Zum Inhalt springen

Wie Genuss zur Therapie wird

Mit Diabetes lustvoll essen – das ist kein Widerspruch. Die Rehaklinik Hohenelse in Rheinsberg beweist, dass Genuss und Gesundheit gut zusammenpassen. Mehr noch: dass Ernährungsumstellung ohne Genuss nicht funktioniert.

In der Lehrküche wird gesundes Essen frisch zubereitet. Viele Zutaten stammen aus der Region.
Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Der Artikel zeigt anschaulich, wie Menschen mit Diabetes durch Rehabilitation lernen können, gesund zu essen, ohne auf Genuss zu verzichten. Er macht Mut und vermittelt praktische Einblicke, wie eine Ernährungsumstellung im Alltag gelingen kann.

Text: Liv Pelikan
Reha
Berlin
Brandenburg
01/2026

Wenn im großen Kräutergarten die ersten Wildkräuter sprießen, beginnt in der Rehaklinik Hohenelse der Frühling. Zwölf Menschen stehen in der Lehrküche, es riecht nach frischem Dill und einem Hauch Zitronenmelisse. Ein Kraftfahrer, der an Raststätten meist Currywurst und Schnitzel isst, schält Kartoffeln. Neben ihm rührt eine junge Frau in einer Pfanne mit frischen Tomaten. Sie hat im Schichtdienst oft zu süßen Snacks gegriffen. Eine Sachbearbeiterin, die abends meistens zu müde zum Kochen war, würzt das Dressing. Sie alle haben dieselbe Diagnose bekommen: Diabetes mellitus Typ 2. Alle waren sicher: Jetzt ist Schluss mit Genuss.

Heute kochen sie nach Rezept „Hechtkotelett Italienische Art“ mit Kartoffeln, dazu gibt es einen bunten Salat. Noch liegt Verunsicherung in der Luft: „Das alles darf ich essen?“, fragt jemand. „Und es wird Ihnen schmecken!“, antwortet Diätberaterin Manja Kröhnert und lacht. „Auch Ihre Blutzuckerwerte werden sich freuen.“ Sie mag diese Momente, wenn ihre Kursteilnehmenden merken: Gesund essen muss nicht nur Verzicht sein, sondern kann nach einem neuen Lebensgefühl schmecken.

„Wir zeigen, dass gesundes Essen schmecken kann.“

Andreas Rohde,
Chefkoch in Hohenelse

Gesund schmeckt nach Heimat

Die Diagnose Diabetes klingt für viele erst einmal nach dem Ende von allem, was Spaß macht. „Viele kommen hier an und denken: Jetzt gibt es nur noch geschmacklose Schonkostmahlzeiten“, sagt Andreas Rohde, Chefkoch in Hohenelse. „Aber wer dauerhaft verzichtet, hält nicht durch. Wir zeigen, dass gesundes Essen schmecken kann und dass unsere Rehabilitandinnen und Rehabilitanden ihre Gewohnheiten zum Guten ändern können. Sie sollen gesund durch das Jahr kommen!“

Rohde und sein Team bekochen täglich 200 Gäste. Viele Zutaten stammen von Lieferbetrieben aus der Region: Äpfel aus dem Havelland, Gurken aus dem Spreewald, Joghurt aus Neustrelitz. Vom Bäcker aus dem nahen Lindow gibt es frische Brote nach Hohenelse-Rezeptur. Der Hecht für das heutige Gericht in der Lehrküche stammt aus der Müritz-Region. Das ist nachhaltig und fördert die Wertschöpfung in der Region.

Gesunde Ernährung hat sowohl präventives als auch – im Falle einer vorliegenden Erkrankung – therapeutisches Potenzial und kann Heilungsprozesse unterstützen. An einem normalen Tag bereitet das Küchenteam 15 bis 20 verschiedene Sonderkostformen zu, oft nur jeweils eine einzige Portion. Ob ernährungsabhängige Erkrankungen wie Diabetes, Gicht, Stoffwechselstörungen und Osteoporose, aber auch Allergien oder Unverträglichkeiten – für jeden wird ein passendes Ernährungskonzept entwickelt. Die Ernährungsberatung in Hohenelse ist so individuell wie die Menschen, die hier in Reha sind. Der Rekord liegt bislang bei 41 verschiedenen Kostformen – an einem Tag. Ziel der Ernährungstherapie ist es, den Essstil der Rehabilitanden zum Positiven zu verändern. Damit das langfristig gelingt, müssen die Mahlzeiten vor allem alltagstauglich sein. Und so gehen Küchencrew und Diätberatungen in Einzel- und Gruppenschulungen genau darauf ein: Was sind gesunde Snacks für Mitarbeitende im Büro? Wie lassen sich Mahlzeiten vorbereiten, um über einen längeren Zeitraum Energie zu haben und nicht müde zu werden? Viele der Diabetes-Typ- 2-Rehabilitanden verbessern ihre Blutwerte während der Reha deutlich. Einige können ihre Medikamente reduzieren, manche sogar auf Insulinspritzen verzichten. Das motiviert. Aber noch wichtiger ist etwas anderes: das Gefühl, dass Diabetes nicht das Ende von Lebensqualität bedeutet, sondern vielleicht der Anfang von etwas Neuem.

In der Lehrküche sitzen die zwölf Rehabilitanden mittlerweile zusammen am Tisch. Vor ihnen dampft das Hechtkotelett mit Tomatensauce. Der Kraftfahrer nimmt einen Bissen. Kaut. Schweigt. Dann sagt er „Das ist verdammt gut.“ Nach drei Wochen wird es für ihn, die junge Frau im Schichtdienst und die anderen Rehabilitanden wieder nach Hause gehen. Er nimmt ein Büchlein voller Notizen und guter Rezepte mit. Und für den neuen Alltag hat er sich eine kleine Kühlbox bestellt, für seine langen Fahrten durchs Land und das gesunde Essen, das er in Zukunft dabeihaben möchte.

Besser essen & trinken

Manja Kröhnert
bietet in der Rehaklinik Hohenelse Einkaufs- und Ernährungsberatung an.
Tipps von Diätassistentin Manja Kröhnert

• Trinken ist Basisarbeit! Flüssigkeitsmangel bremst Konzentration und Stoffwechsel. Ideal: zwei Liter Wasser oder ungesüßter Tee pro Tag.
• Wer regelmäßig isst, stabilisiert seinen Blutzuckerspiegel und vermeidet Heißhunger. Das schont die Bauchspeicheldrüse – besonders wichtig bei Diabetes.
• Wer weniger salzt, schmeckt mehr. Nach zwei Wochen merkt man den Unterschied. Und schont den Blutdruck.
• Vollkorn statt Weißmehl, Naturjoghurt statt Fruchtjoghurt. Die positiven Effekte auf Verdauung, Energielevel und Schlaf sind spürbar, ganz ohne Kalorienzählen.
• Süßhunger ist kein Befehl! Bei einem Tief helfen ein heißes Getränk, ein Beerenquark, Gemüsesticks oder ein paar Nüsse.

­

Manja Kröhnert
bietet in der Rehaklinik Hohenelse Einkaufs- und Ernährungsberatung an.

Informationen

Rehaklinik Hohenelse

Die Klinik der Deutschen Rentenversicherung Berlin- Brandenburg ist auf die Rehabilitation bei Diabetes und Stoffwechselerkrankungen sowie Orthopädie spezialisiert. Neben Bewegung und Entspannung spielt die Ernährung hier eine zentrale Rolle. Hohenelse ist „Ernährungsmedizinische Schwerpunktklinik“ und seit 2022 Diabetes Exzellenzzentrum der Deutschen Diabetesgesellschaft.

www.rehaklinik-hohenelse.de