Reha daheim
Zur Erholung eine Eltern-Kind-Reha? Eine gute Idee – und zwar für Mann und Sohn. Unsere Kolumnistin bevorzugt die häusliche Gemütlichkeit.
In dieser Kolumne beschreibt Ninia LaGrande auf humorvolle Weise, warum sie lieber zu Hause bleibt, statt mit der Familie in die Reha zu fahren. Ein unterhaltsamer Blick auf Erholung und Selbstfürsorge.
Schläfst du schon?“, fragt der Mann, nachdem er den letzten Bissen Nudeln hinuntergeschluckt hat. Ich zucke und schaue hoch. Tatsächlich war ich am Tisch kurz eingenickt. „Ich bin da, alles gut“, sage ich. „Was hat denn der Arzt gesagt?“ fragt er. Der Arzt … mein müdes Gehirn rotiert. Ach ja, genau, ich war ja beim Arzt. „Die Rippenfellentzündung ist gut ausgeheilt, aber ich soll aufpassen, zukünftig nicht mehr in diese Erschöpfungsschleifen zu geraten.“ „Na, das klappt ja wunderbar“, findet der Mann und zeigt auf mein müdes Ich, das den Kopf auf die Hand stützt.
„Er hat vorgeschlagen, dass das Kind und ich in die Reha fahren. Drei Wochen.“ Er lehnt sich zurück und wartet. Bis mich ein Geistesblitz trifft: Der Mann soll mit dem Kind in die Reha und ich erhole mich fein daheim! „Denk nur an deine schlimmen Rückenschmerzen“, sage ich. „Damit ist nicht zu spaßen.“
Für mich hingegen ist jeder Familien-Campingurlaub erholsamer, als allein mit dem Kind unterwegs zu sein und die Verantwortung in dieser Zeit allein zu tragen, während man sich nach Walken, Wassergymnastik und Ernährungsberatung doch bitte bei Yoga, Atemübungen und Maltherapie entspannen soll. Und das mit dem Wissen, dass man in zwei Stunden den ganzen Nachmittag Pokémon spielen und übers Zocken diskutieren wird.
Vor allem liegt meine Erschöpfung nicht in unserer Aufteilung begründet, sondern in mir. Ich bin das Problem. Ich kann nicht gut auf mich aufpassen. Ich will aber auch nicht allein wegfahren. Beruflich bedingt sitze ich mein halbes Leben in Zügen und auf Hotelbetten. Ich bin einfach gern zu Hause. Der Mann überlegt: „Ja, vielleicht beantrage ich die Reha mit Kind. Dann bleibst du zu Hause und kümmerst dich nur um dich selbst.“
Bei dem Gedanken werde ich plötzlich wach. Ich sehe mich winkend am Fenster, die beiden steigen ins Auto und fahren los. Ich fläze mich nur in Unterwäsche auf das Sofa und starte den Serienmarathon, lese einen Fantasy-Schinken nach dem anderen, ernähre mich von Lieferdiensten und dusche so lange ich will. Niemand stört mich, wenn ich auf der Toilette sitze, niemand weckt mich auf. Ich werde drei Wochen nur ausschlafen!
In meinem Kopf spielen Fanfaren, Konfetti rieselt durch unseren Flur, die Chips fliegen von selbst in meinen Mund – Ninia im Wunderland. „Ich würde euch bestimmt vermissen“, sage ich. Der Mann grinst: „Nein, würdest du nicht. Und je nachdem, wo wir dann sind, können wir nachmittags auch noch wandern.“ Ohne mich, die nach kurzer Zeit mehr jammert als das Kind und nach jeder Kurve nach einem Eis fragt – das sagt er nicht dazu.
Am nächsten Morgen rufe ich beim Arzt an. „Ich bleibe zu Hause“, stelle ich fest, „aber allein. Die zwei machen das schon.“ Der Arzt lacht: „So machen wir das. Und, wenn sie nächstes Jahr wieder vor mir sitzen, verschreibe ich Ihnen direkt einen Aufenthalt auf dem Sofa. Drei Wochen.“ „Mit Eis?“, frage ich. „Oh, Eis ist bei Erschöpfung besonders heilsam“, sagt der Doktor. „Gibt es das auf Rezept?“ Er lacht auf: „Wir sehen uns hoffentlich nicht so schnell wieder, viel Spaß bei Ihrer Reha daheim!“
Nina LaGrande
Die kleinwüchsige Moderatorin, Autorin und Podcasterin lebt mit Mann und Kind in Hannover. Mit ihrer Arbeit setzt sie sich auch für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein.
Ninia auf Instagram:
@ninialagrande