ein Familienangehöriger psychisch erkrankt, betrifft dies die ganze Familie. Hier setzt das Modellprojekt FER an.“
Annina Thiller, Verantwortliche für das Modellprojekt FER
Wer kann teilnehmen?
An dem Modellprojekt können Versicherte der DRV Bayern Süd, der DRV Schwaben, der DRV Nordbayern und der DRV Bund teilnehmen, die eine psychosomatische Rehabilitation durch einen der vier Rentenversicherungsträger bewilligt bekommen haben und mindestens ein minderjähriges Kind haben. Unerheblich ist, ob dieses Kind ein leibliches, Stief- oder Adoptivkind ist und ob es im eigenen Haushalt wohnt oder, etwa nach einer Trennung, beim anderen Elternteil.
Während des Aufenthalts in der Rehaklinik stehen im Mittelpunkt der psychosomatischen Rehabilitation eines Elternteils unter anderem der Umgang mit der Erkrankung, die Kommunikation in der Familie, das Konfliktverhalten und eine positive Eltern-Kind-Beziehung. Die Angehörigen der Rehabilitanden werden online von zu Hause und/oder im Rahmen von Besuchswochenenden vor Ort in die Rehabilitation eingebunden.

Die Rehabilitanden müssen ihr Kind nicht zwingend zur Rehabilitation als Begleitkind mitbringen. Es treten auch Patientinnen und Patienten die Reha ohne ihr Kind an. Begleiten Kinder das Elternteil für die Dauer der psychosomatischen Rehabilitationsleistung, kann auch das Kind von der Unterstützung durch einen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten profitieren. Diese spezifische Entwicklungsförderung ist freiwillig und wird in der Regel mit einem Elterngespräch abgeschlossen, in dem es darum geht, wie das Kind auch im Anschluss an die Reha optimal weiter gefördert werden kann. Ein weiterer wichtiger Aspekt während der Rehabilitation ist die Förderung der Erziehungskompetenz, denn oft ist auch die Eltern- Kind-Interaktion durch die Erkrankung belastet. Unter anderem durch das sogenannte Modelllernen erfahren die Elternteile, wie sie den Umgang mit ihren Kindern verbessern können. Die nahtlose Weiterversorgung der Familien am Wohnort, zum Beispiel mit Angeboten der Familienberatung und Jugendhilfe, wird bereits in der Reha organisiert.
Die Dauer der Rehabilitation beträgt wie eine reguläre psychosomatische Rehabilitation insgesamt fünf Wochen. Verlängerungen sind nach Bedarf und in Ausnahmefällen möglich. „Uns als Team macht es stolz, Familien aus den verschiedensten Lebensrealitäten abzuholen und mit den Angeboten von FER gute Entwicklungen in Gang zu bringen, die alles andere als selbstverständlich sind“, resümiert Stephen Aita, Chefarzt für Psychosomatik an der Klinik Höhenried, die bisherigen Erfahrungen mit dem familienorientierten Rehabilitationsansatz. „Besonders hilfreich sind die Besuchswochenenden, die wirklich nicht jede Familie aus eigener Kraft stemmen könnte. Gerade für diese Familien sind solche Angebote aber besonders wichtig.“

Das Modellprojekt FER wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales im Rahmen des Bundesprogramms rehapro gefördert.
Weitere Informationen
Weitere Informationen zum Modellprojekt FER für Versicherte, Ärzte und Therapeuten der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd:
www.deutsche-rentenversicherung.de/BayernSued/DE/Ueber-Uns/FER/FER_node.html
Informationen zum Bundesprogramm rehapro einschließlich eines Überblicks über alle durch die Initiative geförderten Projekte: