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Tagebuch aus der Trockenzeit

Der trockene Alkoholiker Thomas Mayer berichtet in seinem Reha-Tagebuch, wie er in der Fachklinik Eußerthal einen Weg aus der Abhängigkeit gefunden hat.

Ein älterer Mann mit Brille und grauem Bart lächelt freundlich in die Kamera. Er trägt einen grauen Hut und eine graue Jacke und steht in einem Park mit Bäumen im Hintergrund.
Darum sollten Sie diesen Artikel lesen:

Lesen Sie den Artikel, um einen persönlichen Einblick in den Reha-Weg von Thomas Mayer zu erhalten, der seine Alkoholsucht überwindet und neue Perspektiven für ein abstinentes Leben entdeckt.

Text: Heimo Fischer
Reha
01/2026

Vor einiger Zeit wird Thomas Mayer klar, dass er ein Problem mit Alkohol hat. Er beschließt, abstinent zu leben. Doch das ist schwieriger als gedacht. Deshalb beginnt er schließlich eine Reha in der Fachklinik Eußerthal im Pfälzerwald. Die Einrichtung der Deutschen Rentenversicherung ist auf Abhängigkeitserkrankungen spezialisiert. Während des dreimonatigen Aufenthalts schreibt er ein Tagebuch, das wir im Gespräch mit ihm ergänzt haben und in Auszügen veröffentlichen.

Dienstag, 24.10. Um neun Uhr erreiche ich die Klinik mit meinem Auto. Obwohl das Gebäude schön gelegen ist, macht sich ein Gefühl der Beklemmung in mir breit. Was kommt auf mich zu? Welchen Menschen werde ich hier begegnen? Meine Stimmung hellt sich auf, als mich das Personal sehr freundlich begrüßt. Ich freue mich über mein Einzelzimmer mit Ausblick. Schon stehen die ersten Termine an. Laufzettel, Rundgang und viele wichtige Informationen.

Ein älterer Mann steht in einer modernen Küche und bereitet etwas vor. Er hält eine kleine Schüssel in der Hand und schaut konzentriert auf das, was er tut. Hinter ihm sind verschiedene Küchengeräte sichtbar.

Mittwoch, 25.10. Nach dem Frühstück gibt uns der Chefarzt einen Überblick über den Ablauf der Reha. Er begegnet uns Patienten mit viel Respekt, erklärt Verhaltensregeln und Hintergründe. Ich fühle mich ernst genommen, was mir sehr guttut. Danach mache ich einen Spaziergang auf dem Klinikgelände, das wir jetzt am Anfang noch nicht verlassen dürfen.

Donnerstag, 26.10. Heute wird es ernst, denn es findet die erste Gruppentherapie statt. Die Sitzung berührt mich; ich spüre, wie ich mit mir selbst in Kontakt komme, und höre dem Oberarzt sehr aufmerksam zu. Ich gewinne eine im Grunde sehr einfache Erkenntnis: Niemand kann mir helfen, wenn ich mir nicht selbst helfe. Das Gelingen der Therapie liegt in meiner Hand.

Montag, 30.10. Gelingen der Therapie liegt in meiner Hand. Gruppentherapie. Der Psychologe nennt uns Kriterien, die eine Sucht belegen. Es geht um Menge und Häufigkeit des Konsums, Kontrollverlust und Erinnerungslücken. Sechs von sieben Kriterien treffen auf mich zu. Ich muss mir endgültig eingestehen: Ja, ich bin Alkoholiker.

Dienstag, 31.10. In der Gruppenrunde berichten wir über unser Leben mit dem Alkohol. Ich bin erstaunt, was für unterschiedliche Menschen hier sind. Einige scheinen von außen betrachtet ein erfolgreiches Leben zu führen, andere haben durch ihre Sucht den Führerschein oder ihren Job verloren, Ehen und Freundschaften gingen in die Brüche.

Samstag, 4.11. Heute findet keine Therapie statt. Ich bin froh, dass ich einen Führerschein habe und Auto fahren darf. Dadurch kann ich Ausflüge in die Gegend machen. An den kommenden Wochenenden will ich wandern gehen und den Zoo in Landau besuchen.

Zwei Zebras in einem Tiergehege, sie grasen nahe eines Holzstalls und stehen in einem natürlichen, freiliegenden Bereich des Zoos.
Ruinen einer alten Burg, von der nur noch zerfallene Mauern und Bögen übrig sind. Efeu und Pflanzen haben sich an den Steinen festgesetzt.

Montag, 6.11. Nachdem ich mich am Vortag beim Sporttest wegen meiner Knieprobleme schonen musste, steige ich bei der Musiktherapie voll ein. Ein Knaller! Es berührt mich, wie viel Harmonie beim gemeinsamen Spiel auf Klanginstrumenten entstehen kann. Am Abend fasse ich Mut, rufe einen Freund an und erzähle ihm von meinen Alkoholproblemen. Er reagiert total positiv. Ich fühle mich befreit.

Mittwoch, 22.11. Am Nachmittag steht ein Paargespräch auf dem Programm. Die Teilnahme ist freiwillig. Per Video wird meine Frau zugeschaltet. Sie hatte mich sehr zu dieser Reha ermutigt. Die Sitzung verläuft positiv, dennoch fühle ich mich angespannt. Einer der Gründe: Beide Partner bekommen dieselben Fragen unabhängig voneinander gestellt. Da wäre es doch gut, wenn die Antworten ähnlich ausfallen. Besonders wenn eine Frage lautet: Wie erfüllend ist Ihr Sex?

Ein älterer Mann sitzt an einem Holztisch in einem gut beleuchteten Raum und arbeitet mit Buntstiften und Papier. Auf dem Tisch sind verschiedene Kunstmaterialien wie Stifte, Kleber und Notizblöcke zu sehen.

Mittwoch, 6.12. Ich erhole mich von einer starken Erkältung. Heute zeichnen wir unsere Suchtkurve auf. Es geht darum, Stationen des Lebens und der Sucht in der Gruppe vorzustellen. Mein Therapeut fragt genau nach und ich bemerke, dass mein Beruf in der Krankenpflege nicht das Richtige für mich war. Eine traurige Erkenntnis, die mich aber mit mir selbst versöhnt.

Montag, 11.12. Schlechte Nacht gehabt. Immer wieder auf die Uhr geschaut. Da passt das heutige Seminar zur Schlafhygiene. Es werden weitere Module zu dem Thema angeboten, die ich ebenfalls mitmachen will.

Samstag, 17.12. Schöner Dezembertag. Ich mache eine Wanderung und denke daran, wie es werden wird, wenn ich über die Weihnachtstage nach Hause fahre in meine gewohnte Umgebung.

Samstag, 23.12. Kurz nach zwölf treffe ich in Krefeld ein und nehme meine Frau in die Arme. Ich freue mich, obwohl sich die ersten Stunden in der Wohnung seltsam fremd anfühlen. Aber das gehört wohl dazu nach so langer Zeit.

Dienstag, 26.12. Rückfahrt. Ankunft gegen Abend. Die Klinik gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Mein Zimmer ist mir vertraut und ich fühle mich wohl hier.

Samstag, 30.12. Wochenende. Zum Frühstück gehe ich in meine Stammbäckerei, in der mir die Butterbrezeln so gut schmecken. Ich beobachte den Wahnsinn an der Verkaufstheke, den Stress bei Verkäuferinnen und Kunden. Ich bin fast froh, den Silvesterabend allein auf meinem Zimmer in der Klinik zu verbringen.

Freitag, 5.1. In der Gruppenstunde geht es um Männer und Gefühle. Die Thematik ist mir unangenehm, denn ich muss daran denken, wie mich zuvor in einem Therapiegespräch ein Gefühl überwältigte und mir die Tränen kamen. Jetzt freue ich mich auf den Besuch meiner Familie am Wochenende.

Dienstag, 16.1. Die Reha geht ihrem Ende entgegen. Ich rufe bei der Caritas Suchthilfe in Krefeld an und bekomme bereits für die Folgewoche einen Termin für die Nachsorge.

Freitag, 19.1. Mein Bezugstherapeut und ich ziehen ein positives Fazit. Ich habe meine Ziele erreicht und fühle mich gewappnet für ein abstinentes Leben.

Ein älterer Mann mit Brille und Mütze steht draußen und hält eine Kamera in der Hand. Er schaut durch das Objektiv, während er das Bild aufnimmt.

Dienstag, 23.1. Tag der Heimreise. Der Abschied von den Menschen hier war sehr emotional. Ich fahre mit einem festen Vorsatz nach Hause: Ich werde der Droge Alkohol keinen Platz mehr in meinem Leben geben.

Weitere Information zur Fachklinik Eußerthal: 

www.fachklinik-eusserthal.de

SWR-Beitrag aus der Fachklinik Eußerthal

Informationen

Wege aus der Abhängigkeit

In Deutschland sind rund 1,7 Millionen Menschen von Alkohol abhängig, 1,9 Millionen von Medikamenten. Rehakliniken der Deutschen Rentenversicherung helfen, davon loszukommen und ins Arbeitsleben zurückzukehren. Sie bieten ein vielfältiges Angebot. Dazu gehören: Gruppenund Einzeltherapie, tägliche ärztliche Sprechstunden, Ernährungsberatung, Ergo-, Musik- und Physiotherapie sowie verschiedene Sportangebote. Auch Übungen zur Entspannung und sozialen Kompetenz sind Teil des Reha-Pakets. 

Meistens findet eine Reha nach der Entgiftung im Krankenhaus statt. Sie soll eine Entwöhnung ermöglichen und kann mehrere Wochen oder Monate dauern. Ziel ist es, abstinent zu werden und zu bleiben. Für den Reha-Antrag benötigt man ein medizinisches Gutachten oder einen aktuellen Befundbericht. Außerdem muss ein sogenannter Sozialbericht einer Suchtberatungsstelle vorliegen.

Weitere Infos:
t1p.de/DRV-Sucht-Reha
Broschüre Entwöhnung:
t1p.de/DRV-Broschuere-Entwoehnung
Reha-Antrag:
t1p.de/DRV-Antrag-Sucht-Reha