Wenn der Job im Nacken sitzt
Der Kopf brummt, der Nacken spannt, der Rücken meldet sich bei jeder Bewegung – viele kennen das nach einem langen Tag am Schreibtisch. Kein Wunder! Wir Menschen sind eigentlich für Bewegung gemacht.
Der Artikel zeigt praxisnah, wie man durch ergonomisches Arbeiten und gezielte Bewegung im Berufsalltag Schmerzen und Beschwerden vorbeugen kann. Er macht bewusst, wie kleine Anpassungen am Arbeitsplatz die Gesundheit und Leistungsfähigkeit nachhaltig verbessern.
Sitzen ist Gift für unseren Körper“, sagt Karen Voß von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Westfalen. Die 42-jährige Sportwissenschaftlerin arbeitet im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) der DRV Westfalen und berät rund 2.500 Mitarbeitende bei Fragen rund um das ergonomische Arbeiten. Voß kennt die Probleme aus ihrer jahrelangen Tätigkeit im Reha-Bereich: „Wir Menschen sind nicht für das lange Sitzen gemacht. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir gut sitzen, um möglichst lange gesund und leistungsfähig zu sein.“
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, sich mindestens 150 Minuten pro Woche mit mittlerer Intensität oder 75 Minuten mit hoher Intensität zu bewegen. Ein Büroangestellter, der mit dem Auto zur Arbeit fährt, acht Stunden am Schreibtisch sitzt, wieder nach Hause fährt und den Abend vor dem Fernseher auf dem Sofa verbringt, verpasst diesen Wert deutlich. Die Lösung liegt auf der Hand: Bewegung. „Unsere ganze Körperkonstitution ist darauf ausgerichtet“, weiß Voß aus Erfahrung. „Wir empfehlen, den Arbeitsalltag so bewegt wie möglich zu gestalten. Aber im Arbeitsstress wird es einfach oft vergessen. Dann rutschen Bewegungspausen schnell ganz nach unten auf der To-do-Liste.“
Ergonomie mit System
Bei der DRV Westfalen gehört die ergonomische Beratung fest zum Onboarding. Das BGM-Team besucht jede neue Kollegin und jeden neuen Kollegen am Arbeitsplatz – mit einem kleinen blauen Rucksack voller Hilfsmittel. „Wir schauen uns auch die Arbeitsplätze von langjährigen Mitarbeitenden an und sehen dann, warum manche von ihnen Schmerzen haben“, sagt Voß. „Viele melden sich erst bei uns, wenn sich die ersten Beschwerden bemerkbar machen, einfach weil Schmerzen oft erst dann bewusst zeigen, wo etwas nicht passt.“ Damit es gar nicht erst so weit kommt, führt das BGM etwa 30 Erstberatungen pro Monat durch. Die Ergonomieberaterinnen sprechen mit den Mitarbeitenden, schauen sich die Arbeitsplätze an und optimieren sie, damit alle von Anfang an gesund sitzen. „Viele würden sagen: ‚Ich weiß, wie ich meinen Arbeitsplatz einzustellen habe, ich arbeite doch jeden Tag daran‘. Aber manchmal bewirken schon kleine Korrekturen viel Positives“, so Voß.
Denn richtig sitzen will gelernt sein. Mal sind die Armstützen zu tief eingestellt, mal funktioniert der Stuhl nicht richtig oder die Bildschirme sind zu weit entfernt. Und je länger der Tag, desto kreativer werden die Sitzposen – Schneidersitz, Kopf abstützen, Beine überschlagen. Das sechsköpfige Team des BGM um Karen Voß aus Physiotherapeutinnen, Psychologinnen und Ernährungswissenschaftlerinnen schafft mit seinem Know-how die Grundlagen, damit auch innerhalb „der Rente“ bis zur Rente gut gearbeitet werden kann. Die Verantwortung, sein Verhalten daran anzupassen, trägt aber jeder selbst. „Es sind alles nur Empfehlungen von uns“, sagt Voß. „Die meisten nehmen sie dankbar an, manche müssen sich erst darauf einlassen.“
Routine gegen Schmerzen
Nach drei Wochen folgt eine Zweitberatung: Passt noch alles? Gibt es neue Beschwerden? Im Anschluss bekommt jeder und jede Mitarbeitende einen Ergonomiepass mit den optimalen persönlichen Einstellungen und allen wichtigen Informationen. Dieser Pass zieht überall mit hin um: an einen neuen Arbeitsplatz oder ins Homeoffice. „Durch die Digitalisierung sitzen wir noch mehr. Die Arbeitsmittel rücken immer näher, wir laufen weniger zum Kopierer und bringen weniger Akten von einem Ort zum anderen“, sagt Voß. Umso wichtiger sind kleine Auszeiten mit Bewegung.
Zweimal pro Woche bietet das BGM in der Hauptverwaltung am Standort Münster die „Aktive Pause“ an. Dann wird mit gezielten kleinen Übungen gegen Verspannungen gearbeitet. Dienstags und donnerstags können alle Mitarbeitenden von 9.30 Uhr bis 9.40 Uhr Bewegung in ihren größtenteils sitzenden Alltag bringen. Das hat nicht nur körperlich einen positiven Effekt, sondern auch geistig: „Durch die Durchblutung des ganzen Körpers und des Gehirns ist man nach nur zehn Minuten aktiver Pause einfach wieder wacher, konzentrierter und leistungsfähiger als vorher“, erklärt Voß.
Perfekte Sitzhaltung hin oder her – letztendlich muss sich jeder wohlfühlen und vor allem beweglich bleiben. „Es ist wichtig, flexibel zu sein und auch alte Gewohnheiten mal über Bord zu werfen. Vor allem bei Stress am Arbeitsplatz kann eine kurze bewegte Auszeit einen großen Unterschied machen.“ Kleine Pausen, viel gehen, Treppe statt Aufzug, ein Spaziergang in der Mittagspause. Die Kunst ist, diese Handlungsweisen dauerhaft in den Büroalltag zu integrieren. Denn gutes Sitzen ist kein Zustand – sondern eine Routine.
Kleine Ergonomie-Fibel
So sollte ein gesunder Arbeitsplatzaussehen:
1. Bürostuhl
Die Stuhlhöhe sollte so eingestellt sein, dass die Beine leicht über 90 Grad gebeugt sind. Damit sind Hüfte offen und Becken aufgerichtet. Die Sitzfläche sollte komplett genutzt werden, um den Rücken zu stützen. Die Rückenlehne sollte den Lendenbereich stützen, damit das Becken aufgerichtet ist. Dynamisches Sitzen ist wichtig für Bewegung in Bandscheiben und Muskulatur. Die Armlehnen und Arme sollten einen rechten Winkel bilden. Die Unterarme liegen auf, um den Schultergürtel zu entlasten.
2. Schreibtisch
Die Tischplatte sollte eine Verlängerung der Armlehnen sein und den Schulter-Nacken-Bereich unterstützen. Auch im Stehen sollten die Ellenbogen einen rechten Winkel bilden.
3. Arbeitsmittel
Monitore sollten mittig im Blickfeld stehen, mit einer Armlänge (50 bis 80 Zentimeter) Distanz. Bildschirmoberkante an Augenoberkante ausrichten und unteren Bildschirmrand leicht nach vorne neigen! Die Tastatur sollte 10 bis 15 Zentimeter von der Tischkante entfernt sein, damit Hände locker und flach aufliegen. Die Maus sollte nah an der Tastatur liegen, damit die Arme abgelegt werden können.
4. Beleuchtung
Das Deckenlicht sollte immer eingeschaltet sein, auch wenn draußen die Sonne scheint. Ist es draußen zu hell, sollte mit Sichtschutz abgeblendet werden. Der Schreibtisch sollte seitlich zur Fensterfront stehen.